Dumm, domm, damm, ding, ding: Den Gong, der die Unterrichtsstunde einläutet, haben viele Schüler seit vielen Wochen nicht gehört. Nun läutet er auch ein Stück Normalität ein, denn seit Montag gibt es an Bayerns Schulen wieder Präsenzunterricht für alle Klassen.

"Was ist eine Suchanzeige?", fragt Lehrerin Yvonne Spangel die Hälfte ihrer vierten Klasse an der Hugo-von-Trimberg-Volksschule in Bamberg. Die Schüler sitzen einzeln, immer ein leerer Tisch dazwischen. Alle neun Kinder heben die Hand, eines improvisiert: "Wenn ich meinen Rucksack im Kino vergessen habe und ihn wiederfinden möchte." Dann werden die Schüler nach Adjektiven gefragt, die den Rucksack beschreiben, und wo man Suchanzeigen aufgeben kann. Nach Zetteln an Bäumen und Posts in sozialen Netzwerken wird die Zeitung immerhin an dritter Stelle genannt.

Nur "Frontalunterricht" möglich

Spangel ist froh, wieder im Klassenzimmer unterrichten zu können. "Ich will die Augen der Kinder sehen, um zu wissen, ob sie es wirklich verstanden haben", erklärt sie. Und auch mehrere Kinder hätten ihr gesagt: "Schön, dass wir endlich wieder in die Schule können" - "Ein Satz, den man von Schülern sonst nicht oft hört", freut sich die Lehrerin. Das gemeinsame Lernen sei wichtig. "Wir wollen ja keine Einzelkämpfer großziehen, wir wollen die Kinder sozialisieren."

Doch das ist derzeit nur begrenzt möglich: Sitzkreise, Gruppenarbeiten, Basteln in der Werkstatt, austoben beim Sport, gemeinsam Singen oder Malen - das alles ist nicht möglich. "Wir können nur Frontalunterricht machen, von dem wir eigentlich wegwollen." Der Unterricht ist auf die Kernfächer Mathe, Deutsch und Englisch beschränkt. Laut Schulleiter Bernhard Ziegler werden Schwerpunkte aus Nebenfächern wie Geschichte oder Erdkunde nach Möglichkeit integriert. Spangel versucht, zwischen den Stunden Bewegungspausen am Platz einzubauen. Denn nach dem Gong dürfen die Kinder das Klassenzimmer nicht verlassen, um Gruppenansammlungen auf den Gängen und im Pausenhof zu vermeiden. Also kein gemeinsames Spielen in der großen Pause, "die Kinder können nicht mal mehr streiten", sagt die Lehrerin. "Aber auch das gehört zum Erwachsenwerden." Spangel selbst fehlt an der großen Pause der Austausch mit Kollegen.

Vor der ersten Stunde warten die Schüler vor dem Haupteingang und werden von den Lehrern über unterschiedliche Eingänge in die Klassenzimmer aufgeteilt, zeitversetzt. Auf den Gängen zeigen schwarz-gelbe Streifen und Pfeile die Gehrichtung an. Auf den Toiletten sind rote Kegel, die vor die Tür gestellt werden, wenn besetzt ist. Denn mehr als eine Person darf nicht rein. Vor jedem Zimmer sind Desinfektionsmittel-Spender.

Gruppenwechsel oder Schichtbetrieb

Spangel und einige weitere Kollegen unterrichten die Hälfte ihrer Klasse für drei Stunden am Morgen, die andere am Mittag - sozusagen im Schichtbetrieb. Eine Vollzeitkraft arbeitet dadurch etwa zwei Stunden mehr pro Woche als normalerweise. Andere Klassen werden jeweils zur Hälfte eine Woche lang in der Schule unterrichtet, und vertiefen das Gelernte dann in der darauffolgenden Woche zu Hause, während die andere Hälfte in der Schule ist. "Das ist für die Kollegen sehr belastend", schätzt Spangel. Denn die Mischung aus Präsenzunterricht und Betreuung des Home-Schoolings sei deutlich zeitaufwendiger.

Das bestätigt auch Schulleiter Ziegler, der betont: "Schulschließung und Home-Schooling hießen keineswegs Ferien für die Lehrer." Viele und auch er seien während der Schließung täglich vor Ort gewesen.

Ein Grund dafür ist der logistische Aufwand, um die schrittweise Öffnung über die vergangenen Wochen stemmen zu können, erzählt Ziegler und zeigt auf den dicken "Corona-Ordner" in seinem Büro, in dem die Vorgaben des Bayerischen Kultusministeriums gelistet sind. Der Start habe aber reibungslos funktioniert. Das kann Schulamtsdirektor Thomas Kohl für alle Bamberger Schulen bestätigen: "Ein großes Kompliment an die Kollegen, das sind Organisationsprofis. Wir haben nach dem Start noch keine Rückmeldungen erhalten - was ein gutes Zeichen ist", sagt er. Das Schulamt hat nur einzelne Schulen mit Reserve-Räumen und -Lehrkräften unterstützt. Für den Mehraufwand, und für Lehrer über 60 Jahre oder mit Vorerkrankungen, die sich keinem Risiko aussetzen möchten.

Ein weiterer Grund für viel Arbeit auch während der Schulschließung ist, dass besonders bei Grundschulkindern nicht gewährleistet werden kann, dass jedes zu Hause Zugang zu einem Computer hat. "Wir haben viele Familien mit drei bis vier Kindern, da geht das gar nicht", ergänzt Spangel. Also kamen viele Lehrer in die Schule, druckten Arbeitsblätter und verschickten diese per Post. Später brachten sie die Unterrichtsmaterialien auch persönlich bei den Familien vorbei, um sicherzustellen, dass alle sie rechtzeitig erhalten.

Aus der Krise lernen

Bei höheren Klassen hätte der Unterricht am Computer ganz gut funktioniert. "Und wir konnten digital auch viel ausprobieren und aufrüsten", nennt Ziegler Vorteile aus der Krisenzeit. Es gebe höhere Fördermittel für die Digitalisierung der Schulen, die jetzt auch schneller bereitstünden. Ziegler wünscht sich hier eine weitere Entwicklung, auch nach Corona. Zum Beispiel die Verwendung von Handy-Apps im Unterricht.

Auch Lehrerin Spangel sieht trotz aller Schwierigkeiten einen großen Vorteil aus dem Krisen-Modus: "Die kleineren Klassen." So sei der Geräuschpegel niedriger, alle Schüler sind eingebunden, "und ich kann viel besser auf Einzelne eingehen", teilt sie ihre Erfahrung mit. "Es ist mir wichtig, dass das nach Corona nicht vergessen wird."