Sein Job ist die Sicherheit, unsicher dagegen sein Einkommen: Das Gehalt allein reicht nicht für den Bamberger Security-Mitarbeiter - er muss aufstocken. 500 bis 600 Euro netto, dazu ein paar hundert Euro Stütze vom Staat. Doch das Arbeitsamt will es ganz genau wissen: Weil die monatlichen Einnahmen zum Beispiel wegen Überstunden schwanken, ist der bürokratische Akt frustrierend.

"Das Jobcenter will Belege, warum Einnahmen schwanken. Das Amt sieht, hoppla, da hat die Firma mehr gezahlt. Man müsste also die Stütze angleichen. Das führt zu Komplikationen. Der Arbeitnehmer muss sich ständig rechtfertigen", berichtet David Klanke, aktiv in der Arbeitslosen- und Armutsinitiative (Aua) Bamberg . Klanke hat dem Security-Mann ein offenes Ohr geboten. Hilfe zur Selbsthilfe ist das gesteckte Ziel der AuA, die sich als unabhängige Initiative versteht, die Unterstützungs-Angebote und -Strukturen für Menschen in Bamberg schafft. "Wir haben uns 2015 gegründet, weil wir gesehen haben, es gibt das Problem der zunehmenden Prekarisierung, zunehmenden Niedriglohn in und um Bamberg ."

Hungerlohn beim Callcenter

Der 38-jährige studierte Geisteswissenschaftler war früher selbst für einen Hungerlohn bei einem Callcenter beschäftigt, musste aufstocken, wie er sagt. Später war er als Berufsberater im Jobcenter tätig, kennt also beide Seiten. "Viele geben dann irgendwann auf. Man geht jeden Monat ins Amt, um seine Einnahmen nachzuweisen, um aufzustocken. Das kostet Zeit und Nerven. Das Arbeiten lohnt sich dann finanziell für viele schon fast gar nicht mehr." Der Schritt, einfach hartzen zu gehen, ist da nicht mehr weit.

Nimmt die Niedriglohn-Problematik zu? "Ja", berichtet Klanke. "Im Zuge der Krisen ist es immer mehr darauf angelegt worden, diesen Niedriglohnsektor auszubauen. Jede weitere Krise verfestigt das noch."

Niedriglohnland Bamberg

Die Erfahrung deckt sich mit Daten des Deutschen Gewerkschaftsbundes, der dieser Tage wegen des in Bamberg "umfangreichen Niedriglohnsektors " Alarm geschlagen hat. Mit 19,4 Prozent im Landkreis und 18,8 in der Stadt sei das Niedriglohnrisiko hier "eines der höheren" im Freistaat.

" Niedriglöhne sind kein Randphänomen mehr. Sie sind auch im reichen Bayern Alltag für rund eine Million Arbeitnehmer. Wir wollen nicht hinnehmen, dass große Teile unserer Kollegen vom wachsenden Wohlstand abgekoppelt und mit Armutslöhnen abgespeist werden", kritisiert Regionsgeschäftsführer Mathias Eckardt.

Laut DGB sind alleine in der Stadt Bamberg mehr als 6000 Vollzeitarbeitsplätze dem Niedriglohnsektor zuzurechnen. Die Zahlen zeigen, dass der Aufstocker aus der Sicherheitsbranche kein Einzelfall ist: Besonders hoch ist das Niedriglohnrisiko im Wirtschaftszweig Verkehr, Logistik, Schutz und Sicherheit (45,2 Prozent). Aber auch bei kaufmännischen Dienstleistungen, Handel, Vertrieb und Tourismus (32 Prozent) erhalten viele einen Lohn unterhalb der Niedriglohnschwelle von 11,21 Euro pro Stunde.

"6000 Niedriglöhner in Vollzeit sind aber leider nur die Spitze des Eisbergs in Bamberg . Hinzu kommen Teilzeitkräfte und Beschäftigte in Minijobs . Alleine bei den Minijobs in Bayern sind sieben von zehn dem Niedriglohn zuzurechnen", mahnt Eckard, der die Praxis "austrocknen" will.

Was tut die Stadt gegen Lohndumping?

Das fange bei der Stadt an: "Auch die kommunale Ebene muss ihrer Verantwortung gerecht werden. Öffentliche Aufträge müssen an die Tarifbindung und damit an ordentliche Löhne gekoppelt werden." Es müsse im Interesse der öffentlichen Hand liegen, dass die Menschen von ihrer Arbeit leben können und im Alter gut versorgt sind. "Auch in Stadt und Landkreis Bamberg brauchen wir daher als Anfang eine Auftragsvergabe ohne Lohndumping ."

Auf die Kritik reagiert der städtische Wirtschaftsreferent: "Als Stadt achten wir bei der Auftragsvergabe darauf, dass die Unternehmen keine Subunternehmen mit prekären Arbeitsverhältnissen einsetzen", sagt Stefan Goller. "So fordern wir von unseren Auftragnehmern von Bauleistungen immer eine verbindliche Erklärung, dass sie und ihre Nachunternehmen mindestens den gesetzlichen Mindestlohn zahlen und auch innerhalb der letzten 24 Monate nicht gegen das Mindestlohngesetz verstoßen haben." Bei ungewöhnlich niedrigen Angebotspreisen werde jeweils Aufklärung gefordert, "um Dumpingangebote auszuschließen".

Ziel: Tarifvertrag statt Niedriglohn

Bei der Stadt und ihren Tochterunternehmen selbst, sei eine faire Bezahlung durch die Bindung an die jeweils gültigen Tarifverträge sichergestellt. "Das ist auch gut so!", betont Goller, der die Kritik des DGB grundsätzlich nachvollziehen kann. Auf kommunaler Ebene setzt er auf "Förderung und Ansiedlung von Zukunftsbranchen mit qualifizierten Arbeitsplätzen, die keinen Niedriglohn zulassen".

Gerade im Zuge der aktuellen Krise jedoch gibt es viel zu tun für David Klanke und seine Bamberger Armutsinitiative. Die Gruppe aus einem Dutzend Mitstreitern ist auf der Suche nach einem kleinen Büro für die Selbsthilfe-Gespräche. Betroffene können sich via Facebook oder per E-Mail an aua-bamberg@gmx.de wenden.