Es sind traurige Zahlen. Hinter jeder Ziffer verbergen sich Menschenleben, Schicksalsschläge, trauernde Angehörige oder Pflegekräfte, die ein leeres Bett aufbereiten müssen. "Teilweise wurden Bindungen zu den Verstorbenen über Jahre aufgebaut. Die Belastung ist groß", berichtet ein Insider aus dem Pflegebereich.

Corona hat es unserem Alltag aufgezwungen, jeden Tag die Bilanz der Verluste zu studieren, wie man es sonst nur aus Kriegszeiten kennt. Doch was sagen die Zahlen aus? Auffällig ist, dass Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern nur wenige Tote zu betrauern hat. Virologen erklären dies mit der Stärke unseres Gesundheitssystems, der Vorbereitungszeit auf die Krise, der jüngeren Altersstruktur und der relativ hohen Zahl an Tests.

Auch der Bamberger Krisenstab veröffentlicht täglich neue Zahlen. Sie zeigen: In der Stadt und besonders im Landkreis fordert das Virus einen hohen Preis. 41 der 549 Infizierten haben bereits ihr Leben verloren. Diese Todesrate von 7,5 Prozent ist deutlich höher als bei allen Nachbarn (siehe Karte) und sticht auch bayernweit heraus.

Warum fordert Corona im Raum Bamberg so viele Todesopfer?

Auffällig ist: Nur in drei anderen bayerischen Gebieten liegt die Rate noch höher: in Tirschenreuth (8,8 Prozent), wo ein Starkbierfest als Übertragungsschwerpunkt gilt; in der Stadt Würzburg (10,4), wo das Virus in einem Pflegeheim über 20 Tote gefordert hat; und im Landkreis Fürth (10,4), wo ebenfalls Pflegeeinrichtungen befallen sind. In Altenheimen trifft das Virus auf Risikopatienten, richtet großen Schaden an - auch im Raum Bamberg.

"Die Situation ist angespannt, wir sind nicht über den Berg", sagt Frank Förtsch, Pressesprecher des Landkreises, mit Blick auf die Pflegeheime. Vier von den 38 Einrichtungen in Stadt und Landkreis sind vom Virus befallen - 26 der 41 Toten sind laut Gesundheitsamt diesen Heimen zuzuordnen. Alle Toten waren im Durchschnitt 82 Jahre alt, drei Viertel über 80, keiner jünger als 60.

Mit Einzelheiten zu den Pflegeheimen hält sich der Krisenstab bedeckt, um Bewohner und Personal zu schützen. Weder Orte noch Namen werden genannt. Laut unseren Recherchen ist aber besonders ein Heim im Landkreis vom Virus schwer getroffen worden. 14 Tote sind hier zu betrauern. "Die Mitarbeiter gehen auf dem Zahnfleisch, machen sich selbst Vorwürfe, auch wenn sie sich nichts vorzuwerfen haben", berichtet ein Krisenmanager. Noch ein zweites Heim im Kreis sowie zwei in der Stadt haben mit Infektionen zu kämpfen. "Wir mussten einen Zweischichtbetrieb einführen, um die vielen Todesfälle zu bearbeiten", berichtet der regionale Bestatter Rainer Schunder.

"In drei von vier betroffenen Pflegeheimen ist die Ausbreitung aus unserer Sicht im Griff", erklärt Förtsch aus dem Krisenstab. In einem vierten wurden über das Wochenende zehn neu infizierte Bewohner registriert. In welchem, sagt der Sprecher nicht. Nach FT-Informationen handelt sich um eine Einrichtung in der Stadt. Die Institution würde "von Ärzten begleitet und ständig überwacht", heißt es dazu im Krisenstab. Und: "Wir können in allen vier Fällen nicht nachvollziehen, wie das Virus ins Heim gelangt ist."

Funktioniert die Abschirmung? Es werde alles dafür getan, antwortet Dr. Georg Knoblach, der Vorsitzende des Ärztlichen Kreisverbandes Bamberg. Besuchsverbote und andere Sicherheitsmaßnahmen hätten Stadt, Landkreis und Einrichtungsbetreiber schon umgesetzt, bevor sie Pflicht wurden. So betreuen laut dem ärztlichen Leiter Dr. Thomas Fugmann nun einzelne statt mehrere Heimärzte einzelne Pflegeeinrichtungen, um Bewohner noch stärker zu isolieren. Die lange Inkubationszeit und viele symptomfreie Infizierte machen die Abschirmung jedoch enorm schwierig. Auch über Heimschließungen oder die Verlegung von Infizierten wurde schon nachgedacht. Doch laut Gesundheitsamt sei die externe Isolierung nicht möglich. Es gibt demnach keine Kapazitäten, Bewohner sind auf die Pflege angewiesen, rechtlich wäre eine Verlegung der Klienten heikel.

Wer sich in der Pflegebranche umhört, erfährt von Reibereien mit der Kassenärztlichen Vereinigung bei der Organisation von Corona-Tests, weshalb die Bamberger Krisenmanager selbst Testabläufe implementieren mussten. Erfindungsreichtum war auch gefragt, um Engpässe bei der Schutzausrüstung zu beheben. "Schutzmasken sind nicht das Problem. Der Personalmangel ist das Problem", sagt eine Pflegerin aus einem betroffenen Heim. "Es war schon vor der Krise so gewesen, dass es wenig Pflegepersonal gab, jetzt noch verstärkt", bestätigt Magdalene Waldeck, bei der Gewerkschaft Verdi für das Thema Gesundheit zuständig. Der Krankenstand ist hoch. Manche Pflegekraft ging selbstständig "in Quarantäne", blieb daheim. Weil Personal knapp ist, greift nun sogar die Bundeswehr den Heimen unter die Arme. Auch ein Soldat hat sich infiziert - offenbar jedoch nicht im Heim.

Kommentar des Autors:

Die Namen und Orte der von Corona betroffenen Pflegeheime sind der Redaktion bekannt, wir nennen sie jedoch nicht, um Bewohner und Personal zu schützen. Schon jetzt müssen sich Beschäftigte Vorwürfe anhören. Gerade für sie ist der Tod der Bewohner eine Belastung, nicht selten wurden persönliche Beziehungen aufgebaut. Größere Missstände sind der Redaktion zum aktuellen Zeitpunkt nicht bekannt, auch deshalb nennen wir vorerst keine Namen.