Weil er im Juli 2019 nicht sofort Erste Hilfe geleistet haben soll, muss ein 68-jähriger Rentner aus dem Landkreis Bamberg nach dem Urteil des Amtsgerichts Bamberg eine Geldstrafe in Höhe von 2800 Euro zahlen. Nach Überzeugung der Strafrichterin Magdalena Becker hatte Horst K. (Name geändert) zu lange gezögert, bevor er einem Mann half, der im Brückenhaussee bei Baunach zu Tode kam.

Die Version des Angeklagten: Er habe alles richtig gemacht

Horst K. versteht die Welt nicht mehr. Aus seiner Sicht hat er doch alles richtig gemacht. So erzählt zumindest er die Geschichte: Er habe der Ehefrau des Ertrunkenen geholfen, den leblosen Körper ans flache Ufer zu zerren: "So was habe ich noch nie gemacht." Er habe sich vor der glitschigen Hand richtig geekelt.

Er hat den Platzwart herbeigeholt. Er hat einige Radfahrer angehalten, die gerade von Kemmern nach Hamburg radelten, damit sie den Rettungsdienst anrufen. Horst K. selbst hat kein Mobiltelefon, und das des Platzwarts hatte keinen Saft. Er hat bis zuletzt am Unfallort ausgehalten, der Polizei geduldig Rede und Antwort gestanden. Und trotzdem soll er eine unterlassene Hilfeleistung begangen haben? "Die brauchen jetzt einen Sündenbock", ist sich der ehemalige kaufmännische Angestellte sicher.

Doch ganz von Anfang an: Es war ein sonniger Donnerstag. Am Morgen ist rund um den Badesee noch wenig los. Horst K. hat es sich im Schatten eines Baumes gemütlich gemacht. Auf seiner Badematte döst der Rentner vor sich hin, hört etwas Musik, genießt die Ruhe.

Die aber wird plötzlich durch laute Hilferufe unterbrochen. Zuerst habe er nicht gewusst, was los gewesen sei, da ihm Büsche die Sicht auf die Wasseroberfläche versperrt hätten. Dann aber habe er gesehen, dass jemand im wadentiefen Wasser zusammengesackt sei. Also zieht Horst K. seine Badehose an und eilt hin.

Mann starb bereits im Wasser

"Mein Mann lag im Wasser und bewegte sich nicht mehr," so die sichtlich aufgewühlte 69-jährige Witwe. Wie sich bei der Obduktion herausstellen sollte, kam jede Hilfe zu spät. Der an einer Herzerkrankung leidende Badegast war bereits tot, als er aus dem Badesee gezogen wurde. Nur wusste das zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

Womöglich hatte der Sprung ins kalte Wasser an dem sehr heißen Tag den Kreislauf des knapp 70-jährigen Rentners zu sehr belastet. Danach hatte der Kopf unter Wasser ein Übriges getan. "Es kam braune Brühe aus dem Mund," sagte einer der Zeugen.

Auch die beiden Schwimmerinnen, eine Mutter und ihre Tochter aus Lichtenfels, die von einer Sandbank herbeigekrault kamen und mit Herzdruck-Massage und Beatmung ihr Bestes taten, konnten das Unvermeidliche nicht aufhalten. "Die Ehefrau war außer sich," erinnert sich ein Polizist. Sie habe geglaubt, dass man ihren Mann hätte retten können.

"Dilettantisch": Angeklagter beleidigt die Witwe vor Gericht

Für den Platzwart und die Ehefrau des Toten hatte Horst K. nur Verachtung übrig. "Die haben sich dilettantisch angestellt, alle zwei. Ich sagte noch zu ihnen: Wir verlieren kostbare Zeit." Nun würden sie die Unwahrheit sagen, um vom eigenen Versagen abzulenken. Er selbst könne gar nicht lügen. "Da können Sie meine Frau fragen."

Doch die Richterin glaubte dem Rentner nicht. Ihr Urteil begründete Strafrichterin Becker damit, Horst K. habe erst nach mehrfacher Aufforderung durch die Ehefrau Hilfe geleistet. Es gebe zwar die vom Bundesgerichtshof zugestandene "Schrecksekunde", sein Zögern habe aber deutlich länger gedauert.

"Ich war alleine. Ich habe gerufen, aber er kam nicht," äußerte die Witwe. "Er saß auf seiner Decke und kam erst später mit dem Platzwart." Auch die Schwimmerinnen hätten Horst K. nicht gesehen, so Staatsanwalt Christoph Wedekind. Nicht nur an diesem Punkt seien dessen Angaben widerlegt worden.

Keine Einsicht

"Obwohl Sie die Notsituation erkannten und in der Lage gewesen wären, zu helfen, saßen Sie am Ufer und schauten zu." Horst K.s Verteidiger Rüdiger Bamberger sah die Sache naturgemäß ganz anders und forderte einen Freispruch.

"Es war für meinen Mandanten keine schnellere Handlung möglich," so der Rechtsanwalt aus Bamberg. Im Übrigen müsse geklärt werden, ob man überhaupt Erste Hilfe leisten könne, wenn doch nichts mehr zu machen sei.

Diese Frage werde nötigenfalls die nächste Instanz beschäftigen. Für Horst K. ist die Sache trotz Verurteilung klar: "Es hätte nie zu diesem Prozess kommen dürfen. Was will man denn noch mehr Beweise für meine Unschuld. Das ist doch Wahnsinn."