Jörg Wolstein, Professor für Pathopsychologie an der Universität Bamberg, sieht sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer gefordert. Im Interview spricht der 58-jährige Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie darüber, wann Burnout vorliegt, wer besonders gefährdet ist und warum es nichts bringt, einfach Liegestühle aufzustellen.

Herr Professor Wolstein, sind wir gestresster als die Generationen vor uns?
Jörg Wolstein
: Schwer zu sagen.
Die Arten von Stress haben sich im Laufe der Zeit verändert. Heute muss mehr Information verarbeitet werden, man muss sich immer wieder auf neue Situationen einstellen. Und das Thema Stress am Arbeitsplatz wird häufiger diskutiert. Früher war das eher ein bisschen peinlich, ein Tabuthema.

Manche Leute sagen, das wäre alles nur Einbildung.
Da liegen sie falsch. Im Umgang mit Stress gibt es verschiedene Möglichkeiten. Manche Menschen verdrängen Stress einfach und sagen: Eigentlich gibt es das gar nicht. Die fühlen sich dadurch, dass sie sich nicht damit beschäftigen, auch besser. Solche Leute sind schnell dabei zu sagen: Ist ja alles Quatsch mit dem Stressgerede.

Scheint also Typsache zu sein?
Natürlich. Stress hat ja immer zwei Seiten: Zum einen gibt es die tatsächlichen Stressoren, die manchmal schwer zu entdecken sind. Man muss oft genau hinsehen, um zu erkennen, wer oder was einen eigentlich stresst. Zum anderen reagiert jeder Mensch anders. Manche haben ein dickes Fell, andere sind sehr sensibel. Deshalb gibt es Leute, die in bestimmten Situationen sehr stark gestresst sind, während andere noch fragen: Was ist denn überhaupt los?

Wie reagiert man da?
Ein Betrieb hat ein Interesse daran, dass die Mitarbeiter ungestört arbeiten können, weil es dann einfach besser funktioniert. Man muss allerdings auch anmerken, dass viele Menschen, die sich am Arbeitsplatz enorm gestresst fühlen, diesen Stress aus ihrem Privatleben mitbringen. Streit mit dem Partner, Sorge um die Kinder, Schulden - solche Probleme lässt der Arbeitnehmer nicht einfach am Werktor hinter sich. Es wirkt sich vielmehr aus, wie er dann mit Belastungssituationen am Arbeitsplatz umgeht.

"Burnout" heißt es dann irgendwann. Was steckt dahinter?
Stress ist dann schädlich, wenn er zu heftig oder zu lange auftritt, so dass es keine Entspannung mehr gibt. Eine andauernde Überforderung kann zu völliger Erschöpfung und zunehmender Distanzierung von der Arbeit führen. In dem Zustand kann man nicht mehr richtig schlafen und nicht einmal am Wochenende oder in der Freizeit abschalten.

Was löst das bei den Betroffenen aus?
Viele Leute werden dann zynisch. Man bekommt von ihnen keine richtigen Antworten mehr. Und natürlich sind sie auch nicht mehr so leistungsfähig. Oft bleiben sie länger im Betrieb, schaffen dann aber immer weniger. Das ist der Punkt, spätestens da muss man etwas unternehmen. Die nächste Stufe wäre, dass die Personen richtig krank werden, zum Beispiel eine Depression entwickeln.

Also ist Burnout die Vorstufe zu Krankheiten?
Genau. Eine Art Risikozustand.

"Sollen wir dann bei der Arbeit im Liegestuhl liegen?" lautet die Überschrift ihres Vortrags, den sie am Montagabend in Bamberg halten.
Das ist natürlich ein Scherz.

Aber es gibt in einigen Unternehmen schon solche Ruhezonen.
Viele Betriebe bemühen sich, ein Klima zu schaffen, wo zwischenzeitlich eine Entspannung möglich ist. Das sind dann Rückzugsmöglichkeiten. Am Arbeitsplatz selbst brauche ich keinen Liegestuhl.

Und die Arbeitszeit?
Viele Arbeitgeber haben die Sorge, dass solche Maßnahmen zur Stressreduzierung am Ende bedeuten: Alle arbeiten weniger. Das muss aber gar nicht sein. Der Arbeitgeber sollte stets bemüht sein, Bedingungen zu schaffen, dass seine Mitarbeiter gesund bleiben. Die Sorge, da werde dann weniger gearbeitet, sollte hinter dem Ziel zurückstehen, zufriedene und gesunde Mitarbeiter zu haben. Das ist doch das höchste Gut, das ein Arbeitgeber haben kann. Es gilt, genau hinzuschauen. Es muss nicht immer die Menge der Arbeit sein, die Stress auslöst.


Thema heute in Bamberg


Veranstaltung
Dem Thema "Stress am Arbeitsplatz" widmet sich die sogenannte Tandemreihe "Wissenschaft und Praxis", eine Gemeinschaftsveranstaltung von IHK für Oberfranken Bayreuth, Handwerkskammer für Oberfranken und Uni Bamberg.

Wo
Die Veranstaltung findet am Montag, 9.7.2018, um 19 Uhr in der Aula (ehemalige Dominikanerkirche) der Universität, Dominikanerstraße 2a, in Bamberg statt.

Eintritt frei Unter anderem referiert Jörg Wolstein zum Thema, auch eine Podiumsdiskussion ist geplant. Der Eintritt ist frei, Anmeldung und nähere Informationen unter www.uni-bamberg.de/transfer/veranstaltungen/tandem/2018-stresspraevention.