"Die Leute standen Schulter an Schulter, vielleicht 600 auf der gesamten Brücke. Wir sind kaum mehr durchgekommen. Und unsere Appelle sich zu verteilen, haben wenig gefruchtet." Es waren diese Szenen auf der Unteren Brücke und im Sandgebiet, die nicht nur Thomas Schreiber, den Chef der Bamberger Polizei, nachdenklich machten, sondern den ganzen Sicherheitsapparat Bambergs. Wie lässt sich das Nachtleben in der größten Bamberger Partymeile in Einklang mit den Corona-Verordnungen und dem gebotenen Mindestabstand bringen? Die Stadt hat auf diese Frage nun mit einer Verfügung geantwortet, die die Ansteckungsgefahr verringern, gleichzeitig aber die Bierstadt Bamberg an einer empfindlichen Stelle treffen wird, dem Stehbier im Sand. Seit der Verbannung der Blechlawine hat sich die Engstelle vor dem Schlenkerla zu einem jährlich größer werdender Treffpunkt entwickelt - für manche freilich auch zum Ärgernis.

Eine Frage des Nachschubs

Bambergs Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) gehörte bisher zu jenen, die trotz einer eindeutigen Rechtslage gerne ein Auge zudrückten. Nun aber ist er sich mit seinem Stellvertreter Jonas Glüsenkamp (Grünes Bamberg) einig, dass der Infektionsschutz Vorrang vor der Feierlaune hat. Die Allgemeinverfügung, die die Stadt bereits mit Wirkung vom heutigen Freitag erlässt, untersagt deshalb den Außer-Haus-Verkauf von Bier nach acht Uhr, jeweils von Freitag auf Samstag und von Samstag auf Sonntag sowie vor Feiertagen. Es sollen die Partyfans auf der Brücke und im Sand gewissermaßen vom flüssigen Nachschub abgeschnitten werden. Ausgenommen von dem Verbot ist der Verkauf von Alkoholika für den konzessionierten Bereich von Gaststätten und auch dort nur für den Verkehr an Ort und Stelle. In Biergärten und in den Kneipen bleibt also alles wie bisher.

Glaubt man den Bürgermeistern, dann ist es die immer noch bestehende Ansteckungsgefahr, die zum Handeln gezwungen habe. Das Gesundheitsamt habe klar gemacht, dass die Verhältnisse im Sand "ein kaum kontrollierbares Ausbruchgeschehen" provozieren könnten und nicht mit der geltenden Infektionsschutzverordnung zu vereinbaren seien.

Lärm und Müll

Doch freilich schwingt bei dem Beschluss, den Bierkonsum zu bändigen, deutlich mehr mit. Glüsenkamp spricht von vielen Beschwerden, die ihn aus der Bürgerschaft erreicht hätten. Starke begründet den Schritt auch mit erheblichen "Ruhestörungen an den Hotspots in der Altstadt und großen Verunreinigungen durch Müll im gesamten Innenstadtbereich".

Dass die Nachricht aus dem Rathaus bei jenen wenig Freude auslöst, die sich regelmäßig zu einem Rauchbier verabredet haben, ist wenig überraschend. David Maier (36) aus Bamberg fürchtet, dass mit dem Verbot des Stehbiers ein Teil der Bamberger Lebensart beschädigt wird. Alle seine Freunde und Familienangehörigen treffen sich regelmäßig vor dem Schlenkerla. Würde das Stehbier ausgetrocknet, "wäre die Sandstraße nicht mehr das, was sie ist - der Dreh- und Angelpunkt des Bamberger Nachtlebens".

Freilich gibt es auch im engsten Umkreis Befürworter der neuen Regelung. Eine gewichtige Stimme ist sicher die von Matthias Trum, Inhaber des Schlenkerla. "Ich finde das gut, weil es eine klare Linie für alle ist", sagte Trum am Donnerstag, obwohl der verminderte Ausschank natürlich auch Einbußen mit sich bringt. Trum sah sich wegen des gewaltig gewachsenen Ansturm der Biertrinker in veranstaltungsarmen Corona-Zeiten genötigt, zeitweise die Schenke schließen - unter dem Protest vieler Gäste. "Ich finde es unter der Woche viel gemütlicher", so der Wirt und Brauer. Er schätzt das Stehbier als Treffpunkt von Bambergern und weniger als Partyzone, wo in der Nacht der Bär steppt.

Doch wird es im Sand tatsächlich ruhiger, wenn die Wirte all jenen das Seidla verweigern, die keinen Platz auf einer offiziellen Freischankfläche haben? Florian Müller vom Hotel- und Gaststättenverein, selbst Inhaber einer Kneipe im Sand, zweifelt daran. Er fürchtet, dass sich die Leute ihre Flaschen dann halt anderswo holen und sich mit Supermarkt-Bier bewaffnet trotzdem vor dem Schlenkerla postieren. Leider gelte die Verfügung nicht in der Langen Straße, am Pfahlplätzchen und rund um die Kettenbrücke. "Das Ganze ist ein "undurchdachter Schnellschuss", der nichts bringen, aber viele Leute verärgern wird", sagt Müller. Wer in Bamberg den Leuten das Bier wegnehmen wolle, müsse mit Widerstand rechnen.

Freilich, anders als im legendären Bamberger Bierkrieg anno 1907, sind die Gegner diesmal nicht die Bamberger Brauerei, sondern ein kleines Virus. Polizeichef Thomas Schreiber jedenfalls lässt keinen Zweifel, dass die Polizei den Infektionsschutz mit allen Mitteln durchsetzen werde. Notfalls auch mit einer Sperrung der Sandstraße.