Als die Basketball-Profis von Brose Bamberg bei der Stadtführung im Rosengarten der Neuen Residenz auf dem Domberg Halt machen, faltet Tyler Larson inmitten der Blütenpracht die Hände zum Gebet und blickt gen Himmel. Was für den Fotografen ein lohnendes Motiv ist und ihn sogleich auf den Auslöser drücken lässt, ist für Larson eine alltägliche Haltung. "Ich bete praktisch den ganzen Tag lang. Das fängt morgens nach dem Aufstehen an und hört abends vor dem Zubettgehen auf", erklärt der gläubige Christ.

Den Kontakt zu Gott sucht der US-Amerikaner seit seiner Kindheit, er sei so erzogen worden. "Mein Glaube hat mir schon über einige Verletzungen und persönliche Verluste hinweggeholfen", sagt Larson. An seinem rechten Handgelenk trägt der 28-Jährige, einer von neun Zugängen des Basketball-Bundesligisten, drei Armbänder. Auf ihnen steht: "Jesus is Lord", "Do good to others" und "Product of grace". Zuhause gehen er, seine Frau und die elfjährige Tochter Kealyn jeden Sonntag in die Kirche. Hält sich die Familie in Europa auf - wie in den kommenden Monaten -, verfolgt sie den Gottesdienst im Livestream.

In seine Gebete bezieht Larson in diesen Tagen verstärkt sein Heimatland ein. "Ich hoffe, dass sich die Lage in den USA schnell ändert. Sie ist außer Kontrolle geraten", sagt der Aufbauspieler über die aufgeheizte Stimmung in den Vereinigten Staaten nach der jüngsten Polizeigewalt gegen Afroamerikaner und der daraufhin wieder auflodernden Bewegung "Black lives matter". Larson bezeichnet sich nicht als politische Person, aber zu den jüngsten Vorkommnissen hat er eine klare Meinung: "Rassismus und Polizeigewalt müssen verurteilt werden."

Selbst Opfer von Rassismus

Die NBA-Spieler, die mit einem Abbruch der Play-offs gedroht haben und in einen mehrtägigen Streik getreten sind, hätten einen "sehr guten Job gemacht". Sie seien für Menschen eingetreten, die sonst keine Stimme haben. "Aber wenn LeBron James etwas sagt, dann findet das im ganzen Land Gehör", meint Larson, der in der Heimat selbst mit rassistischen Anfeindungen zu kämpfen hatte. "Selbst wenn ich mit meiner Frau, die weiß ist, unterwegs bin, musste ich mir schon Sprüche anhören. Sie kann das dann selbst kaum fassen." In Europa, wo er seit fünf Jahren auf Korbjagd geht, sei er dagegen wegen seiner Hautfarbe noch nie schief angeredet worden.

Von Oldenburg nach Bamberg

Nach Stationen in Lettland, Litauen, Ungarn (wo er verletzungsbedingt aber kein Spiel bestritten hat), Belgien, Russland und Frankreich startet der 28-Jährige in seiner fünfjährigen Profilaufbahn erstmals im selben Land in eine Saison, in dem er die vergangene beendet hat. Für die EWE Baskets Oldenburg kam der 1,91 Meter große Aufbauspieler in 21 Bundesligapartien im Schnitt auf 11,1 Punkte, 3,4 Assists und 3,3 Rebounds. Sein bestes Spiel zeigte er jedoch im Eurocup, für den ihn die Niedersachsen aufgrund der Doppelbelastung im Oktober vergangenen Jahres nachverpflichtet hatten. Larson führte die Donnervögel mit 31 Punkten zum 108:88-Sieg über Dolomiti Trento und damit in die Top-16-Runde des zweithöchsten europäischen Wettbewerbs. Er traf in dieser Partie vier Dreier bei sechs Versuchen.

"Schwierige Situation für alle"

Doch die Treffsicherheit aus der Distanz ging dem US-Amerikaner während der coronabedingten Saisonunterbrechung verloren. Beim Bundesliga-Finalturnier in München, bei dem die EWE Baskets im Halbfinale am späteren Meister Alba Berlin scheiterten, traf er nur zweimal aus der Distanz - bei 28 Versuchen. "Das war für alle Spieler eine schwierige Situation. So ein Turnier möchte ich nicht nochmal spielen, auch wenn es ein Erfolg war. Keiner hat sich verletzt, und keiner ist erkrankt", sagt Larson.

Keine Sekunde gezögert

Der Umgang mit dem Coronavirus hierzulande ist ein Grund dafür, warum der 28-Jährige seine Karriere in Deutschland fortsetzt. "Nach dem ersten Ausbruch hatte man hier alles sehr schnell unter Kontrolle. Wenn jemand eine Saison unter diesen Voraussetzungen durchziehen kann, dann ist das die BBL. Und als mich dann mein Agent über das Angebot aus Bamberg informiert hat, habe ich keine Sekunde gezögert. Schließlich ist das ein großer Verein hier", erzählt Larson.

Mit dem Point Guard bekommen die Bamberger einen anderen Typen als Paris Lee, der in der vergangenen Saison den Spielaufbau gelenkt hatte. Im Gegensatz zu seinem Landsmann ist Larson ein Aufbauspieler, der selbst den Abschluss sucht. "Er hat ein tolles Gesamtpaket. Er kann punkten, Bälle verteilen, rebounden und ist stark von der Linie", sagt Brose-Coach Johan Roijakkers über Larson, der vor seiner Oldenburger Zeit für ein halbes Jahr bei den Frankfurt Skyliners unter Vertrag gestanden hatte. Für die Hessen kam der 28-Jährige in der Saison 2018/19 in 20 Bundesligaspielen im Schnitt auf 16 Punkte, 5,4 Assists und 4,6 Rebounds. "Er hat Führungsqualitäten", stellte Skyliners-Coach Gordon Herbert schon kurz nach der Verpflichtung des US-Amerikaners im Januar vergangenen Jahres fest. Diese soll er nun auch in Bamberg an den Tag legen. Sein neuer Trainer lässt Larson diesbezüglich freie Hand. "Coach Roijakkers hat mir gesagt, dass ich auf dem Feld nicht zu viel nachdenken und so Basketball spielen soll, wie ich das schon immer getan habe. Das macht es mir leichter", sagt Larson.

Seit seiner High-School-Zeit spielt der 28-Jährige auf der Position des Point Guards. An seine basketballerischen Anfänge erinnert ihn stets ein Tattoo auf seinem linken Unterarm. "They sleep" ist darauf zu lesen. Es ist die Antwort darauf, dass er und seine Mitspieler, die damals mehr verloren als gewonnen hatten, von den gegnerischen Teams oft belächelt wurden (im Englischen: to sleep on somebody). Larsons Ehrgeiz stachelte dies umso mehr an und legte den Grundstein für die Karriere als Basketball-Profi, der er nun in Bamberg ein weiteres Kapitel hinzufügt.

Der Stadtrundgang hat ihm gezeigt, dass er keine schlechte Wahl getroffen hat: "Bamberg ist viel größer und schöner, als ich dachte. Mir gefällt es hier wirklich."

Zur Person Tyler Larson

Die Anfänge Der am Silvestertag des Jahres 1991 in Las Vegas geborene Tyler Larson spielte in der US-College-Liga für die University of South Dakota. Seine Profikarriere startete er 2015 in Europa. Bisherige Vereine Nach drei Stationen im Baltikum (BK Jekabpils und BK Barons Riga/Lettland sowie Pieno Zvaigzdes Pasvalys/Litauen) spielte Larson ein halbes Jahr in Belgien (Lüttich Baskets), bevor er im Januar 2018 zu Pallecanestro Varese nach Italien wechselte. Die Spielzeit 2018/19 begann er in Russland bei Parma Basket Perm und beendete sie bei den Frankfurt Skyliners. Auch in der abgelaufenen Spielzeit war Larson für zwei Vereine aktiv. Nach drei Monaten bei Basket Dordogne in Frankreich wechselte der Aufbauspieler im Oktober 2019 zurück in die Bundesliga zu den EWE Baskets Oldenburg.

Trikotnummer Larson trägt seit seiner Collegezeit fast ausschließlich die 55 und wird mit dieser Nummer auch für Brose Bamberg auflaufen. "Die Oma meines besten Freundes, mit der ich eng verbunden war, war 55 Jahre alt, als sie vom Brustkrebs geheilt wurde. Seitdem tragen wir beide diese Nummer. Das Ganze hat sich herumgesprochen und auch andere haben daraufhin die 55 gewählt. Pierre Jackson beispielsweise, der für Panathinaikos Athen spielt", erklärt Larson. Familie Larson hat zwei ältere Brüder sowie drei Schwestern. Zum engsten Familienkreis zählt der 28-Jährige seine beiden Schwager: "Sie sind wie Brüder für mich."