Wird in diesem Jahr noch einmal Fußball unter Wettkampfbedingungen gespielt oder nicht? Diese Ungewissheit setzt den Vereinen zu. Der Bayerische Fußball-Verband (BFV) hat die Nase voll und fordert die Freigabe des Spielbetriebs mit Zuschauern - notfalls mit rechtlichen Schritten.

Entscheiden sollen das aber die Klubs, die per Online-Umfrage an die virtuelle Urne gebeten werden. Die Meinungen gehen aber auseinander, wie eine kurze und nicht repräsentative Umfrage unter einigen Vereinen zeigt.

Landkreis Bamberg

Während sich Bayernligist DJK Don Bosco Bamberg in den kommenden Tagen noch berät, wie er sich bei der Abstimmung positioniert, muss sich auch Ligakonkurrent FC Eintracht Bamberg noch ein genaues Bild verschaffen. "Das große Unverständnis besteht ja darin, dass die Politik nicht schlüssig erklärt, warum 400 Zuschauer bei Konzerten erlaubt sind, im Sport aber nicht", sagt der Vorstandsvorsitzende Jörg Schmalfuß. Unabhängig von der möglichen Klage stehe für seinen Verein fest, "dass wir ohne Zuschauer nicht spielen werden."

Wenig Verständnis für das Vorgehen bringt dagegen Gerhard Thiem auf, der Vorsitzende des A-Klassisten SV Stechendorf: "Jetzt wird wieder eine Umfrage an die Vereine veranlasst, hinter der man sich verstecken kann. Aufgabe unseres Präsidenten wäre es gewesen, sich vorab vehement dafür einzusetzen, in welche Richtung es weitergeht. Stattdessen Herumgeeiere ohne klare Linie, lieber Satzungsänderung hinsichtlich der Wechselfristen und so weiter", schreibt Thiem bei unserem Partnerportal anpfiff.info und wird deutlich: "Der Höhepunkt kommt nun, dass sich die Vereine damit einverstanden erklären sollen, dass die Abstimmungsergebnisse veröffentlicht werden. Dient das dazu, die Vereine untereinander auszuspielen? Dass es immer zwei Meinungen gibt, liegt in der Natur der Sache. Hier zeigt sich, welch schwaches Präsidium wir haben. Anstatt nach vorne zu gehen, lieber abwarten und den Vereinen suggerieren, dass alles Willen der Basis ist. Von der Führung eines solch großen Verbands wird Stärke erwartet. Unser Verein wird an dieser Abstimmung nicht teilnehmen, da diese das größte Armutszeugnis der Verbandsführung ist."

Landkreis Forchheim

Der SC Oesdorf steht in der Kreisliga 1 ER/PEG auf Platz 1, der Aufstieg ist zum Greifen nah. Vorsitzender Peter Münch ist auch deshalb für eine Fortsetzung der Saison. Allerdings nicht um jeden Preis - im wahrsten Sinne des Wortes. "Ein Aufstieg ist wunderschön, aber nicht zulasten des Gesamtvereins. Es geht nur mit Zuschauern, denn die Kosten laufen weiter", sagt Münch. Dass sich 100 davon unter Einhaltung der Hygienevorschriften um einen Fußballplatz versammeln, hält der 46-Jährige für unproblematisch. Eine Klage des BFV erscheine daher nicht aussichtslos.

Wie der Verein abstimmt, will Münch mit seinen Funktionärskollegen besprechen. Schon bei den bisherigen Testspielen sei klar geworden: "Mehrere Leute müssen kontrollieren, wer aufs Gelände kommt. Auch die Schiedsrichter müssen bezahlt werden." In einem persönlichen Konflikt sieht sich der Oesdorfer, der als Freie-Wähler-Politiker im Gemeinderat und Kreistag sitzt, nicht, sollte "sein" Fußballverband gegen "seine" Koalition klagen: Es gibt immer unterschiedliche Meinungen. Ein Gericht entscheidet dann."

Landkreis Lichtenfels

Wolfgang Strassgürtel vom Kreisligisten FC Burgkunstadt sagt: "Wir dürfen eine Kerwa mit 400 Gästen unter strengen Maßnahmen ausrichten, aber Zuschauer auf einem weitläufigen Fußballplatz sind verboten. Das ist nicht nachvollziehbar." Er ergänzt: "Es ist richtig, dass der Verband aktiv wird und dass er die Vereine befragt, ist auch in Ordnung." Strassgürtel spricht sich für eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs aus. Maßnahmen könne man wieder verschärfen, wenn sich die Lage anders entwickle. "Wenn man es nicht probiert, wird man es nicht wissen." Zwar sei der FC Burgkunstadt existenziell nicht gefährdet, "aber wer weiß, was in drei bis vier Monaten ist. Dann kann die Lage ganz anders sein."

Georg Fugmann, Vorsitzender beim Kreisligisten SCW Obermain, spricht von einer ernsten Lage. "Wir haben Unkosten, aber seit Monaten keine Einnahmen. Es geht ans Eingemachte", sieht Fugmann den SCW in finanziellen Nöten, wenn der Ball weiter ruht. Fugmann befürchtet zudem, dass Spieler aufhören könnten. "Der Frust ist groß. Sie trainieren seit Wochen, ohne ein konkretes Ziel zu haben und zu wissen, wann es losgeht."

Das Vorgehen des BFV unterstützt Fugmann, der SCW Obermain werde sich bei der Umfrage für mögliche rechtliche Schritte aussprechen. Auch die Art des Vorgehens, sich über die Vereine abzusichern, findet Fugmann richtig. "Eine solche Entscheidung kann man nur mit den Vereinen treffen."

Landkreis Kulmbach

"Das Votum wird eindeutig ausfallen, weil alle Vereine spielen wollen", sagt Dieter Mühlbauer vom Kreisligisten FC Neuenmarkt. "Das Voting hätte sich der Verband sparen können, es ist verschenkte Zeit. Dass der BFV Rechtsmittel in Erwägung zieht, ist aber richtig." Freiluft-Konzerte und Gottesdienste dürfen unter begrenzter Teilnehmerzahl stattfinden, Fußballspiele mit Zuschauern aber nicht - das können viele nicht nachvollziehen. Mühlbauer fordert gleiches Recht für alle. Um den FC Neuenmarkt macht er sich durch die ausbleibenden Einnahmen aber keine Existenzsorgen. "Natürlich fehlen die Einnahmen aus dem Spiel- und Sportheimbetrieb, aber unser Verein ist finanziell gut aufgestellt. Eine größere Rolle spielt für mich die Frage, ob Spieler nicht einfach aufhören, weil sie seit Monaten im Unklaren sind."

Ähnlich sieht es Mathias Kodisch, Vorstand Fußball beim VfB Kulmbach, der gerade an den Jugendbereich denkt. "Vor allem die 14- und 15-Jährigen könnten uns wegbrechen, wenn wir noch länger nicht spielen dürfen." Der VfB würde das Vorgehen des Verbandes unterstützen, rechtliche Mittel aber gerne vermeiden. "Der BFV-Präsident Reiner Koch hat es richtig gesagt, dass das immer der letzte Weg ist." Dass der Verband erneut die Vereine abstimmen lässt, kann Kodisch nicht nachvollziehen. "Ich hätte mir gewünscht, dass der Verband selbst die Initiative ergreift."

Landkreis Coburg

"Unsere Spieler ziehen im Training voll durch, aber so langsam macht sich schon etwas Frust breit, weil das konkrete Ziel und somit die Motivation fehlt", sagt Alexander Grau, Sportlicher Leiter des FC Coburg. "Wir sind seit Juli im Vorbereitungsmodus. Und irgendwann muss man dann auch mal die Bremse reinhauen, denn zehn bis zwölf Wochen Vorbereitung sind einfach zu lang." Die Vestekicker, aktuell Tabellenvorletzter der Landesliga Nordwest, sind derzeit verletzungsbedingt dezimiert, aber trotzdem gut drauf.

Einen Testkick gegen die Kickers Selb gewannen die Coburger vor wenigen Tagen mit 2:1. Ob der FCC aber noch die sportliche Chance bekommt, sich den Klassenverbleib in der Saison 2019/20/21 zu sichern, bleibt abzuwarten. "Aus meiner Sicht wäre die beste Lösung immer noch, die Saison zu canceln. Lieber ein klarer Schritt als dieser Schwebezustand, der für alle Beteiligten nicht befriedigend ist. Auch wenn wir dann möglicherweise als Absteiger über die Klippe springen müssten", so Grau. Die Coburger Verantwortlichen plädierten bereits kurz nach der Saisonunterbrechung für den Abbruch. "Es gibt Vereine, die haben 2020 noch kein einziges Pflichtspiel gemacht. Oder Vereine, die zehn Zu- bzw. Abgänge zu verzeichnen haben. Das hat nichts mehr mit der alten Saison zu tun", erklärt der Sportliche Leiter. Die neuerlichen Entwicklungen mit den steigenden Infektionszahlen würden ihr Übriges dazutun. "Die Frage ist: Ist es die Sache wert, dass bei einem A-Klassisten oder auch bei uns bei einem Corona-Fall 20 Leute außer Gefecht sind und ihrer Arbeit nicht nachgehen können?"

Von einem rechtlichen Vorgehen des BFV gegenüber dem Wettkampfverbot hält Grau nichts, stimmt dem Verband aber in gewissen Punkten zu. "Es ist wirklich schwer nachvollziehbar, wie unterschiedlich mit der Situation in den Bundesländern umgegangen wird. In Neustadt darf gar nicht gespielt werden und wenige Kilometer weiter, in Sonneberg, sind 300 oder 400 Zuschauer erlaubt." Zuschauereinnahmen fehlen auch dem FCC seit Monaten, doch existenzbedrohend ist die Situation nicht. "Da wir so gesehen über kein eigenes Vereinsgelände verfügen, halten sich die Unterhaltskosten bei uns, im Vergleich zu anderen Vereinen, noch in Grenzen", so Grau.

Zwei Redakteure, zwei Meinungen

Pro-Kommentar von Daniel Ruppert: Abbruch durch die Hintertür?

Seit Jahren beschweren sich Amateurfußballer über mangelndes Mitspracherecht im BFV. Jetzt befragt der Verband seine Vereine - und prompt wird Rainer Koch und Co. Führungsschwäche vorgeworfen. Dass der BFV für eine eventuelle Klage die Meinung der Mitglieder hören will, ist demokratisch und daher richtig. Auch dass er sich bei der Staatsregierung beschwert, ist nachvollziehbar. Würde der Verband schweigen, käme sicher der Vorwurf, der BFV könne sich kein Gehör verschaffen. Wenn Gegner eines nächtlichen Alkoholverbots in München und Organisatoren einer Demo ohne Mundschutz in Berlin vor Gericht siegen, dürfte auch eine Klage der Fußballer auf Gleichbehandlung mit anderen Veranstaltungen gute Chancen haben. Und vielleicht ist die Befragung ja der Notausgang des BFV zum Saisonabbruch: indem die Klubs bei der Umfrage mit ja, nein und nein stimmen.

Contra-Kommentar von Tobias Schneider: Kein Zeichen von Stärke

In München herrscht Panik. Rainer Koch, dessen bayerischer Weg inklusive Saisonfortsetzung maßgeblich für so viele Fußball-Landesverbände werden sollte, rennt die Zeit davon. Der Vorreiter ist zum Getriebenen geworden. Die Vorbereitung zieht sich in die Länge, ein Re-Start ist nicht absehbar, der nahende Winter und eine weitere monatelange Unterbrechung schon. Dass der Sport in der Corona-Pandemie abhängig von politischen Entscheidungen ist, ist nicht dem BFV-Präsidenten anzulasten. Wohl aber, dass er diesen Fakt zu lange ignoriert hat, in der Hoffnung, es werde gutgehen. Und erst jetzt, als es fast zu spät ist, den Finger hebt und auf die Politik zeigt. Wer für mehr als 4500 Vereine und 1,6 Millionen Mitglieder verantwortlich ist, hätte für diese Entwicklung gerüstet sein müssen. Und sollte dann auch eine Antwort parat haben. Stattdessen werden jetzt wieder die Vereine befragt. Und was passiert eigentlich, falls Wettkampfspiele erlaubt werden, aber Zuschauer verboten bleiben? Dann ist der BFV erneut in Bedrängnis - und zieht womöglich die nächste Umfrage aus der Schublade. Ein Zeichen von Stärke ist das nicht.