Die Ansage, dass die Basketball-Bundesliga im Jahr 2020 die stärkste Liga in Europa sein will, wird stets mit dem früheren BBL-Geschäftsführer Jan Pommer in Verbindung gebracht. Dieses Ziel wurde im November 2011 gesetzt. Knapp neun Jahre später sieht die Entwicklung in Deutschland eher düster aus.

Allein das Abschneiden in der vergangenen Saison in den europäischen Wettbewerben wirft kein gutes Licht auf die deutschen Klubs, die die BBL repräsentieren. München und Berlin lagen bei Abbruch der "Königsklasse", der Euroleague, auf Rang 17 bzw. 16 der 18er-Tabelle. Im zweitklassigen Eurocup schieden Ulm nach der Vorrunde und Oldenburg in der Top-16-Runde aus. In der Basketball-Champions-League (BCL), gemeinhin als qualitativ drittstärkster Wettbewerb bekannt, erreichte lediglich Bonn das Achtelfinale. Für Bamberg und Vechta war nach der Vorrunde Schluss. Im viertklassigen Fiba-Europe-Cup sorgte Medi Bayreuth für einen Lichtblick. Die Oberfranken hatten sich für das Final-Four-Turnier qualifiziert, das jedoch der Corona-Pandemie zum Opfer fiel.

Insgesamt kein Ruhmesblatt für die acht Bundesligisten und weit weg von Europas Spitze. Für die kommende Saison haben überhaupt nur vier deutsche Klubs gemeldet. Die Schwergewichte München und Berlin bekamen ihren Startplatz in der Euroleague durch den Abbruch der vergangenen Saison für die kommende zugesichert. Ulm startet wieder im Eurocup. Frankfurt und wohl auch Oldenburg hätten dort starten können, verzichteten aber aus finanziellen Gründen auf die Teilnahme; so auch Vechta und Vizemeister Ludwigsburg in der BCL. Dort ist Bamberg als einziger deutscher Klub vertreten. Beim Fiba-Europe-Cup stehen die Teilnehmer noch nicht fest, ein Start eines deutschen Teams ist aber unwahrscheinlich.

Ganz anders verhalten sich die Vereine in Südeuropa. Alleine Spanien stellt in der Euroleague vier Mannschaften. Dazu kommen jeweils vier im Eurocup und in der BCL. Damit spielen zwei Drittel der ACB-Klubs europaweit. Ähnlich sieht es in den EU-Ländern Frankreich (9 Starter), Italien (8) oder Griechenland (5) aus. Türkische Clubs sind neunmal vertreten.

Das sagt der Liga-Boss: Dr. Stefan Holz

Dr. Stefan Holz, Geschäftsführer der Basketball-Bundesliga, sieht die vergangene Saison mit dem mageren Abschneiden der deutschen Klubs als Momentaufnahme. "Im Jahr davor stand München in der Euroleague gut da, Berlin erreichte das Eurocup-Finale und Bamberg das BCL-Final-Four. Europäisch gesehen sind wir - außer mit der spanischen ACB - sportlich und wirtschaftlich mit vielen Ligen auf Augenhöhe", sagt Holz, betont jedoch, dass der historische Stellenwert des Basketballs in vielen südeuropäischen Ländern ein anderer als in Deutschland sei. Deshalb versteht Holz die Vereinsverantwortlichen. "Die rechnen spitz und gehen finanziell kein Risiko ein. Jeder Bundesligist will auch 2021/22 noch existieren. Die Herangehensweise von Klubs in Südeuropa ist zum Teil anders, vor allem, wenn die noch staatliche Gelder erhalten. Die agieren nach dem rheinischen Grundgesetz, et hätt noch immer jot jejange." Der BBL-Geschäftsführer erinnerte an dieser Stelle aber auch an den Rückzug von Eskisehir noch vor dem Beginn der BCL-Saison 2018/19. Ob die Vereine die nächste Spielzeit finanziell alle überstehen, stellt Holz in den Raum.

"Die kommende Saison setzen wir mal in Klammern. Die Situation ist sehr speziell. Klar hätte ich gerne mehr deutsche Teilnehmer, doch die Entscheidung treffe nicht ich, sondern die Klubs", sagt Holz, der auch die möglich sinkende Qualität der Teams im Auge hat, wenn Spieler sich lieber Vereine suchen, die in einem europäischen Wettbewerb spielen.

Das sagt der Insider: Wolfgang Heyder

Wolfgang Heyder, früherer Geschäftsführer bei Brose Bamberg und Liga-Insider, sieht die fehlende Basketball-Kultur als größten Bremsschuh, der die Entwicklung der BBL auf europäischem Niveau limitiert. "Eine Kultur oder Identität gibt es in Deutschland nur regional. Hier hat Basketball eine gute Qualität und ist ein Thema, aber gesamtgesellschaftlich ist Basketball nicht relevant. Dabei ist Deutschland auf europäischem Niveau vorn dabei", sagt der 63-jährige Bamberger und meint damit die Erfolge der Jugendnationalmannschaften bei den Europameisterschaften in den vergangenen Jahren. "Leider haben die Männer es verpasst, bei der letzten WM für einen Schub in der Öffentlichkeit zu sorgen."

Eine gesellschaftliche Relevanz könne man aber nur mit Reichweite im Fernsehen erreichen und die damit verbundenen Erlöse für die Klubs, fügt Heyder hinzu. "Während in Südeuropa Basketball in jeder Sportsbar und zur Prime-Time im Fernsehen läuft, hat der deutsche Fan nur die Bezahlplattform Magenta TV." Die direkten Erlöse aus dem Vertrag mit der Telekom betragen 250 000 Euro pro Bundesligisten. Das ist kein Vergleich mit den Erlösen in Spanien, Italien oder der Türkei, die sich im Millionenbereich bewegen.

Dies hat auch Auswirkungen auf das Interesse deutscher Klubs an den internationalen Wettbewerben. Die Einnahmen durch Tickets und den VIP-Bereich sind ein weiteres Standbein. "Die Zuschauereinnahmen fallen aber in der kommenden Saison coronabedingt zum Teil weg." 1500 Zuschauer werden - laut Insiderkreisen - in Hallen wie in Ulm oder Bamberg zugelassen werden. Die örtliche Vermarktung wird schwieriger, Sponsorenzusagen in der Krise unsicher. Deshalb scheuen die Vereinsverantwortlichen in Ludwigsburg, Frankfurt oder Vechta - ganz in der Tradition des ehrbaren deutschen Kaufmanns - offensichtlich das Risiko einer Teilnahme, zumal die Reisekosten noch obendrauf kommen. Die oft von Mäzenen unterstützten Klubs in Russland oder Südeuropa agieren da anders.

Das prognostiziert die EU

Kritisch wird es wohl dann, wenn sich die finanzielle Lage in Europa weiter zuspitzt. Die EU-Kommission senkte vergangene Woche ihre Konjunkturprognose. Sie geht von einem Einbruch der Wirtschaftsleistung aller 27 Mitgliedsstaaten von 8,3 Prozent aus. Besonders hart trifft es die südlichen Länder wie Italien, für das die EU einen Rückgang von 11,2 Prozent prognostiziert. Spanien (10,9) und Frankreich (10,6) liegen knapp unter der Elf-Prozent-Marke. Deutschland kommt mit einem Minus von 6,3 Prozent für das Jahr 2020 vergleichsweise glimpflich davon.

Im Handeln der Vereinsverantwortlichen in Südeuropa spiegeln sich diese Prognosen nicht wider. Ob das die Akteure auf dem europäischen Basketball-Markt im Blick haben?

Das sagt der Spieleragent: Patrick King

In direktem Kontakt mit Spielern steht Patrick King (49). Der ehemalige deutsche Nationalspieler ist als Agent europaweit tätig. "Das Thema wirtschaftliche Solidität der Klubs ist in Gesprächen mit Spielern nun immer öfter ein Thema", sagt King, der es auch als seine Aufgabe sieht, die wirtschaftliche Lage der Vereine zu recherchieren und die Spieler entsprechend zu beraten. "Das würden nicht alle machen, vor allem wenn die Agenten in den USA sitzen. Manche Spieler sehen nur die große Zahl und sagen sich, das wird schon klappen, und ich gehe das Risiko ein, zu einem kleinen Verein etwa in die Türkei zu wechseln, der mit Geld um sich wirft. Die großen Klubs, wie Madrid, Barcelona oder Fenerbahce Istanbul, gehen nicht pleite. Auch Deutschland und Frankreich gelten als solide und beliebt. Hier kommt es nicht vor, dass plötzlich die Schlösser des Appartements ausgewechselt sind und das Gehalt nicht mehr bezahlt wird", berichtet King, weist aber darauf hin, dass es mit Trier oder Hagen auch schon in der Bundesliga Insolvenzen gegeben habe.

Neben der wirtschaftlichen und sportlichen Situation ist auch der gesundheitliche Aspekt ein Thema. "Viele Spieler wollen europäisch spielen und sich präsentieren. Es gibt aber auch welche, die sich sagen, in Corona-Zeiten will ich nicht unbedingt durch ganz Europa tingeln und mich dem Ansteckungsrisiko aussetzen."

Das sagt der Spieler: Tibor Pleiß

Von ausbleibenden oder verzögerten Gehaltszahlungen kann der deutsche Centerspieler Tibor Pleiß ein Lied singen. Bei Galatasaray Istanbul (2015/16) und bei einem spanischen Klub, den er nicht nennen wollte, gab es Verzögerungen. "Bis zu einem Jahr habe ich da auf meinen Lohn gewartet", sagt der 30-jährige gebürtige Kölner, der in seiner Karriere drei Jahre in Bamberg, bei insgesamt drei verschiedenen Topklubs in Spanien (Vitoria, Barcelona und Valencia) sowie ein Jahr in der NBA (Utah) gespielt hat und seit 2018 das Trikot von Efes Istanbul trägt. In der abgebrochenen Saison führte der türkische Topklub sowohl die Euroleague als auch die türkische Liga an. Seine deutschen Nationalmannschaftskollegen Robin Benzing und Ismet Akpinar hatten bei Besiktas ebenfalls schon auf Gehälter gewartet. Totalausfälle kann Pleiß nicht bestätigen. "Bekommen hat man sein Geld immer, musste dem oft lange hinterherlaufen."

Für die kommende Saison erwartet der Center sinkende oder zumindest nicht steigende Verträge. "Die Spieler haben Verständnis für die Situation und kommen den Klubs entgegen, wenn sie ein gutes Team zusammenstellen, das Titel gewinnen kann." Auch er selbst habe bei seinem kürzlich unterschriebenen Zweijahresvertag plus einjähriger Option keine oft übliche Steigerung erhalten. "Ich bin froh, dass ich in dieser Situation für zwei Jahre unterschreiben konnte. Mehrjahresverträge wollen derzeit alle Spieler", weiß Pleiß. Gerade ältere Spieler mit Familie ziehen Planungssicherheit und eine gute Zahlungsmoral in Krisenzeiten vor, weiß der 2,18 Meter große Kölner aus Gesprächen mit Spielern anderer Klubs. "Als junger Spieler habe ich nicht so sehr ans Geld gedacht, sondern vielmehr an die mögliche Spielzeit", erinnert sich der 30-Jährige zehn Jahre zurück, als er von Köln nach Bamberg gewechselt war.

Die Bundesliga verfolgt er aus der Ferne und er weiß, dass sie ein hohes und vor allem ausgeglichenes Level besitzt. Sicherheit und eine gute medizinische Versorgung kommen dazu. Dass die sportliche Qualität in Corona-Zeiten mit der geringeren Zahl an europäisch startenden Klubs sinken werde, glaubt er nicht. "Vielleicht verzichtet ein Klub auf zwei Amis, dafür kommen wie beim Finalturnier plötzlich deutsche Spieler groß heraus."

Die Gruppen der Basketball-Champions-League

32 Teams starten am 13. Oktober in die Saison der Basketball-Champions-League. Die Einteilung in vier Gruppen zu jeweils acht Teams erfolgte am Mittwoch in Mies (Schweiz). 28 Mannschaften sind bereits für die Gruppenphase fix. Vier offene Plätze werden unter 16 Klubs in zwei Qualifikationsrunden ab dem 15. September ausgespielt. Gruppe A: Iberostar Teneriffa, SIG Straßburg, Dinamo Sassari (ITA), Peristeri (GRE), VEF Riga, Galatasaray Istanbul, Rytas Vilnius (LTU), Qualifikant Gruppe B: ERA Nymburk (CZE), Nischni Nowgorod (RUS), JDA Dijon, Saragossa, Falco Szombathely (HUN), Tofas Bursa (TUR), Start Lublin (POL), Qualifikant

Gruppe C: Hapoel Jerusalem, Filou Ostende (BEL), Turk Telekom Ankara, San Pablo Burgos (ESP), Happy Casa Brindisi (ITA), CSP Limoges, Darüssafaka Istanbul, Qualifikant

Gruppe D: AEK Athen, Brose Bamberg , Hapoel Holon (ISR), Pinar Karsiyaka Izmir SK (TUR), Retabet Bilbao, Cholet Basket (FRA), Fortitudo Bologna, Qualifikant