Denkt man an gedopte Sportler, hat man Radfahrer, Schwimmer, Gewichtheber oder Leichtathleten im Kopf - aber wie streng wird in den Mannschaftssportarten kontrolliert? Eine Recherche der ARD-Sportschau um den Doping-Experten Hajo Seppelt hat aufgedeckt, dass in vielen deutschen Profiligen lediglich bei den Spielen getestet wird und dass nur die Nationalspieler im Testpool der Anti-Doping-Agentur Nada (siehe Info-Kasten) registriert sind. Damit müssen etwa beim Basketball 90 Prozent der Spieler keine unangekündigten Trainingskontrollen fürchten. Der frühere Bamberger Basketball-Nationalspieler Karsten Tadda (jetzt Baskets Oldenburg) sagte zur Anzahl der Tests im ARD-Interview: "Das ist sehr, sehr wenig."

Gering muten auch die Zahlen an, die die Nada auf Anfrage unserer Zeitung über die Kontrollen im Eishockey und Handball bekanntgibt. So wurden im Kalenderjahr 2019 in der DEL und der DEL 2 insgesamt 102 Doping-Proben genommen. Bei den Spielen der 1. und 2. Handball-Bundesliga, der Damen-Bundesliga sowie des DHB-Pokals waren es 153 Proben.

Wir haben bei fränkischen Profi-Teams aus dem Basketball und Eishockey nachgefragt: Wie oft werden die Spieler getestet? Glauben Sie, das System funktioniert?

Basketballer sind sauer

In der Basketball-Bundesliga (BBL), so hat die Nada auf Anfrage der Sportschau mitgeteilt, habe es in der abgelaufenen Saison nur bei sechs Prozent aller Spiele Doping-Kontrollen gegeben. Bei Medi Bayreuth waren in dieser Saison schon Doping-Kontrolleure - allerdings nur bei Spielen.

365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag müssen nur die deutschen Nationalspieler für Tests zur Verfügung stehen und dazu stets ihren Aufenthaltsort angeben, auch im Urlaub. Bei Medi Bayreuth betrifft dies Bastian Doreth und Andreas Seiferth. Beide finden es ungerecht, dass die vielen ausländischen Top-Stars der BBL keine Trainingskontrollen befürchten müssen, schon gar nicht die aus den USA. Denn amerikanische Basketball-Nationalspieler spielen bekanntlich nicht in Deutschland.

"So genau wie die Nada nehmen es nicht alle ausländischen Anti-Doping-Agenturen, etwa die Spanier und Franzosen", weiß man bei Medi Bayreuth. Geschäftsführer Johannes Feuerpfeil sagt: "Unsere Kaderathleten empfinden es als ungerecht, dass ausländische Anti-Doping-Agenturen mit den ihnen unterstehenden Kaderathleten (...) weniger streng umgehen als unsere Nada mit deutschen Athleten." Tadda bestätigte diese Einschätzung: "Meine ausländischen Mitspieler lachen mich aus, wenn ich ihnen erzähle, dass früh um 6 Uhr ein Doping-Kontrolleur vor der Tür stand."

Bei Medi würde man es deshalb "begrüßen, wenn die ausländischen Anti-Doping-Organisationen ihrer Verantwortung nachkommen würden". Feuerpfeil sagt: "Es ist also eher eine Frage der weltweiten Doping-Kontroll-Gerechtigkeit unter den Kaderathleten. Wenn es dazu gute Vorschläge gibt, wie das Thema besser gemacht werden kann, stehen wir dem als Klub wie auch die Liga offen gegenüber."

Noch kein Test bei Brose Bamberg

Mit bisher 13 absolvierten Spielen in drei Wettbewerben stecken die Bundesliga-Basketballer von Brose Bamberg schon mittendrin in der Saison 2020/21. Dopingkontrolleure sind bei den Spielern seit Beginn der Spielzeit aber nicht vorstellig geworden, teilt der Verein mit. In der kompletten Vorsaison habe es drei Tests gegeben. Auch bei Bamberg gehören lediglich die deutschen Nationalspieler einem Testpool der Nada an.

Ausreichend abschreckend

In der 2. Eishockey-Bundesliga (DEL 2) gibt es ebenfalls lediglich bei den Spielen Doping-Kontrollen. Doch die sind auch eher selten. "Das passiert vielleicht einmal pro Saison", teilt Matthias Wendel, Geschäftsführer der Bayreuth Tigers, mit. Nach dem Zufallsprinzip würden dann einer, zwei oder drei Spieler ausgewählt. Wendel hält dieses Kontrollsystem für ausreichend abschreckend: "Unsere Spieler unterschreiben Verträge mit der Liga, in denen sie sich verpflichten, dass sie nicht dopen." Wendel weiß aber auch: "Eine tausendprozentige Sicherheit gibt es nicht."

Das sagt die Nada

Die Nada selbst will sich nicht nur anhand von Zahlen bewerten lassen. "Ein bloßes Runterbrechen des Kontrollsystems auf quantitative Merkmale wie die Zahl der Kontrollen erscheint nicht sinnvoll", sagt Nada-Sprecherin Kim Heidbrink. "Jede Kontrolle wird bei der Nada individuell geplant. Dabei werden natürlich auch Teilnahmen an großen Sportveranstaltungen wie den Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften berücksichtigt, aber auch weitere Parameter wie die Daten des Athlete Biological Passports, Leistungssprünge etc."

Doch die Tatsache, dass ausländische Profisportler wie im Basketball oft durchs Raster fielen, bezeichnet selbst Nada-Chefin Andrea Gotzmann gegenüber der ARD als "unbefriedigend."

Die Kölner Liste ist wichtig

Auch in der Handball- Bundesliga gibt es nur bei den Punktspielen Doping-Tests. Der Aufsteiger HSC Coburg hatte erst im November im Heimspiel gegen Nordhorn/Lingen Besuch der Kontrolleure. "Die Tester machen sich im Lauf des Spiels bei uns bemerkbar. Dann werden von beiden Teams jeweils zwei Spieler ausgelost, die nach der Partie zur Dopingkontrolle müssen", erklärt HSC-Geschäftsführer Jan Gorr. "Ab diesem Moment werden die Spieler nicht mehr aus den Augen gelassen", sagt Gorr. Vor jeder Saison findet auch beim HSC Coburg durch den Doping-Beauftragten, in der Regel ist das der Mannschaftsarzt, eine Einweisung für alle Profis statt. "Jeder unserer Spieler weiß dann genau, worauf er zu achten hat", erklärt Gorr.

"Wichtig", so der HSC-Geschäftsführer, sei in diesem Zusammenhang die sogenannte "Kölner Liste". Auf dieser stehen auch Nahrungsergänzungsmittel. Seriöse Hersteller würden alle ihre Mittel testen lassen, damit die Spieler bei einer eventuellen Einnahme immer auf der sicheren Seite sind.

"Von der Abwicklung her ist das alles schon recht anspruchsvoll, aber insgesamt läuft es sehr gut. Und es ist auch wichtig, dass diese Doping-Kontrollen stattfinden", sagt der ehemalige Trainer des HSC. Mit der Nada habe man noch keine Probleme gehabt. Und: "Bei uns sind alle Test s negativ ausgegangen", freut sich Gorr.oph

15-Jähriger Werfer ist im Testpool

Die Leichtathletik gehört nicht erst seit dem 1988 bei den Olympischen Spielen überführten Sprintstar Ben Johnson (Kanada) zu den Sportarten, die bei den Doping-Jägern im Fokus stehen. Gerade in den Wurfdisziplinen gab es immer wieder Doping-Sünder, vor allem aus den osteuropäischen Ländern.

Die bayerische Werfer-Talentschmiede befindet sich in Stadtsteinach im Landkreis Kulmbach. Derzeit trainieren dort bei Martin Ständner drei Nachwuchs-Bundeskader-Athleten, die alle im Testpool der Nada geführt werden und 365 Tage im Jahr für Doping-Kontrollen zur Verfügung stehen müssen.

Corona sticht Kontrolle

Der deutsche Hammerwurf-Jugendmeister Merlin Hummel (19) aus Kulmbach gehört dem Nationalkader 1 an und wurde in seiner Karriere schon mehrmals getestet. "Erst kürzlich stand ein Kontrolleur unangemeldet vor Merlins Elternhaus", erzählt Ständner. Zuvor hatte schon sein Vereinskollege Linus Liebenwald (16) Besuch bekommen. "Aber er durfte den Kontrolleur nicht reinlassen, weil er in Corona-Quarantäne war", erklärt Ständner. Seit Herbst ist auch der 15-jährige Max Hübner im Nada-Testpool. Der für den UAC startende Bad Staffelsteiner ist Zweiter der deutschen U15-Bestenliste mit dem Speer. Er muss sogar angeben, wann er in der Schule ist oder in den Urlaub fährt. Inzwischen geht das per Handy-App.

Ständner hat nichts gegen Kontrollen, im Gegenteil: "Wenn wir Doping ernst nehmen, dann muss es so sein. Für Merlin ist es schon Normalität." Dass es in den Bundesligen der Basketballer, Handballer und Eishockey-Spieler keine unangekündigten Trainingskontrollen gibt, versteht Ständner nicht: "Sie müssten doch immer damit rechnen, getestet zu werden." Der Trainer befürchtet, dass die Corona-Pandemie dem Doping "noch mehr die Tür öffnet": "Es wird weniger getestet und die Kontrolleure können nicht überall hin reisen. Gerade weil 2021 Olympische Spiele sind, könnte es Sportler geben, die sich jetzt in Form spritzen."

Kommentar von Sportredakteur Christian Schuberth

Doping in Mannschaftssportarten wie Fußball, Basketball, Handball und Eishockey - bringt das überhaupt was? Talent und Technik kommen natürlich (noch?) nicht aus einer Spritze. Aber die Athletik spielt eine immer größere Rolle. Die körperlichen Grundlagen legt man in der Vorbereitung. Doch da kann die Masse (etwa 90 Prozent) der Mannschaftssportler nahezu unbesorgt sein. Wenn sie keinem Auswahlkader angehören, werden sie von den Doping-Jägern nicht behelligt.

Einen Testpool, in dem alle Spieler eines Klubs gelistet sein müssen, gibt es im Teamsport lediglich in den Fußball-Bundesligen. In den Top-Ligen im Basketball, Eishockey und Handball, in denen in der Vor-Corona-Saison 2018/19 immerhin rund 400 Millionen Euro umgesetzt wurden, ist er überfällig.

Dass schon ein 15-jähriger Speerwerfer, der mit seinem Sport wohl nie richtig reich werden kann, auf Schritt und Tritt überwacht wird, aber ein Basketball-Star in der Bundesliga nicht, verstehe wer will.

Viele Profis wünschen sich ein strengeres und vor allem gerechteres Kontrollsystem. Doch dazu bräuchte die Nada, die bis ins Jahr 2003 nur aus Ehrenamtlichen bestand, endlich mehr Geld. Zehn Millionen Euro Jahresetat für die Hüter des sauberen Sports sind ein Witz - dafür würde ein Bayern-Star wie David Alaba nicht mal die Schuhe schnüren.

cs