Was ist Heimat für einen, der 50 Jahre alt ist, davon 20 Jahre in Deutschland und 30 Jahre in den USA gelebt hat? Für Christopher "Chris" Fleming ist die Antwort klar: "Deutschland ist meine Heimat und die meiner Familie."

Doch wie kam es dazu, dass der für amerikanische Verhältnisse eher durchschnittliche Basketball-Spieler überhaupt nach Deutschland kam? Fleming wurde im Jahr 1970 im Küstenort Forked River im US-Bundesstaat New Jersey geboren. Nach seiner High-School-Zeit wechselte er an die kleine Universität Richmond in Virginia, studierte und spielte dort von 1989 bis 1993 Basketball. Seine Profikarriere begann holprig. Der talentierte Fleming erhielt zunächst keinen Vertrag in Europa, so arbeitete er in einer Herz-Reha-Klinik, um später als Sportwissenschaftler an einer Uni unterzukommen. Im Jahr 1994 bekam er einen Anruf aus Deutschland.

Alles begann in Quakenbrück

Im beschaulichen Städtchen Quakenbrück im niedersächsischen Landkreis Osnabrück - in der 2. Regionalliga - begann der 1,91 Meter große Flügelspieler für Geld beim TSV Basketball zu spielen. Damals konnte sich wohl keiner vorstellen, dass Fleming 20 Jahre später einmal Bundestrainer und 2020 ein Kandidat für einen Headcoach-Posten in der NBA sein wird.

Mit Fleming stiegen die Dragons in die 1. Regionalliga und 1996 in die 2. Liga auf. Nach sechs Jahren als Spieler wechselte Fleming mit gerade einmal 30 Jahren auf die Trainerbank des TSV Quakenbrück. Nach einigen knapp verpassten Zweitliga-Meisterschaften gelang Fleming 2003 ungeschlagen der Sprung in die Bundesliga.

Dort ärgerten die Dragons, wie sie von da ab hießen, in den Folgejahren die Großen der Liga einige Male. 2005 und 2006 erreichte der Provinzklub das Play-off-Viertelfinale. Im Jahr darauf standen die Dragons im Finale gegen Bamberg vor einer Überraschung, gewannen Spiel 1 mit 70:69 in Bamberg, doch der verletzungsbedingte Ausfall ihres Spielmachers Filiberto Rivera am Ende dieser Partie schwächte die Drachen entscheidend. So triumphierten die Franken mit 3:1 in der Serie und feierten unter Trainer Dirk Bauermann die zweite Meisterschaft.

Perfektionist - auch in der Sprache

2008 endete in Bamberg die Ära Bauermann nach dem Viertelfinal-Aus gegen Oldenburg. Fleming trat, mit den Dragons gerade Pokalsieger geworden, an dessen Stelle. "Das war eine super Erfahrung für mich", erinnert sich der Amerikaner, der damals schon sehr gut Deutsch sprach und seine Worte - vor allem in der für ihn fremden Sprache - mit Bedacht wählte. Ausdruck seines Perfektionismus war, dass er in Pressekonferenzen seine Sätze mit "darüber hinaus" und "nichtsdestotrotz" verband. Es gibt Coaches und Spieler, die selbst nach Jahrzehnten in Deutschland keinen deutschen Satz über die Lippen bekommen. Fleming war auch diesbezüglich anders.

"Bamberg war eine komplett andere Basketball-Landschaft als Quakenbrück", sagt Fleming, der sich jedoch in der neuen Umgebung schwertat. Im Eurocup schied sein Team sieglos mit sechs Niederlagen nach der Vorrunde aus. In der Bundesliga lag man im Dezember im Mittelfeld. Im Umfeld rumorte es. Fleming stand auf der "Abschussliste".

Schwieriger Start in Bamberg

Wolfgang Heyder, damaliger Bamberger Geschäftsführer, erinnert sich: "Chris stand tatsächlich auf der Kippe. Wir haben in dieser Saison nicht wirklich gute Spieler verpflichtet, dann noch Verletzungsprobleme. Doch Chris hat sich durchgebissen. Ich war überzeugt, dass er gut ist, und schützte ihn gegenüber dem Aufsichtsrat. Ich war der Puffer." Das Umfeld hatte einen zweiten Dirk Bauermann erwartet, doch Fleming war ein anderer Typ. Heyder schätzte besonders Flemings Art der Führung. "Er wusste genau, was er will, kommunizierte klasse mit den Spielern, sehr ruhig, hatte dabei aber ein klares Entscheidungsverhalten."

Fleming ist heute noch dankbar, dass Heyder damals zu ihm gestanden hatte. "Das Projekt Bamberg war ja sein Baby." Auch Arne Woltmann erinnert sich an 2008. "Der Start war nicht leicht, die Erwartungen sehr hoch", sagt der inzwischen 45-Jährige, der zusammen mit Fleming aus Quakenbrück kam. Dort spielte er zusammen mit Fleming, war unter dem Amerikaner noch als Spieler aktiv ("Ein komisches Gefühl, weil es ein anderes Verhältnis war, als wir beide noch Spieler waren.") und bildete danach mit ihm ein erfolgreiches Gespann. "Entscheidend war neben den Gesprächen mit der Klubführung, dass Wolfgang Heyder erkannt hat, dass unsere Arbeit Früchte tragen wird, und gesagt hat, lass sie machen", sagt Woltmann, der vor kurzem als Assistenztrainer beim Euroleague-Klub Zalgiris Kaunas unterschrieben hat. Am Ende überstand das Trainerduo diese schwierige Phase. Die Saison 2008/09 endete zwar mit dem Halbfinal-Aus gegen den späteren Meister Oldenburg, doch danach läutete Fleming die erfolgreichste Zeit im Bamberger Basketball ein. Es folgten vier Meisterschaften in Folge, davon 2010, 2011 und 2012 mit dem Pokalgewinn jeweils das Double.

Aus gegen seinen Ex-Klub

Ironie des Schicksals war es dann 2014, dass ausgerechnet die Artland Dragons den Bambergern das Viertelfinal-Aus bescherten und damit die sechsjährige Ära Flemings in Bamberg beendeten.

Die Trennung vom Trainer, der noch einen laufenden Vertrag hatte, verlief nicht schön. Der bei den Fans beliebte Coach wurde Opfer einer Neuausrichtung der Klubleitung. "Chris wurde in Bamberg verkannt", sagt Heyder noch sechs Jahre später. Er sorgte zusammen mit seinem Nachfolger Rolf Beyer noch für die Verpflichtung von Coach Andrea Trinchieri. Heyder hätte sich Fleming gerne weiter als Coach in der Euroleague gewünscht, doch die Karriere des Trainers nahm einen anderen Verlauf.

Bundestrainer und in der NBA

Fleming schnupperte im Sommer 2014 als Trainer im Summercamp der San Antonio Spurs bereits NBA-Luft, hospitierte später in Oklahoma, Philadelphia, bei Real Madrid und in Mailand. Doch Deutschland ließ ihn zunächst nicht los. Bereits 2005 hatte er als U20-Nationaltrainer für den Deutschen Basketball-Bund gearbeitet, nun übernahm er das Männerteam. Bei den Europameisterschaften 2015 (Aus nach der Vorrunde) und 2017 (Viertelfinale) betreute Fleming das deutsche Team.

Parallel dazu arbeitete er bereits seit 2015 als Assistenztrainer in der NBA bei den Denver Nuggets und (ab 2016) für die Brooklyn Nets. Mit der Einführung der Nationalmannschaftsspiele während der Saison ließ sich der Bundestrainer-Job nicht mehr mit der NBA-Tätigkeit verbinden, so dass Fleming nach der EM 2017 den Stab an seinen Co-Trainer Henrik Rödl übergab und sich komplett in die USA verabschiedete. Dort ging es mit seiner Karriere weiter aufwärts. Über Denver und Brooklyn landete er 2019 bei den ruhmreichen Chicago Bulls als leitender Assistenz-Trainer, quasi die rechte Hand von Headcoach Jim Boylen. "Die Brooklyn Nets waren sehr kulant mir gegenüber und haben mich gehen lassen. Ich hatte eigentlich noch zwei Jahre Vertrag. Sie haben aber gesehen, dass es für mich in Chicago ein guter Aufstieg war."

Verantwortlich für das Spielkonzept

Seine Aufgabe bei den Bulls beschreibt Fleming so: "Wir haben eine sehr junge Mannschaft. Für mich geht es darum, ein Spielkonzept aufzubauen und zu entwickeln. Ich hatte darin schon Erfahrungen aus Denver und Brooklyn, wo wir ebenfalls einen Re-build vollzogen haben."

Für seinen Freund Woltmann ist es kein Wunder, dass Fleming den Job erhalten hat. "Wenn man eines über Chris sagen kann, ist es, dass er unglaublich weit vorausdenkt. Das haben auch andere inzwischen bemerkt." So war der kluge und ruhige Analytiker Fleming, obwohl er in seiner Karriere nie in der NBA gespielt hatte, vor kurzem im Gespräch als Headcoach der New York Knicks. "Ich hatte ein paar Gespräche. Ich war aber ein Außenseiter im Rennen um den Posten. Es war eine gute Erfahrung, und vielleicht bekomme ich ja noch mal eine solche Chance", sagt er und fügt hinzu: "Es gibt in der Welt nur 30 Jobs wie diese. Wenn du die Chance bekommst, musst du das machen."

Dass unter seiner Arbeit das Familienleben leidet, ist ihm bewusst: "Obwohl wir es hier in Chicago sehr gut haben, haben doch alle ein wenig Heimweh. Aber getrennt zu leben, würde nicht klappen. Lieber würde ich irgendwo ein Jugendteam coachen, als von meiner Familie getrennt zu sein."

Glücksfall Quakenbrück

In Quakenbrück fand Fleming auch sein persönliches Glück. 2007 heiratete er. Mit seiner Frau Anne hat Fleming drei Kinder. Die Söhne Elias (11) und John (7), beide in Bamberg geboren, und Tochter Heidi (4). "Wir werden definitiv wieder zurückkommen, denn Deutschland ist unsere Heimat", sagt Fleming, der weiß, dass seine Frau, gelernte Pharmazeutin, viel für ihn aufgegeben hat. In Quakenbrück haben die Flemings als Nachbarn von Familie Woltmann ein Haus. Bis die Familie dies nicht nur als Sommer-Dependance, sondern als Dauerwohnsitz nutzt, wird noch einige Zeit vergehen. "Ich werde sehen, wie weit es hier in den USA für mich geht. Ich könnte mir auch einen Job in Europa vorstellen."

Von der Wahl in die Besten des Jahrzehnts wusste er bereits vor dem Gespräch mit dieser Zeitung. "Die Nachricht hat mich durch mehrere Quellen erreicht", sagt Fleming. Die Zeit in Bamberg sei wahnsinnig schön gewesen. "Ich habe über viele Jahre eine Unterstützung durch die Fans erfahren, die ich in meiner Karriere noch nicht wieder erlebt habe." Und Fleming dankt auch seinen "exzellenten Co-Trainern, die daran beteiligt waren, dass ich gewählt wurde."

Serie: Die Besten des Jahrzehnts

In einer Online-Abstimmung haben unsere Leser im Frühjahr "Die Besten des Jahrzehnts" von Brose Bamberg ermittelt. Nach Daniel Theis, Nicolo Melli, Janis Strelnieks und nun Trainer Chris Fleming folgen noch Brad Wanamaker und Casey Jacobsen, die wir in ausführlichen Geschichten vorstellen.