Die Basketball-Bundesliga hatte es zwischen den Jahren gut gemeint mit den Fans. Alle vier Partien am Abend vor Silvester waren Derbys: Gießen gegen Frankfurt, Vechta gegen Oldenburg, Chemnitz gegen Weißenfels und nicht zuletzt das Nachbarduell mit der größten Tradition, Bamberg gegen Bayreuth. Statt Trommeln und Klatschen im Fanblock bleibt den Basketball-Anhängern aber auch an diesem Abend nur eine Alternative: die Couch und der Fernseher.

Oder auch eine Nummer größer, wie im Wohnzimmer von Tim Tropp in Gaustadt. Der 36-jährige Grundschullehrer schaut die Spiele seiner Bamberger auf einer gut sechs Quadratmeter großen Leinwand - und vor Corona selten alleine. "Teilweise schauen bis zu zwölf Kumpels bei mir. Da wird's dann auch mal emotional und laut. Meinen Vermieter warne ich da lieber immer vor", erzählt der gebürtige Aschaffenburger, den es 2008 studienbedingt nach Bamberg verschlug.

Chef der großen Choreografien

Am Mittwochabend muss Tropp mit dem Redakteur dieser Zeitung, der im gebührenden Abstand auf dem rot-weißen Sofa Platz nimmt, vorliebnehmen. Das Knabberzeug steht auf dem Parkett - auf einem Teil des alten Parketts der Brose-Arena, das zu einem Couchtisch umfunktioniert wurde. An der Wand hängen eine Illustration vom ehemaligen Bamberger Coach Chris Fleming und einige eingerahmte Zeitungsartikel über Choreografien, die Tropp inszenierte.

Der 36-Jährige gehört seit Gründung (2012) der Sektion Südblock an und gilt als der Kreativkopf der Fangruppierung. "Die Kreativität ist ein hohes Gut in unserer Familie. Einer meiner Opas hat Kulissen gebaut, der andere war Architekt. Mein Talent ist das Grafik-Design", erklärt der Pädagoge.

Den Bamberger Reiter in moderner Polygonoptik entwickelte Tropp vor drei Jahren für die große Choreo im dritten Finalspiel gegen Oldenburg. Nun hat es das Motiv sogar auf das rote Bamberger Heimtrikot geschafft. "Das ist ein überwältigendes Gefühl. Es freut und beeindruckt mich, auf wie vielen Artikeln ,mein Reiter' letztendlich vermarktet wird."

Tropp besitzt natürlich ein Exemplar des neuen Heimtrikots, mit seinem Namen und seiner Lieblingszahl 36, die aktuell seinem Alter entspricht. An diesem Abend trägt er aber sein gewöhnliches Arena-Outfit: Fanclub-Shirt und Schal. "Das bringt einfach Glück."

Die ersten Körbe verpasst

Von diesem ist wenige Augenblicke vor dem Jump noch nichts zu sehen. Denn kurzzeitig streikt das Internet. Dass er dadurch die ersten zwei Körbe verpasst, ist zu verschmerzen. Denn just, als es sich Tropp im Schneidersitz gemütlich macht, spielt sich Brose in einen Rausch. "Geil, geil", kommentiert er den Dreier von Dominic Lockhart zum 18:6, der den Bayreuther Coach Raoul Korner zur ersten Auszeit zwingt. "Lockhart ist neben Hundt mein Lieblingsspieler aus der aktuellen Mannschaft. Sie können echte Identifikationsfiguren werden. Da werden Erinnerungen an Karsten Tadda wach, von dem ich Riesenfan bin."

Die Erinnerungen an das letzte Oberfrankenderby in der Brose-Arena sind für Tropp dagegen keine guten. Vor fast genau zwei Jahren musste sich Bamberg mit 84:94 geschlagen geben. "Die Bayreuther Fans nach dem Spiel feiern zu sehen, war kein schöner Moment. Deshalb kann der Sieg heute gar nicht hoch genug ausfallen."

Vor der Partie tippte Tropp auf einen Erfolg mit zehn Punkten Vorsprung, stellte sich aber auf ein enges Spiel mit kampfstarken Bayreuthern ein. Und er sollte recht behalten. Medi findet Ende des ersten Viertels seinen Offensivrhythmus und verkürzt auf 18:22.

In der Whats-App-Gruppe der Sektion Südblock fallen die ersten Kraftausdrücke in Richtung der Ostoberfranken. Diplomatischer umschreibt Tropp die Beziehung zwischen beiden Fanlagern. "Wir sind jetzt nicht unbedingt Freunde."

Den Namen eines Spielers, der für beide Mannschaften auflief, entfällt dem Bamberger Fan kurzzeitig. "Ich kenne alle Spieler der letzten Jahre, aber bei den Namen habe ich meine Probleme. Immerhin muss ich mir ja auch 300 Schülernamen merken", sagt er grinsend.

Wen er meint? Assem Marei. "Er und seine Freiwürfe, das war in der letzten Saison wirklich schlimm." Während der Gespräche über ehemalige Spieler geht es fast ein bisschen unter, dass Mareis ehemaliger Bayreuther Centerkollege Andreas Seiferth die Gäste kurz vor der Halbzeitpause mit 36:35 in Front bringt. Tropp lächelt den Führungswechsel zu dem Zeitpunkt aber noch weg. "Ich bin noch ganz entspannt, das wird in der zweiten Halbzeit dann anders werden."

Besser wird es aus Bamberger Sicht im zweiten Durchgang nicht. Das Brose-Team hat große Mühe mit den wechselnden Verteidigungsvarianten der Gäste und schießt von der Dreierlinie eine Fahrkarte nach der anderen. Trotz der durchwachsenen Leistung hält sich Tropp mit Kritik zurück. "Ich habe in der Konstellation mit Roijakkers als Trainer ein gutes Gefühl. Er ist einer, der auf allen Ebenen anpackt. Er will Bamberg wieder in den Mittelpunkt rücken und das Identitätsgefühl zurückbringen." Dieses familiäre Umfeld imponierte Tropp bei seinem ersten Heimspiel 2008 sofort. "In den letzten Jahren hat dieses Gefühl gefehlt. Besonders enttäuschend war das Champions-League-Final-Four in Antwerpen, als sich nur drei Spieler bei uns für die Unterstützung bedankt haben. Der Rest ist einfach in die Kabine." Immer mehr zur Enttäuschung entwickelt sich für Brose auch das Derby an diesem Abend. Als Osvaldas Olisevicius die Bayreuther sieben Minuten vor Spielende erstmals zweistellig in Führung bringt (54:65), stöhnt auch Tropp erstmals laut auf. "Wir gewinnen aber noch. Gut, zehn Punkte werden es nicht mehr." Der Bamberg-Fan sitzt mittlerweile an der Couchkante, streicht immer wieder mit seinen Händen über seine Knie.

In der Whats-App-Gruppe wird derweil nicht nur die Bamberger Leistung kritisiert, sondern auch die des Kommentators. "Der geht gar nicht", schreibt ein Fan, nachdem Stefan Koch nach einem Offensivfoul des Bambergers Michele Vitalis an Seiferth in die Welt des Tanzens abdriftete. Jener Vitali sorgt einige Minuten später mit einem Dreier für den wohl größten Glücksmoment Tropps an diesem Abend. "Jaaaaa! Der Dreier war Gold wert. Einen solchen eiskalten Schützen braucht man jetzt."

Beim 62:69 knapp drei Minuten vor Schluss ist Tropps Hoffnung zurück. Doch das Brose-Team interpretiert das "eiskalt" in dieser Partie einfach falsch. Als Center David Kravish einen völlig freien Linkskorbleger verfehlt, rutscht dem lange Zeit um Contenance bemühten Tropp doch noch ein Schimpfwort über die Lippen. Er schlägt die Hände über dem Gesicht zusammen und kauert für einige Sekunden liegend auf der Couch. In dem Moment weiß er: Das 80. Oberfrankenderby geht an Bayreuth.

Vernichtende Kritik im Netz

"Mit Fans in der Halle wäre das eine Demütigung gewesen. Aus der Distanz werden das die Fans etwas gelassener sehen", so Tropp. Zumindest auf der Brose-Facebook-Seite ist am Mittwochabend von Gelassenheit wenig zu spüren: "Peinlich", "Lachnummer", "Aufbaugegner", "Abstiegskampf" und "Kreisliga" war in den Kommentaren zu lesen. Tropp sieht das anders: "Die Mannschaft hat eine Chance verdient. Aus meiner Sicht hat das neue Konstrukt Hand und Fuß. Zudem stehen Nachverpflichtungen im Raum, da tut sich eben noch was. Da muss man auch mal eine bittere Derby-Niederlage in Kauf nehmen."