Zwei Schlüssel zum Erfolg sah Brose-Trainer Johan Roijakkers vor der Partie beim Bundesliga-Spitzenreiter MHP Riesen Ludwigsburg: das defensive Brett zu kontrollieren und auf den Ball aufzupassen. Während seiner Mannschaft Ersteres über die komplette Spieldauer am Samstagabend gelang und das Reboundduell sogar deutlich gewann (36:22), ging Zweiteres mit 22 Ballverlusten kräftig in die Hose. Trotz dieses rekordverdächtigen Wertes kamen die Oberfranken zu drei Feldwürfen mehr als ihr Gegner - eine Seltenheit gegen Ludwigsburg.

Das Problem: Die Bamberger Ausbeute aus der Distanz war unterirdisch. Die Dreierquote (30 Prozent, 9 von 30) wurde nach drei Treffern in den unbedeutenden Schlussminuten etwas geschönt. Das gleiche trifft auf das Endergebnis zu: Mit dem 83:75 war Brose Bamberg in der Ludwigsburger Festung MHP-Arena (17 Heimsiege in Folge) noch gut bedient.

Bundesliga

MHP Riesen Ludwigsburg -

Brose Bamberg 83:75

(26:20, 23:19, 17:16, 17:20)

"Es gab einige Momente im Spiel, in denen wir die Kontrolle verloren haben", gab Roijakkers nach der Begegnung zu Protokoll. "Ich denke jetzt an die erste Halbzeit, in der wir zwei Offensivrebounds abgeben, die in sechs Punkten von Jordan Hulls münden." Der Niederländer spricht den ersten Zwischenspurt der Schwaben Ende des ersten Viertels an. Nach einem ordentlichen Start der Gäste (18:17) drehte Jordan Hulls (26 Punkte) auf und erarbeitete seiner Mannschaft erstmals ein Polster (26:17). "Dann gab es noch einmal eine Phase von zwei Minuten, in der wir ebenfalls die Kontrolle verlieren. Dies war das Spiel. Alle anderen Minuten waren, meiner Meinung nach, sehr ausgeglichen", so Roijakkers weiter.

Die Zahlen mögen dem 40-Jährigen Recht geben, doch auf Augenhöhe begegnete sein Team den gewohnt aggressiv zu Werke gehenden Ludwigsburgern an diesem Abend nur sehr bedingt. Den zweistelligen Vorsprung, den erstmals Yorman Polas Bartolo mit einem Dreier nach schläfriger Bamberger Rückwärtsbewegung herstellte (36:24, 13.), hielten die Gastgeber bis zwei Minuten vor der Schlusssirene, ehe Michele Vitali mit zwei Dreiern noch Ergebniskosmetik gelang. Bei zwischenzeitlich 19 Punkten Rückstand Mitte des dritten Viertels (61:42) hatte sogar ein Debakel gedroht.

Es wurde keines, da sich die Bamberger zumindest nicht kampflos ergaben. Lobend zu erwähnen ist Bennet Hundt, der 14 seiner 16 Punkte in der zweiten Halbzeit erzielte und mit viel Herz versuchte, die große Aufholjagd zu initiieren. Letztlich blieb es aber beim Versuch. Die Schattenseiten im Spiel des einzig gelernten Aufbauspielers im Bamberger Kader: seine defensive Hilflosigkeit gegen Hulls und seine sieben Ballverluste. Dabei war das Brose-Team auf die Ganzfeldverteidigung der Riesen relativ gut eingestellt. Fast alle der 22 Ballverluste leisteten sich die Bamberger im Positionsangriff, nachdem der erste große Druck bereits überspielt war. Die Aufbau- und Flügelspieler der Ludwigsburger rotierten blitzschnell und machten jeden Pass der Gäste schwer.

Ludwigsburg spielt ohne Center

Riesen-Coach John Patrick ist bekannt für seine kleine Formationen und setzte diesmal sogar noch einen drauf. Auf den 2,11-Meter-Mann Austin Wiley verzichtete er aufgrund der Ausländerregelung gänzlich, seinen zweiten Center, Jonas Wohlfarth-Bottermann, musste er wegen Foulproblemen lange draußen lassen. Kurios: Phasenweise war der 39-jährige Tremmell Darden mit 1,94 Meter der längste Ludwigsburger, alle fünf Bamberger Akteure auf dem Parkett waren größer.

Aus den körperlichen Vorteilen schlugen David Kravish, Christian Sengfelder & Co. im Spiel mit dem Rücken zum Korb aber viel zu wenig Kapital, auch weil die Schwaben teilweise doppelten und dadurch die Zone sehr eng machten. Offene Dreierversuche nahmen die Riesen dadurch in Kauf und hatten dann auch das Glück, dass die Bamberger nicht einmal diese trafen. Bestes Beispiel waren 90 Sekunden im zweiten Viertel, als sich das Brose-Team nach schönen Ballstafetten vier völlig freie Dreierversuche herausspielte (zweimal Fieler, Hundt, Ruoff), diese aber allesamt verfehlte.

Kurzeinsätze für die Neuzugänge

In dieser Phase stand Neuzugang Alex Ruoff auf dem Spielfeld, der kurzfristig nach seinem zweiten negativen Corona-Test sein Debüt im Brose-Trikot geben konnte. Zwar hielt sich seine zahlenmäßige Ausbeute (2 Assists, 1 Rebound) in Grenzen, doch sah man dem 34-Jährigen in seinen fünf Minuten Einsatzzeit schon an, dass er die Spielzüge seines langjährigen Trainers - wie erwartet - immer noch verinnerlicht hat.

Mehr Integrationsbedarf herrscht beim zweiten Bamberger Debütanten des Abends, Shevon Thompson (2 Punkte, 2 Rebounds). Für den 27-jährigen Jamaikaner war seine Bundesliga-Premiere bereits nach sieben Minuten Einsatzzeit mit fünf Fouls vorzeitig beendet. Dabei leistete er sich unter anderem mit zwei unsauber gestellten Blöcken vermeintliche Rookie-Fehler, die auch seinem Vorgänger unterliefen. Norense Odiase weilt noch in Bamberg, nimmt aber nicht mehr am Mannschaftstraining teil.

In diesem hat Coach Roijakkers mit seinem Team in den nächsten Tagen jede Menge Arbeit vor sich. Der Niederländer muss einiges optimieren, um die unfreiwillig zu richtungsweisenden gewordenen Partien gegen die vermeintlich "grauen Mäuse" Braunschweig (24. Januar), Göttingen (29. Januar) und Weißenfels (3. Februar) siegreich zu gestalten.

Ludwigsburg: Hulls (26 Punkte/6 Dreier), Smith (18/2), Brown (15/1), Wohlfarth-Bottermann (9), Polas Bartolo (7/2), Darden (6), Rodriguez (2), Radebaugh, Herzog, Ja. Patrick

Bamberg: Hundt (16/2), Vitali (13/3), Kravish (10), Fieler (9/1), Sengfelder (8), Lockhart (8/2), Hall (5/1), Ogbe (4), Thompson (2), Grüttner Bacoul, Ruoff

Spieler des Spiels

David Kravish und die lange Bamberger Riege hatten zumindest die Abpraller unter Kontrolle. Der 28-Jährige legte solide Zahlen auf (10 Punkte, 5 Rebounds, 4 von 6 Feldwürfen), hätte aber an beiden Enden des Spielfelds aufgrund seiner physischen Voraussetzungen aggressiver agieren müssen.