Die letzten Meter zu Fuß, vom "Nullachter"-Gelände spazieren sie durch den Volkspark zum Stadion, das noch den Namen Hauptkampfbahn trägt. "Und dann weißt du, dass 10 000 oder noch mehr Zuschauer auf dich warten. Ich hatte eine große Ehrfurcht, spätestens als ich Dragoslav Stepanovic zigarillorauchend auf der Trainerbank gesehen habe", erinnert sich Bernd Eigner, der junge Libero, damals erst 21 Jahre.

Es ist der 12. September 1992, ein heißer Spätsommersamstag, halb Bamberg wartet auf ein Fußballfest. Nicht nur die Kulisse ist beeindruckend, auch der Gegner und sein Aufgebot. Eintracht Frankfurt ist in Bestbesetzung angereist, es steht das DFB-Pokal-Spiel in Runde 2 gegen den Bayernligisten SC 08 Bamberg an. Eine klare Angelegenheit - möchte man meinen.

Von Stein bis Yeboah

Uli Stein im Tor der Gäste, davor Rudi Bommer, Uwe Bindewald, Manni Binz, Ralf Falkenmayer oder Marek Penksa. Im Sturm warteten Axel Kruse und Anthony Yeboah. Am Ende kamen noch Jörn Andersen ins Spiel, der spätere Mainz-Trainer, und Edgar Schmitt, der danach beim Karlsruher SC als "Euro-Eddy" Berühmtheit erlangte.

Aber die "Nullachter" hatten bereits in der Saison zuvor bewiesen, dass sie große Mannschaften ärgern können, schmissen etwa den FC Saarbrücken aus dem DFB-Pokal und scheiterten im Achtelfinale nur mit 0:1 am 1. FC Kaiserslautern.

Warum nicht die große Eintracht bezwingen, den Tabellendritten der vorherigen Bundesliga-Saison? "Im Pokal gibt es immer Überraschungen, außerdem war die Bayernliga damals die 3. Liga. Wir hatten eine Super-Truppe und haben auf eine Sensation spekuliert", sagt Norbert Hofmann, der Trainer. Darauf hoffte vielleicht auch die ARD. Die Sportschau widmete dem Spiel einen langen, siebenminütigen Beitrag und schickte mit Kommentator Gerd Rubenbauer einen ihrer Großen. Entstanden ist ein beeindruckendes Zeitdokument, für die Nachwelt konserviert auf Youtube. Mit Aufnahmen vor dem Spiel, wie der gut gelaunte SC-Spielmacher Dieter Göbhardt, auch Wirt der Vereinsgaststätte, schnell eine Zigarette raucht, der verletzte Uli Bein sich die Füße vertritt, Yeboah die vielen Autogrammwünsche erfüllt und Hofmann später die Mannschaft in der Halbzeitpause vor laufenden Kameras ("diszipliniert weiterspielen") auf die zweiten 45 Minuten einschwört. "Die durften natürlich in die Kabine und filmen. Wir hatten nichts zu verheimlichen", so Hofmann.

Skoric trifft zur Führung

Dass man diesen SC 08 Bamberg nicht einfach im Vorbeigehen besiegt, erfuhren die Hessen ohnehin bereits im ersten Durchgang. Die "Nullachter" wirbelten, der dynamische und erst 20-jährige Christian Springer narrte auf Linksaußen die Verteidiger und harmonierte im Zusammenspiel mit Wolfgang Hüttner. Am Ende einer solchen Kombination jagte Pero Skoric nach 14 Minuten aus kurzer Distanz tatsächlich den Ball unter die Latte, die Zuschauer auf den Rängen schien es in die Luft zu schleudern - 1:0 für den Außenseiter.

"Wir waren absolut auf Augenhöhe und haben relativ wenig zugelassen", sagt Eigner. "Im Nachhinein ist es wirklich ärgerlich, wir waren drauf und dran, für die Überraschung zu sorgen", meint auch Hofmann. Aber die Bamberger passten manchmal nicht auf, wie in der 31. Minute, als Axel Kruse eine Flanke unbedrängt annehmen konnte - 1:1. Und wenige Sekunden nach Beginn der zweiten Halbzeit: Yeboah ließ mehrere Verteidiger aussteigen und traf gegen Keeper Thomas Eichenseer zum 2:1 ins lange Eck.

Die Machtverhältnisse waren jetzt geradegerückt, aber nur auf der Anzeigetafel. Denn Chancen erspielten sich fast ausschließlich die Gastgeber. "Dieter Göbhardt war sensationell an diesem Tag", erinnert sich Eigner. Oder Kurt Finze, der "mit seinen Riesenschritten mehreren Frankfurtern weggelaufen ist", wie Hofmann sagt. Finze hatte zwei Mal den Ausgleich auf dem Fuß, scheiterte aber wie seine Kollegen am fehlerfreien Uli Stein. "Wenn man die vielen Chancen sieht, dann hätten wir treffen müssen, wenigstens zum Ausgleich", sagt Hofmann - und ärgert sich auch 28 Jahre später noch über einen nicht gegebenen Elfmeter in der Schlussphase. "Das war ein klarer Strafstoß, dabei bleibe ich."

So kam es, wie es kommen musste: Einen der wenigen SGE-Vorstöße schloss Yeboah in der 86. Minute mit einem Flachschuss zum 3:1 ab, das Spiel war entschieden, die grün-weiße Party vorbei. "Dennoch konnten wir stolz sein, wie wir uns an diesem Tag präsentiert haben", sagt Eigner.

So berauschend dieser 12. September 1992 für Fußball-Bamberg und den SC 08 gewesen sein mag, so war es gleichzeitig der letzte Auftritt des Vereins auf der ganz großen Bühne. Bereits im ersten Bayernliga-Jahr war der Klassenerhalt ein Kraftakt, Retter Hofmann kam im Winter für Heinz Keck und hielt mit dem Verein in einer dramatischen Relegation trotz zweier Platzverweise über das Elfmeterschießen die Liga.

Im zweiten Jahr verschärften sich die finanziellen Sorgen weiter, daran änderte auch das Spiel gegen Frankfurt nichts. Im Winter deutete sich der drohende Kollaps an, sportlich stand die Mannschaft im Keller. Hofmann musste im März gehen, der unvergessene Bubi Blum sprang ein, konnte den Abstieg aber nicht verhindern. "Gott hab' ihn selig", sagt Eigner: "Ohne ihn hätte sonst gar nichts mehr funktioniert." In den Jahren danach rauschte der SC 08 bis in die Kreisliga hinab und pendelte sich zwischen A- und Kreisklasse ein - bis heute.

Bis zum Profi

Die SC-Mannschaft der Saison 1992/93 verstreute es anschließend in alle Winde: Eigner, von Rubenbauer als "brillanter Libero" geadelt, schaffte später ebenso wie Springer beim FC St. Pauli den Sprung zum Profi. Innenverteidiger Markus Grasser gelang dieser Weg über den 1. FC Nürnberg, Skoric stürmte unter anderem für den FC Schweinfurt in der 2. Bundesliga. Andere blieben dem SC treu. "Obwohl das Ende in der Bayernliga traurig war, werde ich die Zeit als mit die schönste in Erinnerung behalten - vor allem dieses Spiel. Die Eintracht hatte ein legendäres Team, wir auf unsere Weise aber auch", sagt Eigner.

DFB-Pokal 1992/93, 2. Runde: SC 08 Bamberg - Eintracht Frankfurt 1:3 (1:1)

SC 08 Bamberg: Thomas Eichenseer - Bernd Eigner, Markus Grasser, Gerhard Pickel (42. Stefan Ruscher), Ralf Weidhaus, Kurt Finze, Dieter Göbhardt, Christian Springer, Markus Wöhner, Wolfgang Hüttner (81. Zeljko Cmiljanovic), Pero Skoric / SG Eintracht Frankfurt: Uli Stein - Rudi Bommer, Uwe Bindewald, Manfred Binz, Dietmar Roth, Ralf Falkenmayer, Marek Penksa, Stefan Studer (89. Jörn Andersen), Ralf Wolf, Axel Kruse, Anthony Yeboah (86. Edgar Schmitt) / Tore: 1:0 Pero Skoric (14.), 1:1 Axel Kruse (31.), 1:2, 1:3 Anthony Yeboah (46., 86.) / Schiedsrichter: Peter Weise (Könitz) / Zuschauer: ca. 13.000 / Gelbe Karten: Springer / Bindewald, Kruse, Falkenmayer, Studer