Mit dem Titelgewinn beim Finalturnier in München hat Alba Berlin seine zwölfjährige Durststrecke beendet und mit Brose Bamberg gleichgezogen. Beide Vereine weisen nun jeweils neun deutsche Meisterschaften auf und teilen sich in der Bestenliste den zweiten Platz hinter Rekordmeister Bayer Leverkusen (14). Die Brose-Basketballer hatten den "Albatrossen" in der vergangenen Dekade den Rang abgelaufen, doch nun hat sich das Blatt wieder zugunsten des Hauptstadtklubs,. Drei Jahre nach dem Gewinn der letzten Meisterschaft, als Alba nur die dritte Kraft hinter Brose und Bayern München war, sind die Bamberger vom zehnten Titel viel weiter weg als Berlin. Wir erklären, warum das so ist. Die Fakten Seit der neunten Bamberger Meisterschaft im Jahr 2017 standen sich die beiden Teams neunmal gegenüber. Von diesen Duellen gewann Bamberg nur eins. Immerhin war das mit einem Titel verbunden: 2019 wurde das Team von Trainer Federico Perego mit dem 83:82-Erfolg Pokalsieger. Doch die Zahlen sprechen klar für die Berliner, die die zurückliegenden sieben Bundesliga-Vergleiche allesamt für sich entschieden haben. Die Bamberger 70:107-Klatsche in der Hauptstadt Anfang März dieses Jahres, als beide Teams noch voll im Saft standen, spiegelt das derzeitige Kräfteverhältnis beider Teams besser wider als die 88:92-Niederlage beim Finalturnier im Juni in München nach wochenlanger coronabedingter Zwangspause. Die Ansprüche Nachdem die wohl teuerste Bamberger Mannschaft aller Zeiten die Euroleague-Saison 2017/18 mit elf Siegen und 19 Niederlagen nur auf Platz 12 beendete und auch in der Bundesliga bereits im Viertelfinale gescheitert war, erklärte der Aufsichtsratsvorsitzende Michael Stoschek das teure Wettrüsten mit dem FC Bayern München für beendet. Brose zog sich in die drittklassige Champions-League zurück, zudem wurde der Etat im Zuge einer wirtschaftlichen Konsolidierung von geschätzten 15 Millionen Euro auf gegenwärtig acht bis neun Millionen Euro gesenkt.

Alba Berlin hat dagegen im gleichen Zeitraum sein Budget von acht auf zwölf Millionen Euro erhöht, weil der Haupt- und Namenssponsor nach Informationen der Fachzeitschrift "BIG" sein finanzielles Engagement - nicht zuletzt wegen der Qualifikation für die Euroleague 2019/20 - ausgeweitet hat. Bei beiden Klubs hatten die veränderten finanziellen Gegebenheiten natürlich Auswirkungen auf die Qualität der Mannschaft. Das Personal Kontinuität hier, steter Wechsel dort. Mit Luke Sikma, Peyton Siva, Niels Giffey, Stefan Peno, Jonas Mattiseck und Tim Schneider standen im diesjährigen Berliner Meisterteam fünf Spieler, die seit 2017 das Alba-Trikot tragen. In den Sommerpausen verstärkte sich der Hauptstadtklub zuletzt nur gezielt, während die Bamberger ihren Kader in den vergangenen beiden Jahren jeweils fast komplett austauschten.

Ähnlich verhält es sich bei leitenden Angestellten. Denn auch hier setzt Alba auf sein bewährtes Personal. Trainer Aito Garcia Reneses ist seit 2017 im Amt und zahlte das Vertrauen in seine Person nach fünf verlorenen Finals in Bundesliga, Pokal (je zwei) und Eurocup jüngst mit dem Gewinn der deutschen Meisterschaft zurück. Nach Berlin hatte Coach Aito dessen spanischer Landsmann Himar Ojeda gelotst. Der Sportdirektor ist seit 2016 für Alba tätig und hat seinen Vertrag kürzlich bis 2023 verlängert. Die Richtung gibt bei Alba aber Marco Baldi vor. Der 58 Jahre alte Schwabe ist bereits seit 1990 Geschäftsführer und hat den Verein seit 30 Jahren in der deutschen Spitze verankert.

Bei Brose Bamberg machten die zahlreichen Wechsel bei Spielern, Sportdirektoren, Geschäftsführern und vor allem Trainern (sechs in den vergangenen drei Jahren) ein kontinuierliches Arbeiten unmöglich. Das Viertelfinal-Aus in den zurückliegenden beiden Bundesliga-Spielzeiten sowie das Verpassen der Play-offs in der Champions League waren die Konsequenzen. Die Nachwuchsarbeit Kein deutscher Verein leistet eine so intensive Nachwuchsarbeit wie Alba Berlin. Über 100 Trainer fördern über 5000 Talente in Kitas und Schulen bis hin zur Jugend-Leistungsportspitze in der NBBL. Das Engagement zahlt sich aus. Jahr für Jahr schaffen Talente aus dem eigenen Nachwuchs den Sprung in die Bundesliga-Mannschaft, angefangen von Niels Giffey über die Wagner-Brüder Moritz und Franz oder wie in jüngster Zeit Jonas Mattiseck, Tim Schneider, Malte Delow und Lorenz Brennecke. Auch Brose-Neuzugang Bennet Hundt stammt aus der Talentschmiede und schnupperte in Berlin erstmals Bundesligaluft.

Natürlich kann Alba in der Millionenstadt Berlin aus einem weitaus größeren Reservoir schöpfen als die Bamberger. In der fränkischen Provinz muss man daher Talente "hinzukaufen", was auch getan wurde. Das Fatale daran aber: Hoffnungsvolle Jungprofis wie Andi Obst (Halle), Leon Kratzer (Bayreuth) oder Johannes Thiemann (Trier) reiften zwar in Bamberg zu Bundesliga-Spielern, wurden dann aber an andere Vereine abgegeben. Zudem litt das einst durchaus erfolgreiche Jugendprogramm unter den häufigen Personalwechseln in der Führungsebene. Auf der Prioritätenliste rutschte es immer weiter nach unten und muss nun völlig neu aufgebaut werden. Der Ausblick Bamberg und Berlin, zwei der drei "großen B's", sind nicht mehr auf Augenhöhe. Die "Albatrosse" sind ihrem fränkischen Widersacher davongeflogen und einziger ernsthafter Titelkonkurrent des Branchenkrösus Bayern München. Zwar steht auch Alba in diesem Sommer vor einem Umbruch, denn sieben Spieler, darunter die Leistungsträger Martin Hermannsson, Rokas Giedraitis und Landry Nnoko, haben das Meisterteam verlassen. Doch die bewährte Achse um Kapitän Niels Giffey, Aufbauspieler Peyton Siva und Power Forward Luke Sikma wird dafür sorgen, dass die Neuzugänge um die beiden Ex-Bamberger Maodo Lo und Louis Olinde die Spielphilosophie von Trainer Aito, der wohl verlängern wird, schnell verinnerlichen werden.

Der neue Bamberger Trainer Johan Roijakkers steht dagegen nach dem Radikalumbau mit neun Neuzugängen vor der Herkulesaufgabe, ein Team zu formen, das nach dem Wunsch von Stoschek "mindestens ins Halbfinale" einziehen soll. Noch wichtiger ist aber, Team und Verein eine neue Identität zu geben. Berlin ist seit Jahren ein Musterbeispiel für nachhaltiges Arbeiten. Hierzulande fragen sich die Fans - nachdem die fetten Jahre vorbei sind - , wofür der Bamberger Basketball eigentlich steht.

Power Forwards: Teure Missverständnisse treffen auf Spielintelligenz

von Maximilian Glas Ein stabiler Wurf, auch aus der Dreierdistanz, ist mittlerweile unabdingbar: In vielen Klubs fungieren Power Forwards an der Dreierlinie als eine Art zweiter Spielgestalter, die Systeme mit ihren Qualitäten in der Entscheidungsfindung prägen. Defensiv sollte ein "moderner Vierer" schnell auf den Beinen sein, um bei Pick-and-Roll-Varianten des Gegners in der Lage zu sein, den Gegenspieler kurzzeitig zu tauschen und so einen flinken Aufbauspieler vor sich zu halten. Eine gesunde Portion Athletik rundet den Prototypen eines Power Forwards ab.

Diesem anspruchsvollen Anforderungsprofil kam bei Brose Bamberg zuletzt Nicolo Melli (2015 bis 2017, mittlerweile bei den New Orleans Pelicans in der NBA) in vielen Bereichen zumindest sehr nahe. Nach dem Abgang des Italieners im Jahr 2017 probierten es die Bamberger auf dieser Positionen mit unterschiedlichen Spielertypen, glücklich wurde man jedoch nie.

2017 wechselte Luke Sikma nach Deutschland und hat seitdem einen großen Anteil an der Rückkehr von Alba Berlin an die deutsche Basketball-Spitze. Der US-Amerikaner hat mit Berlin ein Umfeld gefunden, in dem er das Maximale aus seinen Fähigkeiten herausholen kann. Der 31-Jährige hat die Spielphilosophie von Alba-Trainer Aíto García Reneses verinnerlicht und trifft auch außerhalb der Systeme intuitiv fast immer die richtigen Entscheidungen. 2019 verlängerte der US-Amerikaner seinen Vertrag vorzeitig um vier Jahre und wird Alba, auch wenn seine Athletik weiter leiden wird, bis 2023 Stabilität verleihen. Stabilität, die Brose Bamberg auf dieser wichtigen Position in den vergangenen drei Jahren nicht einmal im Ansatz fand. So wurden unter anderem die Verträge mit Quincy Miller, Luka Mitrovic, Stevan Jelovac, Michael Carrera und Darion Atkins vorzeitig aufgelöst. Im Sommer 2017 versuchte es Brose mit prominenten Namen. Quincy Miller war einer der talentiertesten Basketballer, die jemals in Bamberg unterschrieben hatten, konnte die Erwartungen aber nicht im Ansatz erfüllen. Der Ex-NBA-Spieler brachte es lediglich auf ein Bundesliga-Spiel, da er mit dem Systembasketball und der von Coach Andrea Trinchieri geforderten Disziplin ein Stück weit überfordert war.

Luka Mitrovic musste vor allem seinem Körper Tribut zollen. Aufgrund von anhaltenden Knieproblemen, die ihn schon vor seiner Zeit in Bamberg gebremst hatten, fand er im Brose-Trikot nie in seinen Rhythmus. Kalkulierte Risiken, die sich nicht ausgezahlt haben.

Mitrovic-Nachfolger wurde 2018 Landsmann Stevan Jelovac. Der serbische Nationalspieler ist ein begnadeter Scorer, brachte das Team aber aufgrund seiner schwachen Verteidigung nicht weiter. Im Februar 2019 musste auch er vorzeitig gehen. Im Sommer 2019 wurde das Händchen der Bamberger Verantwortlichen nicht glücklicher. Wunschkandidat Coty Clarke unterschrieb zwar im Juli einen Vertrag, doch nur drei Wochen später wurde bekanntgegeben, dass dieser nicht zustande kommt. Sein Ersatz, der venezolanische Nationalspieler Michael Carrera, ließ zwar sein letztes Hemd auf dem Parkett, doch er bestand die "Probezeit" nicht. Der Ersatz vom Ersatz, Darion Atkins, sollte mehr Präsenz unter den Körben bringen, hatte aber noch weniger Einfluss auf das Bamberger Team. Sein Vertrag wurde in der Corona-Pause aufgelöst.

Einziger Lichtblick aus Bamberger Sicht: Die Verpflichtung von Nationalspieler Christian Sengfelder im vergangenen Sommer. Der 25-Jährige hat das Zeug, im System des neuen Trainers Johan Roijakkers eine tragendere Rolle als unter Roel Moors zu spielen.