Verzweiflung, Schuldgefühle, Selbstvorwürfe, Scham und Verleugnung, Alpträume, Wut oder Ärger: All das kennt Barbara Kreklau nach dem Suizid zweier Angehöriger aus eigener Erfahrung. Ein Schwager erschoss erst seine Ehefrau und seine drei Kinder, bevor er von einer Brücke in den Tod sprang. Dessen Bruder erhängte sich einige Jahre später in einem Wald.

Barbara Kreklau stürzte in tiefste Trauer. Immer wieder kreisten ihre Gedanken um die quälenden Fragen: "Warum haben wir nichts gemerkt? Hätten wir ihn nicht allein lassen dürfen?" Sogenannte Freunde, mit denen sie über ihr Gefühlschaos sprechen wollte, sagten schon sechs Wochen nach der Tat: "Jetzt lass es gut sein mit deiner Trauer." Doch Barbara Kreklau konnte es nicht gut sein lassen. 1994 gründete sie in Bamberg die Selbsthilfegruppe "Trauer nach Suizid". Brach damit ein Tabu auf. Sammelte Schicksalsgefährten um sich, die ihr bei der Überwindung der schrecklichen Erlebnisse halfen.

Zwanzig Jahre später hat es die 44-Jährige Walsdorferin geschafft: "Ich konnte in der Gruppe immer wieder erzählen, was mich bedrückt." Und niemand habe gesagt: "Lass es jetzt gut sein." Niemand beschuldigte sie eines Versagens, niemand klagte sie an. Barbara Kreklau fand Hilfe und Ermutigung statt leerer Worte, Trost statt Vertröstung, Verständnis, das neue Kraft gibt.

Vertrauliches Stillschweigen

Inzwischen ist die Kinderpflegerin und Mutter dreier Sprösslinge so weit gefestigt, dass sie selbst anderen Betroffenen eine Stütze sein kann. Regelmäßig trifft sie sich mit etwa zwanzig Männern und Frauen, die einen nahestehenden und geliebten Menschen durch Selbsttötung verloren haben. Carola Häußler und Barbara Sillack unterstützen sie in der Leitung der Gruppe, sind von Anfang an dabei. Denn der Weg der Trauer nach einem Suizid ist endlos lang, steinig: "Wie kann ich weiterleben, wenn mein liebster Mensch nicht weiterleben wollte?" Diese Frage bedrückt und verschleiert die eigene Zukunft. Im geschützten Raum der Gruppe, die sich nach außen hin zum vertraulichen Stillschweigen verpflichtet hat, können Perspektiven aufgezeigt werden.

"Wir weinen nicht nur, sondern lachen auch viel zusammen", gibt Barbara Kreklau einen Einblick in die Atmosphäre solcher Stunden. Kerzen und Naschereien gehören dazu. Und die Übereinkunft, dass niemand reden muss, wenn er nicht kann: "Manche bleiben auch stumm." Und hadern mit Gott, "der das zugelassen hat". Jedenfalls ist eine seelsorgliche Begleitung der Gruppe "nicht gefragt", erklärt die Leiterin.

Behutsame Gespräche

Jährlich nehmen sich etwa 12 000 Menschen in Deutschland das Leben. "Die Dunkelziffer ist viel höher", weiß die Gruppenleiterin auch nach entsprechenden Fortbildungen in der Bamberger Hospizakademie oder in der Diözesanstelle Familie. Das seien dann die Todesfälle, dessen Ursache "unbekannt" ist: "Geisterfahrer, mit dem Auto gegen einen Brückenpfeiler, Verweigern von Essen und Trinken besonders im Alter", listet Barbara Kreklau auf. Das Tabu-Thema "Selbstmord" jedenfalls mache viele neugierig, lasse Getuschel und Gerüchte entstehen und wecke Vorurteile. Dabei brauche es gute Information und behutsame Gespräche, damit die Trauernden nicht noch mehr verletzt werden.

Von diesen Trauernden gibt es hierzulande Zehntausende. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind von jedem Suizid durchschnittlich deutlich mehr als sechs Personen betroffen. Nicht nur Angehörige, auch Freunde, Kollegen, Mitschüler können in einem Maße betroffen sein, dass sie auch selbst Unterstützung benötigen. Für alle steht die Selbsthilfegruppe "Trauer nach Suizid" offen.

"Wir sind konfessionell und weltanschaulich nicht gebunden, sind nicht als Verein organisiert, gehören keinem Verband an und werden nicht öffentlich gefördert", unterstreicht Barbara Kreklau die Unabhängigkeit ihrer Selbsthilfegruppe. Gleichwohl wird das 20-jährige Jubiläum in einem kirchlichen Rahmen begangen: "Es ist keine Feier, sondern ein Gedenken an unsere Verstorbenen, die nicht vergessen sind, und die leben wollten, es aber nicht mehr so mit ihrer Krankheit konnten." Nach der Gedenkstunde am Samstag, 20. September, um 17 Uhr in der Auferstehungskirche Bamberg, Pestalozzistraße (Gartenstadt) schließt sich ein Beisammensein im Gemeindesaal an. Dort besteht die Gelegenheit, sich wiederzusehen, neue Kontakte zu knüpfen und sich zu informieren. Mit dabei sein werden der evangelische Pfarrer Arno Lemke und Wolfgang Eichler, Referent für Ehe- und Familienpastoral im Erzbischöflichen Ordinariat. Barbara Kreklau: "Wir laden alle ein, die ein Stück des Weges mit uns gegangen sind, die uns unterstützt, begleitet und ermutigt haben, die sich uns verbunden fühlen."

Die Selbsthilfegruppe "Trauer nach Suizid" trifft sich an jedem vierten Freitag im Monat um 19 Uhr im Awo-Seniorenzentrum Bamberg, Hauptsmoorstraße 26. Ein erster Kontakt ist möglich über das Selbsthilfebüro Bamberg, Theatergassen 7, Telefon 0951 / 91700940, oder direkt bei Barbara Kreklau, Telefon 09549 / 2049999. Anfragen werden auch per E-Mail beantwortet: trauer-nach-suizid@web.de. Homepage im Internet: www.trauer-nach-suizid.de