Nein, Gesichter bringen sie nicht in Verbindung mit der Familie, die seit wenigen Wochen in Burgebrach wohnt. Die Wirtsfamilie im "Goldenen Hirschen" kann sich nur erinnern, dass Familie B. vor vier Wochen einen Tisch bestellt hat. Nummer 13. Annelis Gesicht kennen Inge Butterhof (68) und ihre Töchter hingegen sehr genau. "Seit Sonntag plaudern wir über das Mädchen". Und jetzt soll Familie B. von Tisch 13 etwas mit deren Entführung und Ermordung zu tun haben? "Unfassbar!"

Im "Goldenen Hirsch" in der Ortsmitte des beschaulichen Marktes erfährt man Neuigkeiten zuerst. Nur die vom Einsatz des SEK und der Kripo hielt man für Wichtigtuerei. Bis Dienstagmorgen Journalisten den "Goldenen Hirschen" stürmten und Fragen stellten.

 




Über Familie B. von Tisch 13 weiß man praktisch nichts. "Mir ist damals nur der Name aufgefallen", sagt die 68-Jährige. Der fiel erneut auf, als die Journalisten ihn nannten. Familie B. - Vater, Mutter, zwei kleine Buben und die Schwiegermutter - haben vor wenigen Wochen ein schmuckes Haus im Südwesten bezogen. Der Putz an dem ausladenden Bau fehlt noch, großzügige Bodenmodellierung lässt auf anstehende aufwendige Gartengestaltung schließen. Geschlossene Jalousien vermitteln den Eindruck, dass sich hier entweder jemand abschottet, oder das Gebäude leer ist. Es steht jedenfalls nur der Citroen - der laut Aufkleber "super Oma" - mit Meißner-Kennzeichen auf einem der Stellplätze. Alles ruhig. Ganz im Gegensatz zum Montagmorgen.

 


In Handschellen abgeführt

Stefanie Leibach (22) aus der unmittelbaren Nachbarschaft war da zwar gerade bei ihrem Freund. Aber was die Eltern ihr berichteten, hat sie doch einigermaßen geschockt. Die Eltern schilderten ihr einen "Riesen-Aufruhr". Der Nachbar wurde in Handschellen abgeführt, sein grauer BMW von der Polizei mitgenommen. "Der war ganz normal, hat immer gegrüßt, sich normal verhalten," schildert die 22-Jährige. Aufgefallen sei ihr allerdings, "dass immer die Jalousien zu waren und die Kinder nur abends und für höchstens eine Stunde zum Spielen herausgekommen sind."

Im Rathaus der knapp 7000 Einwohner großen Marktgemeinde ist die vor etwa drei bis vier Wochen hier lebende Familie ein mehr oder weniger unbeschriebenes Blatt. Tätig wurde die Verwaltung wegen ihr am Montag: Bei der Hausdurchsuchung musste eine Mitarbeiterin dabei sein. Nichts, was einen gleich an ein Kapitalverbrechen denken lässt. Die Verbindung zu einem solchen tat sich für Bürgermeister Johannes Maciejon czyk erst nach den zahlreichen Presse-Anrufen Dienstagmorgen auf. "Wir sind alle betroffen." Nicht, weil Burgebrach damit in die Schlagzeilen kommt, sondern wegen der Tat an sich.

Da sei es letztlich egal, woher Täter kommen. Sein ganzes Mitgefühl gelte der Familie des Opfers. "Mir tut die Familie unsagbar leid", bricht es aus Inge Butterhof heraus. Im "Goldenen Hirsch" weicht die Betroffenheit der Wut auf denjenigen, der Anneli auf dem Gewissen hat. "Was haben wir mit dem Idioten zu tun?", fragt sie eher rhetorisch mit Blick auf den verhafteten 39-Jährigen.


Warum so eine Tat? Zu verstehen ist das nicht, allerdings könnten finanzielle Gründe ein Motiv gespielt haben, wie verschiedene Quellen nahe legen. Der Familienvater, gelernter Koch, hat die Immobilie erst vor kurzem erworben. In der Nachbarschaft kursiert ein Kaufpreis von circa 350.000 Euro. Eine sehr hohe Summe, angesichts der Tatsache, dass der 39-Jährige arbeitslos sein soll.

Auch das ist wieder Grund für Spekulationen im "Goldenen Hirschen": "Ein Koch ist normalerweise nicht arbeitslos, Köche sind gesucht." Als die Wirtin dann noch vom Hauskauf erfährt, stellt sich für sie gleich eine Verbindung zur Entführung her: "Die denken, die entführen eine Unternehmertochter und kriegen Geld, unfassbar".

Unfassbar, das war für die Nachbarschaft von Familie B. jedenfalls erst einmal das, was sich da am frühen Montagmorgen in dem sonst so ruhigen Wohngebiet ereignete: Unheimlich war es den Bewohnern, was sich in ihrem nächsten Umfeld tat. Sechs bis sieben fremde Fahrzeuge waren da. Und das schon zwischen 2 und 3 Uhr morgens. "Von wegen Stürmen", korrigiert ein Augenzeugen Meldungen. "Der wusste, dass die da waren und kam freiwillig raus." Er soll dann zu Boden geworfen worden sein. Auf jeden Fall macht dieser Vorfall von Montagmorgen nun allmählich in der ganzen Gemeinde und der Umgebung die Runde, da sich mittlerweile die Zusammenhänge herstellen lassen.

So auch bei Tankstellenbetreiber Hans Spörlein (60), der zunächst einmal gar nichts gewusst hatte und dann im Internet alles Bisherige nachliest. Die Verbindung zwischen dem Entführungs- und nun Mordfall und Burgebrach hatte sich auch für ihn nicht hergestellt "So eine Sauerei jemanden umzubringen!"


Annelis Schicksal wird in Burgebrach schon seit Tagen verfolgt

Im "Goldenen Hirschen" verfolgen Inge Butterhof und ihre Töchter Annelis Schicksal schon seit Tagen. Bei Bekanntwerden, dass der mutmaßliche Täter aus der Region Bamberg kommt, habe es den Fall noch näher heranrücken lassen, ebenso die weitere Eingrenzung auf den westlichen Landkreis. Als die Leute dann am Montag sagten, bei uns "in Burgebrach ist was los", habe man gelassen geantwortet, dass hier "immer was los" sei, erinnert sich Inge Butterhofs Tochter Elisabeth Meinhardt. Und dann der Schock: "Wir sind doch kein krimineller Ort."

Mutter Inge Butterhof informiert sich schon immer über "Aktenzeichen XY" über das, auf was sie achten muss. Sie kritisiert aber, dass man zu wenig über Bilder auf Täter aufmerksam gemacht würde und dass es immer nur Bilder von Opfern, aber kaum von den Tätern gebe. Auch bei Familie B. von Tisch 13 hat sie kein Bild im Kopf. "Ich weiß nur von der Bestellung und habe ja in der Küche gestanden, als sie hier waren".