Die Stellungnahme der Denkmalpflege steht noch aus, da bläst dem geplanten Quartier an der Stadtmauer zwischen Langer Straße und Promenade, das von der Multi Development Germany GmbH errichtet und vermarktet werden soll, schon von anderer Seite der Wind entgegen: Unabhängig von der Architektur stellt der Stadtmarketing-Verein nicht nur die Sinnhaftigkeit des Projekts in Frage, sondern warnt vor einem massiven Ladensterben in der Innenstadt.

Die Argumente kamen überraschend bei der Vollsitzung des Stadtrats am Mittwoch auf den Tisch, als ein auf den ersten Blick harmloser Tagesordnungspunkt zur Abhandlung stand: "Vorstellung des Wettbewerbsergebnisses Quartier an der Stadtmauer - Sachstandsbericht" hieß es da. Doch wer eine sang- und klanglose Kenntnisnahme erwartet hatte, nachdem der Siegerentwurf schon im Februar der Öffentlichkeit vorgestellt worden war, sah sich getäuscht.

Klaus Stieringer, Geschäftsführer von Stadtmarketing und Stadtrat der Bamberger Realisten, appellierte an seine Kollegen, die Verwaltung und den Oberbürgermeister, nach 13 Jahren endlich anzuerkennen, dass man mit der City-Passage (so der früher gebräuchliche Arbeitstitel) trotz allem Optimismus nicht weitergekommen sei. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärte er, warum er dieser Meinung ist.

In den acht großen Einkaufsanlagen, die von der Multi Development in Deutschland betrieben werden, finden sich laut Stieringer immer die gleichen Mieter. Fast alle der für das Quartier an der Stadtmauer vorgesehenen 17 Einzelhandelsgeschäfte sind laut Eigenauskunft von Multi Development im Internet längst in der Bamberger Innenstadt oder aber im Atrium am Bahnhof oder bei Ertl in Hallstadt vertreten: Apollo Optik, Bonita, Deichmann, dm-Drogeriemarkt, Douglas, E-Plus, Gamestop, H&M, McPaper, New Yorker, S. Oliver, Street One und Telekom/T-Punkt. Damit wären lediglich drei Marken neu in Bamberg.

Für Stieringer ist deshalb klar: Das Quartier an der Stadtmauer würde in dieser "Besetzung" nicht zu einer Bereicherung des Innenstadt-Handels führen, sondern zu großer Konkurrenz und letztendlich zu empfindlichen Leerständen, weil kein Konzern auf längere Zeit zwei identische Läden in unmittelbarerer Nachbarschaft halten würde.

Der ursprüngliche Plan, einen Elektronikmarkt, einen Lebensmittel-Supermarkt und ein großes, namhaftes Bekleidungsgeschäft in das Quartier zu bringen, um die bestehenden Defizite im Einzelhandelsmix der Innenstadt auszugleichen, scheitert laut Stieringer daran, dass keine Parkgarage gebaut werden wird. Parkplätze aber seien für die Anbieter von Multimedia und Lebensmitteln unabdingbare Voraussetzung: "Sonst kommen sie erst gar nicht." Vor diesem Hintergrund müsse ernsthaft die Frage erörtert werden, ob Bamberg überhaupt eine Citypassage wie diese brauche.

Wohnanteil erhöhen

Die gleichen Bedenken hat Stadtrat Dieter Weinsheimer (FW), wie er in der Sitzung am Mittwoch verlauten ließ. Nachdem es für seinen Vorredner Stieringer Applaus gegeben hatte, sagte er: "Wir brauchen eine Wende an der Stadtmauer." Er wünscht sich ein Quartier, in dem man wohnen, leben und "zum Teil auch einkaufen" kann, aber kein Einkaufszentrum. Seines Wissens gebe es "im Hintergrund" Diskussionen über Alternativen.

Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) kannte "solche Spekulationen" nach eigener Aussage nicht und wollte wissen, welche Investoren denn jetzt an dem Quartier Interesse hätten. Stieringer nannte die JA Consulting. Das ist jener Bauträger, der sich schon auf dem Erba-Gelände engagiert hat und das Schaeffler-Gelände in ein neues Wohnviertel umwandeln möchte. Vor den Wortbeiträgen von Stieringer und Weinsheimer hatte sich die Diskussion im Stadtrat auf die Architektur beschränkt. Für die CSU zeigte sich Fraktionsvorsitzenden Helmut Müller "noch nicht ganz überzeugt". Sein Vorschlag war, den Wohnanteil im Quartier noch zu erhöhen.

SPD-Fraktionsvorsitzender Heinz Kuntke zeigte sich froh darüber, dass er zum jetzigen Zeitpunkt "Gott sei Dank nur Kenntnis nehmen" muss. Er sieht eine Menge Fragen offen und große Widerstände auf die Stadt und den Stadtrat zukommen. Vor allem vermisst er Anstrengungen der Architekten, die historischen Gebäude an der Hellerstraße doch zu erhalten und in das Neubau-Projekt zu integrieren. Seine Prophezeiung: "Das wird noch ein steiniger Weg."

Ursula Sowa, Fraktionsvorsitzende der GAL und Mitglied in der Jury des Architektenwettbewerbs, sagte, dass ihrer Meinung nach die besten Vorschläge aus dem Wettbewerb "herausgekegelt" worden seien, der Siegerentwurf der MGF-Architekten GmbH aus Stuttgart aber durchaus hohe Qualität aufweise. Jedoch werde es eine Baumasse des jetzt geplanten Umfangs auf keinen Fall geben. Abstriche von 20 bis 30 Prozent hält Sowa für nötig und realistisch. Darauf werde sich Multi Development einstellen müssen. Sowas große Sorge gilt den möglicherweise vorhandenen Bodendenkmälern, denn "alles wird ausgebaggert, das wird ein großer Eingriff werden". Sie kündigte an, dass die GAL das Projekt nur dann mittragen werde, wenn die Denkmalpflege keine Einwände erhebe.

Das Areal, auf dem das Quartier an der Stadtmauer entstehen soll, befindet sich im Eigentum der Sparkasse Bamberg. Deren Vorstandsvorsitzender, Konrad Gottschall, versucht seit mehr als zehn Jahren, für das Grundstück mit seinen vielen baufälligen Häusern und alten Lagerschuppen eine städtebaulich verträgliche Lösung zu finden und es zu vermarkten.

Dass ein neuer Investor an dem Gelände interessiert sein soll, "war mir ganz neu", sagte Gottschall auf Anfrage. Ungeachtet dessen werde die Sparkasse an dem Projekt wie geplant weiterarbeiten: Nach dem Architektenwettbewerb würden die Pläne nun noch überarbeitet, dann gehe man in das Genehmigungsverfahren. Die Entscheidung über das Projekt würden letzten Endes die Gremien treffen. "Darauf hat die Sparkasse wenig Einfluss."

Ebenso wenig könne sie Einfluss auf den Branchenmix ausüben, den der künftige Investor auswähle. An "Störfeuer" in Sachen Citypassage beziehungsweise Quartier an der Stadtmauer, wie das Projekt seit einiger Zeit heißt, hat sich Gottschall im Laufe der Jahre schon gewöhnt, und er weiß, dass er nie alle Kritiker wird zufriedenstellen können. "Ich bewege mich zwischen Gegenpolen." Gelassen konstatiert er: "Man kann in dieser Sache nur auf einen Kompromiss hinarbeiten."