Regelmäßig am Ende des Winters schlägt die Grippewelle zu. Das ist normal. Doch eine solche Saison hat Rainer Gerstner noch nicht erlebt. In der Hochphase der letzten Wochen hat der hausärztliche Internist in seiner Praxis in Bamberg täglich zehn neue Grippefälle registriert - ein Abstrich macht die zweifelfreie Identifikation des Influenza-Typs möglich.

Das Problem in diesem Jahr: Zur extremen Häufung der Grippeerkrankungen kam noch der teilweise ernste Verlauf der Krankheit. Abgesehen von Komplikationen durch eine Lungen- oder Herzmuskelentzündung zeigte sich die Intensität des Grippewinters 2018 schon daran, wie lange die vom Virus befallenen Menschen häufig das Bett hüten mussten: "Früher war es oft mit einer Woche getan. Doch heuer waren viele Patienten bis zu drei Wochen außer Gefecht gesetzt."

Für Gerstner und sein Sprechstundenteam war die Bewältigung so vieler Grippefälle in so kurzer Zeit eine Herausforderung. Doch auch im Bamberger Klinikum brachte der Winter 2018 die Mitarbeiter an ihre Grenzen. Wie Brigitte Dippold sagt, wurden seit Januar 503 Influenzafälle am Bruderwald behandelt, von 1500 in der gesamten Region.


Rettungsdienste in der Klemme

Da die hoch ansteckenden Kranken nicht in einem gewöhnlichen Krankenzimmer untergebracht werden konnten, waren die Bettenkapazitäten selbst im großen Klinikum zeitweise ausgeschöpft - eine schwierige Situation vor allem für Rettungsdienste, die ihre Patienten nicht in jedem Fall ins nächst gelegene Krankenhaus bringen konnten.

Verschärfend kam hinzu, dass das Personal der Krankenhäuser nicht anders als in zahlreichen Unternehmen, Behörden und Schulen der Fall selbst unter der Krankheit litt. Hört man Brigitte Dippold, befanden sich in der Hochphase der Grippewelle alleine am Klinikum 145 Pflegekräfte im Krankenstand. Umso mehr sei zu loben, dass die übrigen Pflegekräfte den Ausnahmezustand gut bewältigt haben.

Trotz der ungewöhnlichen Erkrankungswelle "war die medizinische Versorgung im Raum Bamberg zu keinem Zeitpunkt in Gefahr", sagt der Vorsitzende des Ärztlichen Kreisverbands, Georg Knoblach. Freilich: Um dem Risiko vorzubeugen, dass Menschen in kritischen Situationen tatsächlich nicht mehr fachgerecht behandelt werden können, hat der Ärztliche Kreisverband Mitte März alle Ärzte in der Region schriftlich aufgefordert, nur noch Notfälle ins Krankenhaus zu überweisen. Denn auch die gab es in großer Zahl. Knoblach spricht von drei bewiesenen Grippetoten in Stadt- und Landkreis Bamberg. So kam zu dem Fall einer Elfjährigen und einer älteren Person noch der eines 50-jährigen Mannes hinzu.


Mehr Viren als sonst

Was ist die Ursache für den enormen Anstieg der Grippeerkrankungen, zeitweise wurde sogar ein Aufnahmestopp in Altenheimen verhängt? Für Knoblach besteht ein Zusammenhang zwischen der zunehmenden Länge der Übergangszeiten und dem vermehrten Aufkommen von Infektionen auch über die bekannten Influenza-Typen hinaus. So waren 2018 auch Virusbefunde zu beklagen, die bei einigen Patienten zu "beängstigenden Stimmbandentzündungen" führten. Was das für die Zukunft bedeuten könnte, darüber kann auch Knoblach nur spekulieren: "Sollte sich der Klimawandel in dieser Weise weiter entwickeln, ist das eine Herausforderung für unsere Versorgungsstrukturen."

Für Hausarzt Rainer Gerstner ist die Lehre dieses Winters dennoch recht klar. Er spricht davon, dass die Impflücken im Dreifachimpstoff der Kassenpatienten dem Erkrankungsverlauf Vorschub geleistet hätten. Der vordem nur an Privatpatienten verabreichte Vierfachimpfstoff habe dagegen einen wirkungsvolleren Schutz geboten, wenn auch keine vollständigen.
Mittlerweile ist diese Impflücke aber geschlossen, heißt es im Fachbereich Gesundheitswesen am Landratsamt. Nun werde den Krankenkasssen empfohlen, auch ihren Mitgliedern den wenige Euro teureren Vierfach-Wirkstoff zu bezahlen.


Impfen ist leicht verträglich

Generell zeigt aus Sicht von Gerstner der abgeschwächte Verlauf der Grippeerkrankung bei allen geimpften Personen, dass eine solche Vorbeugung sehr sinnvoll sei - und vergleichsweise unproblematisch. Ich habe seit Dezember mehrere Hundert Patienten behandelt - alle haben es gut vertragen."

Hoffnung macht die Nachricht, dass die diesjährige Grippewelle trotz der dramatischen Zahlen offenbar an ihrem Ende angelangt ist. Darauf deutet aktuell der Rückgang der Fälle im Bamberger Klinikum hin, wo Joachim Knetsch, Chefarzt der Notfallaufnahme, von einem Abflauen der Welle spricht. Dies ist auch die Botschaft, die Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) mit Blick auf die bayerischen Zahlen aussendet. So sank die Zahl der Neuinfektionen in der dritten Märzwoche um über 1000 auf rund 5270. Insgesamt erkrankten in Bayern im diesjährigen Winter 34 600 Menschen an der Grippe. Das sind etwa doppelt so viele wie im Vorjahr.


Huml empfiehlt Hände waschen

Trotz des leichten Rückgangs ist die Gefahr aber noch nicht gebannt. Melanie Huml rät deshalb, sich immer noch mit den üblichen Hygienemaßnahmen vor einer Ansteckung zu schützen. "Dazu gehört auch, sich vor allem nach Fahrten mit Bahn oder Bus gründlich die Hände mit Wasser und Seife zu waschen."