Für Domkapellmeister Werner Pees steht fest: "Kein anderer Komponist vermag die Leidensgeschichte Jesu derart eindringlich zu schildern und den Zuhörer so unmittelbar und tief zu ergreifen wie Bach." So wagt sich die Dommusik erstmals an das "Riesenwerk Matthäuspassion", die am Sonntag, 15. März, um 16 Uhr in der Pfarrkirche Unsere Liebe Frau (Obere Pfarre) zu Gehör kommen soll. Entgegen der ursprünglichen Planung kann das Werk nicht im Dom aufgeführt werden, da dieser derzeit innen renoviert wird.

Es musizieren die Schola Bamberg, die Knaben des Bamberger Domchores und die Mädchenkantorei gemeinsam mit dem Barockorchester La Banda. Vokalsolisten sind Georg Drake (Evangelist), Matthias Winckhler (Christus), Claudia Böhme (Sopran), Birgit Rolla (Alt) und Andreas Burkhart (Bass). Tickets sind im Vorverkauf beim BVD-Kartenservice (Lange Straße) erhältlich, Restkarten an der Konzertkasse. Während des Konzerts ist das Parken auf dem Domplatz gestattet.

Wir sprachen vorab mit dem Domkapellmeister. Die Matthäuspassion von Bach gilt gemeinhin als Höhepunkt protestantischer Kirchenmusik. Was bewegt die katholische Dommusik, diese Passion zu Gehör zu bringen? Werner Pees: Ökumene ist in der Musik am unverfänglichsten. Man nimmt als Ökumeniker vielleicht sogar den taktisch klügsten Weg über die Töne. Musik trifft zunächst Ohr und Herz, so dass der Verstand mit all seinen unseligen Windungen schon besänftigt ist, bevor er Schlechtes argwöhnen kann. Musik entwaffnet. Bach und Mendelssohn, Mozart und Bruckner kommen zwar aus verschiedenen Traditionen, ihre geistliche Musik ist im Grunde aber ökumenisch, also christliches Allgemeingut. Es wird ja auch niemand sagen, die Heilige Schrift sei katholisch oder evangelisch.

Bach erzählt die Leidensgeschichte und gibt ihr eine innige, persönliche Deutung. Diese Deutung tut auch der katholischen Kirche not - und sie tut ihr gut. Wir können halt von den evangelischen Christen und deren Beziehung zur Schrift einiges lernen. Die grandiose Musik Bachs und ihre Deutung der Botschaft haben mich in den letzten zehn Jahren dazu bewegt, die großen oratorischen Werke im katholischen Dom aufzuführen: Weihnachtsoratorium, Johannespassion, H-moll-Messe. Und jetzt steht die Matthäuspassion an. Bringen Sie die 150-Minuten- Version - oder doch eine gekürzte Variante? Die Passion ist nicht zu kürzen. Alles ist aufeinander bezogen, nichts ist überflüssig. Als die Matthäuspassion 1829 von Mendelssohn Bartholdy nach fast 100-jährigem Schlaf wiederaufgeführt wurde, geschah dies tatsächlich in verstümmelter Fassung. Die Musiksprache hatte sich rigoros gewandelt, niemand verstand mehr die barocke Denkweise, niemand durchschaute mehr den Bauplan der Matthäuspassion. Heute wagt es niemand, auch nur einen einzigen Ton wegzunehmen oder hinzuzufügen. Gott sei dank!

Ja, die Zuhörer in der Oberen Pfarre brauchen Sitzfleisch, aber die zweidreiviertel Stunden lassen sich mit Sitzheizung durchstehen, besser: durchsitzen. Außerdem traue ich Bach und seiner Musik einiges zu. Welche Werkfassung wird es sein: die von 1736 oder die Frühfassung von 1729? Üblicherweise nimmt man heutzutage die Fassung von 1736. Wir tun es auch. Hat die Dommusik die Matthäuspassion schon früher einmal aufgeführt? Die Matthäuspassion war zwar vor etwa 20 Jahren schon mal im Dom zu hören, und zwar vom Oratorienchor mit Beteiligung der Domchorbuben, aber wir von der Dommusik haben sie bislang nie gemacht. Auch für mich ist Matthäuspassion eine Premiere. Warum erst jetzt? Dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Erstens, die Matthäuspassion ist das größte besetzte Werk Bachs: mindestens fünf Solisten, kleinere Soli, die von Choristen übernommen werden, zwei Chöre, zwei Orchester, ein Oberstimmenchor. Der Aufwand ist also immens. Zweitens, das Werk stellt an alle Beteiligten höchste Ansprüche. Aufwand Nummer zwei. Weil das so ist, wage ich mich, drittens, erst im reifen Alter an das Werk. Ich gehe jetzt ehrfürchtiger und demütiger an die Passion, als ich das vor 20 Jahren getan hätte bzw. hätte tun können. Selbst mit einiger Bach-Erfahrung spüre ich, dass alles unvollkommen bleibt. Dafür ist Bach zu groß. Ich tue mein Bestes! Das Gespräch führte Marion Krüger-Hundrup.