Rosige, durchscheinende Haut, die Augen noch geschlossen, von Stacheln nur eine vage Ahnung: So sehen Igelbabys kurz nach der Geburt aus. Fünf von ihnen passen locker in Herbert Martins Handfläche, so winzig sind die Wesen, die in diesen Tagen normalerweise von ihren Müttern gesäugt werden. Doch die erwachsenen Igel finden in Feld, Flur und Gärten oftmals zu wenig Nahrung. Viele verhungern - und mit ihnen ihr Nachwuchs. Wie kann es sein, dass das "Allerweltstier" Igel plötzlich kaum noch überleben kann? Und können wir das ändern? Diese Fragen beantworten Herbert und Gudrun Martin, die in Gerbrunn bei Würzburg seit 30 Jahren eine ehrenamtliche Auffangstation betreiben und vor wenigen Tagen .

Mit dem Igel steht eine unserer ältesten Säugetierarten auf der Vorwarnliste der in Bayern vom Aussterben bedrohten Tierarten. Wie kann das sein?

Gudrun Martin: Seit Jahren ist zu beobachten, dass die Trockenheit immer mehr zunimmt. Dieses Tatsache in Verbindung mit dem eklatanten Schwund an Insekten, Käfern, Würmern und Schnecken ist verheerend. Viele Igel finden einfach nicht genug zu fressen und verenden kläglich.

Seit 30 Jahren betreiben Sie ehrenamtlich eine Igel-Auffangstation. Was fasziniert Sie so an den Stacheltieren?

Herbert Martin: Sie gehören zu den letzten urzeitlichen Tieren und es ist eine Freude, so hilflosen Wesen zu helfen. Ich erinnere mich noch genau an unseren allerersten Igel - ein Fundtier, das 1990 auf der Straße herumirrte, zu klein, um es auf den Gehsteig hinauf zu schaffen. Dieses Tier gab den Ausschlag dafür, dass Gudrun und ich eine Igelstation gründeten.

Gab es damals auch schon kranke und unterernährte Fundtiere?

Gudrun Martin: Lange nicht so viele wie heute. In normalen Jahren konnten wir immer 75 bis 80 Prozent der Tiere retten, die uns gebracht wurden. Dann kam das extreme Trockenjahr 2018 - und mit ihm eine Sterberate von fast 50 Prozent. Die Igel fanden draußen oft weder Wasser noch Insekten. Knapp die Hälfte der Notfälle war so geschwächt, dass wir sie nicht durchgebracht haben. Der Sommer 2019 war nicht besser. Man kann ohne Übertreibung sagen: So schlimm wie in den letzten Jahren stand es noch nie um die fränkischen Igel.

Mitte Juli beginnt bei Igeln normalerweise die Setzzeit. Wie viele verwaiste Babys wurden heuer schon zu Ihnen gebracht?

Herbert Martin: Bis jetzt kamen drei Dutzend Säuglinge zu uns. Viele haben leider nicht überlebt, weil sie zu spät gefunden wurden. Wenn die Weibchen ihre Jungen bekommen und nichts zu fressen finden, verlassen sie auf der Suche nach Nahrung ihre Brut.

Und die stirbt dann. Es sei denn, die Kleinen gelangen in eine Auffangstation. Was passiert dort?

Gudrun Martin: Man muss sie hegen und pflegen. Alle zwei bis vier Stunden, je nach Alter, brauchen sie Spezialnahrung, die man ihnen aus einer Pipette in den kleinen Mund träufelt. Tagsüber, aber auch nachts. Außerdem muss man ihnen den Bauch und den Schließmuskel massieren, damit sie lernen zu koten. Und ich sage immer: Ein bisschen Liebe brauchen sie auch, wie jedes Lebewesen.

Müssen ehrenamtliche Helfer Vorkenntnisse haben?

Gudrun Martin: Nein, eigentlich nicht, sie werden angeleitet und betreut. Vor allem müssen sie geduldig sein - und einfach liebe Menschen. Mein Mann und ich sind nicht mehr die Jüngsten. Da ich gesundheitlich angeschlagen bin, brauchen wir ganz dringend liebe Menschen, die uns helfen, die Babys großzuziehen und im Herbst wieder auszuwildern. Ideal sind tierliebe Menschen, die Zeit haben, Rentner zum Beispiel.

Das klingt jetzt vielleicht hart, aber: Ist die Rettung der Tiere überhaupt sinnvoll? Überleben langfristig nicht ohnehin nur die Tiere, die mit den Umweltbedingungen zurecht kommen?

Herbert Martin: Ich bin davon überzeugt, dass es richtig ist, die Tiere nicht sterben zu lassen. Es sind nützliche Wildtiere. Die Igelpopulation geht rasend schnell zurück, das sehen wir allein schon an unserer eigenen Statistik: Im Jahr 2014 haben wir beispielsweise noch 332 Fundtiere versorgt. Fünf Jahre später waren es nur noch 275.

Was kann jemand tun, der zwar keine Igelbabys aufziehen kann, aber trotzdem helfen möchte?

Gudrun: Martin: Eigentlich kann jeder helfen, der über eine Grünfläche verfügt. Wer, wie früher, einen natürlichen Komposthaufen anlegt - kein Plastikding, in das kein Wurm reinkommt - , sorgt dafür, dass Igel proteinreiche tierische Nahrung wie Schnecken, Würmer und Insekten finden. Und wer irgendwo, wo es nicht stört, einen Reisighaufen anlegt und ihn einfach liegen lässt, gibt dem Igel Unterschlupf oder sogar die Möglichkeit, ein Nest zu bauen.

Herbert Martin: Wenn es, wie aktuell, vielerorts nicht genügend Futter gibt, hilft es, ein Schälchen Katzennassfutter und Leitungswasser rauszustellen.

Aber früher rieten doch alle Fachmänner, Igel im Sommer nicht zu füttern?

Herbert Martin: Inzwischen sagen wir das Gegenteil: Leute, bitte gebt Euren Igeln im Garten jeden Tag ein bisschen Leitungswasser und Futter, auch im Sommer. Denn es gibt oft einfach nicht genug zu fressen. Mit ihrem hervorragenden Geruchssinn finden Igel bereitgestelltes Futter im Nu. Wer seinen tierischen Gartenbewohnern etwas besonders Gutes tun will, kann ihnen ein bisschen Trockenfutter, das aus getrockneten Mehlwürmern und Ähnlichem besteht, mit in den Napf geben. Igel brauchen tierisches Eiweiß.

Woher weiß ich, ob der Igel in meinem Garten wohlauf ist oder nicht?

Gudrun Martin: Wer tagsüber einen Igel längere Zeit irgendwo sitzen oder gar liegen sieht, kann fast sicher sein, dass das nachtaktive Tier mangelernährt oder krank ist. Dann ist schnelles Handeln angesagt. Lassen Sie das Tier nicht verhungern! Frisches Wasser und ein bisschen Katzenfutter - keine Milch! - reichen oft schon. Und wer blinde, nackte Säuglinge außerhalb des Nestes findet, der kann diese retten, wenn er sie einsammelt und sich mit der Igelhilfe in Verbindung setzt.

Hilfe willkommen

Gudrun und Herbert Martin bekommen von zwei fränkischen Tierheimen etwas Unterstützung. Ansonsten finanzieren sie Futter, Hilfsmittel zum Füttern, Material zum Bauen von Gehegen, Futter- und Schlafhäusern und vieles mehr von ihrer Rente. Sie danken jedem, der sich mit tatkräftiger Hilfe oder eben finanziell für die Igelhilfe stark macht: Gudrun und Herbert Martin, Tel. 0931/ 30489608, Spendenkonto: VR-Bank Würzburg, IBAN: DE03 7909 0000 0005 3623 26, BIC GENODEF1WU1, Verwendungszweck: Igelhilfe