In der Bamberger Innenstadt wird im Juli 2017 ein Gebäude saniert. So wie es die Immobilien-Firma XY jeden Tag macht. Aufkaufen, sanieren, vermieten. Als das Dach neu gedeckt, die Fenster erneuert und ein Balkon angebaut ist, kommt zuletzt die Fassade an die Reihe. An einem Giebel tauchen plötzlich Verschalungen und Platten auf, die der Anbringung des Vollwärmeschutzes im Weg sind. Also beauftragt der Leiter der Sanierungsmaßnahmen, der Vater des Eigentümers, kurzerhand einen Bekannten, der wiederum einen Subunternehmer ins Spiel bringt. Dabei war bereits der Bekannte lediglich auf das Entrümpeln von Wohnungen und Haushaltsauflösungen spezialisiert - sein Handlanger war noch weniger Fachkraft.

Es wird mit pauschal 200 Euro eine nicht unerwartet günstige Lösung - vorerst zumindest. Die etwa 50 Quadratmeter großen Fassadenteile werden weggerissen, in den acht Meter tiefer liegenden Innenhof geworfen und zerbrechen dort in zahlreiche Einzelteile. Das alleine wäre noch kein Fall für Amtsrichterin Christine Schäl. Allerdings bestanden die entfernten Bauteile aus Chrysotil, das als Weißasbest in Eternit-Platten eine traurige Berühmtheit erlangt hat. Ohne es zu wissen, hatte der Arbeiter am Ende der Auftragskette mit dem gefährlichen Stoff hantiert, ohne die notwendigen Arbeitsschutzmaßnahmen ergriffen zu haben. Auch auf die Gefährdung des Grundwassers durch die Zerkleinerung des Baustoffes oben und das Zertrampeln unten nahm man keine Rücksicht. Was die Wasserschutzpolizei Bamberg auf den Plan rief, die nicht nur für Sicherheit und Ordnung auf den Wasseroberflächen sorgt, sondern auch den Schutz des Grund- und Trinkwassers im Auge hat. Die Beamten legten die Baustelle daher umgehend still.


Theorie gegen Praxis

Im Gerichtssaal entspann sich sodann ein Disput, den man mit "Theorie gegen Praxis" umschreiben könnte. Während Richterin Schäl dem Angeklagten - einem 52-jähriger Bamberger - die Rechtslage verdeutlichen wollte, schüttelte der angesichts der aus seiner Sicht praxisfernen Regelungen nur noch mit dem Kopf. Wer ein älteres Haus kaufe, um dieses zu sanieren, der müsse damit rechnen, dass sich dort umweltgefährdende und gesundheitsschädliche Stoffe fänden, so die Juristin.
Demgegenüber argumentierte der Angeklagte, es sei doch weltfremd, wenn man erwarte, dass man jeden Baustoff an einem Objekt begutachten lasse. Ein ganz praktisches Beispiel hatte Staatsanwalt Marian Rübsamen zur Hand: "Wer jemandem sein Auto leiht, ohne sich zu vergewissern, dass derjenige überhaupt einen Führerschein hat, der handelt fahrlässig."

Auch wenn im Kaufvertrag stünde, die Immobilie sei unbelastet, müsse man bei Sanierungen dennoch die nötige Sorgfalt walten lassen. Zumal wenn man dieses Geschäft jahrelang betriebe und damit vom Fach sei. "Nur weil Sie die Arbeit an jemand anderen übertragen, sind Sie noch lange nicht fein raus", so Richterin Schäl. Im Übrigen könne der Angeklagte wegen der falschen Angaben beim Kauf ja zivilrechtlich gegen den Verkäufer vorgehen.

Am Rande wurde noch bekannt, dass der Subunternehmer ebenfalls mit 1050 Euro bestraft worden war. Nur der Mann auf dem Gerüst, der mit dem Vorschlaghammer, blieb außen vor. Wohl weil nicht auszuschließen ist, dass er sich bei der Aktion einige herumwirbelnde Asbestfasern eingefangen hat, die irgendwann einmal einen Lungenkrebs auslösen könnten.


Fahrlässiger Umgang

Zugunsten des Angeklagten sprach sein Geständnis, dass er nicht vorbestraft ist und dass er sofort nach der Stilllegung der Baustelle für die ordnungsgemäße Entsorgung der Fassadenreste gesorgt hatte. Ursprünglich hatte die Staatsanwaltschaft noch 6000 Euro Geldstrafe verhängt, gegen die der Angeklagte Einspruch eingelegt hatte. Deshalb war es zum Prozess gekommen. Richterin Schäl beließ es wegen eines fahrlässigen unerlaubten Umgangs mit Abfällen und einem fahrlässigen Verstoß gegen das Chemikaliengesetz bei 40 Tagessätzen à 40 Euro, mithin 1600 Euro.

Dabei musste sie die Höhe des Tagessatzes auf 40 Euro schätzen, weil der Angeklagte zwar angab, "im siebenstelligen Bereich" verschuldet zu sein, über seine Miet- und Pachteinnahmen jenseits des monatlichen Gehalts von 1200 Euro aber Stillschweigen wahrte.