In die historische Bibliothek des Oberlandesgerichts haben die beiden Präsidenten zum Gespräch geladen. Zwischen geschnitztem Mobiliar und dicken Gesetzesbänden wollen sie aus insgesamt 75 Jahren Justizerfahrung berichten. Aber auch über aktuelle Herausforderungen wie den VW-Dieselskandal, der in den darunterliegenden Gerichtsgängen seit Monaten die Sitzungsaushänge dominiert. Das 1,5-Fache des üblichen Arbeitspensums hätten die OLG-Mitarbeiter seither zu bewältigen.

Eine "klasse Mannschaft" habe der frühere OLG-Präsident Clemens Lückemann an seinen Nachfolger Lothar Schmitt hinterlassen. 144 Mitarbeiter hat das Oberlandesgericht, 150 die angeschlossene Landesjustizkasse und 20 die Bayerische Justizakademie in Pegnitz. Nimmt man den ganzen OLG-Bezirk, der von Alzenau bis Wunsiedel reicht, kommt man auf 2500 Beschäftigte, die 400 Richter nicht mitgerechnet. Entsprechend groß ist die Verantwortung, die Schmitt übernommen hat. Aber das ist der 63-Jährige schon aus seiner Zeit als Generalstaatsanwalt in Nürnberg oder Vizepräsident der Behörde gewohnt, die er heute leitet. "Ich bin unheimlich froh, wieder in Bamberg zu sein", sagt der neue OLG-Präsident.

Der gebürtige Bamberger habe schon als 16-Jähriger entschieden, dass er einmal Richter werden will. Zum einen habe ihn da schon der geistige Kampf um Recht und Gerechtigkeit fasziniert, den er in der griechischen Philosophie kennenlernen durfte. Und zum anderen sah der damalige Schüler des Aufseesianums, "dass es dort nicht immer gerecht zuging - der Stärkere hat den Schwächeren in die Ecke gestellt". Daher hätten ihn gerade die Themen Gerechtigkeit und Ausgleich in der Gesellschaft Schmitt stets beschäftigt.

Auch Lückemann wusste früh, dass er Richter in Bayern werden will. Denn der Berliner habe gespürt, "dass der Rechtsstaat sich durchsetzt in Bayern, dass dort die Welt noch etwas mehr in Ordnung ist". Seine Richterlaufbahn begann er in Würzburg an einer Wirtschaftsstrafkammer, an der er unter anderem einen Weinpanscher-Prozess begleitete. "In dem war eigentlich nach vier Tagen alles klar, aber die Verteidigung trieb es so auf die Spitze, dass 80 Tage verhandelt wurde - ein Gutachten zur Frage, woher der Alkohol im Wein kommt inklusive." Während seiner Zeit im Justizministerium kam Lückemann dann unter anderem einem jungen Rechtsanwalt auf die Schliche, der in verschiedenen Bundesländern unter falschem Namen Prüfungen mitschrieb. "Als wir ihm in Würzburg die Festnahme erklärten, hat er sofort gestanden."

Das spektakulärste Verfahren

Zu den spektakulärsten Verfahren Schmitts zählte ein 50-tägiger Treuhand-Prozess, in dem es um Unmengen angeblich verseuchten Erdreichs ging.

Für die Entsorgung wurden 156 D-Mark je Tonne in Rechnung gestellt - gekostet hat die Deponierung aber nur 11 je Tonne. Das Urteil hielt auch einer Revision durch einige hochdekorierte Anwälte stand.

Für Schmitt steht fest: "Ein Angeklagter muss wissen, dass wir seine Argumente gehört haben - auch wenn wir ihnen nicht immer glauben können." Zu den besonderen Momenten für einen Richter zählen für ihn die, wenn ein Angeklagter im laufenden Verfahren gesteht "und man dann im Augenwinkel sieht, was das für das Opfer bedeutet".

Lückemann war in seiner Ministeriumszeit auch einige Jahre für den Bereich Strafvollzug zuständig - und stellt aus dieser Erfahrung heraus fest: "Es stimmt nicht, dass eine lebenslängliche Freiheitsstrafe in der Regel nach 15 Jahren endet. Ungefähr 20 Prozent sitzen 25 Jahre oder länger - und der sogenannte Mittagsmörder wurde erst nach 50 Jahren entlassen." Als Lückemann 2002 OLG-Präsident wurde, änderten sich die Schwerpunkte. Er erinnert sich unter anderem an einen rechtsradikalen Richter, der in der Probezeit entlassen wurde. "Der Rechtsstaat ist nicht selbstverständlich, wir müssen alle für ihn einstehen", sagt der frühere Behördenleiter.

Geld für große Baustellen

Auch Schmitt hat in seiner Zeit als Generalstaatsanwalt extreme Momente erlebt. "Als wir zum Beispiel vor ein paar Jahren den Nürnberger Messerstecher überführten, bedeutete das für uns eine sehr große Erleichterung." Seine Initiative, Straftäter, die Polizei und Rettungskräfte angreifen, beschleunigt vor einen Richter zu bringen, wurde mittlerweile bayernweit übernommen.

Zu den aktuellen Herausforderungen zählt wie in vielen anderen Branchen auch für die Justiz die Gewinnung von Fachkräften. "Bei den Richtern und Staatsanwälten haben wir kein Nachwuchsproblem, aber bei den Justizfachwirten machen uns Wirtschaft und Kommunen schon Konkurrenz."

Zugleich sind früherer wie neuer OLG-Präsident froh, dass der Freistaat in den vergangenen Jahren Mittel für große Justiz-Baumaßnahmen bereitgestellt hat, etwa für Umbau und Erweiterung des Justizgebäudes in Schweinfurt oder einen Neubau des Amtsgerichts in Haßfurt. "Wir werden auch keine kleinen Standorte schließen. Denn die Justiz muss bürgernah bleiben", sagt Lückemann.