So überholt man einen Bus: Als Bamberger Studentin muss ich morgens von Erlangen an den Unistandort auf der Erbainsel pendeln. Und abends den gleichen Weg zurück. Nicht ganz freiwillig mache ich dabei immer einen Abstecher durch den Kranen. Immer unter Zeitdruck. Denn es passiert häufig, dass mir der Bus Richtung Erba am ZOB vor der Nase wegfährt. Ein kurzer Sprint durch die Fußgängerzone endet mit letzter Kraft und langen Schritten in der engen Hasengasse. Aus dieser heraus sehe ich plötzlich weit über die Regnitz und stehe Sekunden bevor der Bus eintrifft an der Bushaltestelle "Am Kranen".


Schreiben, Lesen, Rechnen

Die fünf tiefen Atemzüge, die ich habe, um zu verschnaufen, reichen aus, um ein paar Studenten zu beobachten, die deutlich entspannter das gegenüberliegende Bibliotheksgebäude betreten. Als nächstes versperrt mir der Bus die Sicht, ich steige ein und bin schon wieder fort.

Während bei mir jede Sekunde zählt, gibt es Menschen in dieser Straße, bei denen scheinen die Uhren sogar rückwärts zu gehen. Hätte ich Zeit, einen kurzen Blick hinter mich zu werfen, sähe ich ein dreistöckiges Gebäude, in dem die beiden Stockwerke über dem Copy-Shop dem Museum für Kommunikationstechnik und -geschichte gehören. Es entstand durch die Sammelleidenschaft des vor neun Jahren verstorbenen Artur Kutz und befindet sich heute im Besitz von dessen Witwe Rosemarie und ihrem Sohn Martin Kutz.

Was mit ein paar Schätzen in Vitrinen im Büro von Artur Kutz begann, ist zu einer beeindruckenden Sammlung von über 3000 Ausstellungsstücken gewachsen: Feder, Tintenfass und i-Phone, Schreibmaschinen und erste handliche Computer, Zirkel, Zeichenmaschinen und Rechner, das alles findet sich mitsamt ausführlicher Erklärungen in diesem Museum. Außerdem noch allerhand Exponate zu den Themen Papier, Entwicklung der Schrift und Buchdruck.

An "ihrer" Straße Am Kranen schätzen Rosemarie und Martin Kutz, dass "alles soweit ruhig geblieben, oder seinen Gang gegangen" ist. Doch schon bevor die Familie das Haus 1970 kaufte, ging es hier um die Kunst des Schreibens: Die "Kaufmännische Private Handelsschule Hartmann" bot Unterricht an der Schreibmaschine an - im Takt zu Schallplatte oder Grammophon.


Entspannen, wo einst Blut floss

Bevor die Straße ein Ort des Schreibens, Studierens, Lesens und heute auch Kopierens wurde, bevor Buchstaben und ihre Produktion mit Sinnzusätzen zum Hauptgeschäft wurden, dominierte ein anderes Thema: Die Straße gab sich kulinarisch. "Die Fischer- und Schifferzunft, die hatten früher ihre Marktstände immer am Freitag hier vor dem Haus aufgebaut", erinnert sich Martin Kutz. Fisch aus der Regnitz wurde dort fangfrisch verkauft.

Und wo heute Studenten der Geschichts- und Geowissenschaften Fachliteratur ausleihen und im schönen Innenhof am stillen Ufer etwas Ruhe finden können, floss früher Blut - neben der Teilbibliothek 5 steht das ehemalige Schlachthaus. Blut, nicht zu verwendende Eingeweide und Körperteile der Schlachttiere wurden kurzerhand in der Regnitz entsorgt. Das Brüllen sterbender Tiere mag heute im Stadtzentrum niemand mehr ertragen. Jetzt wird am nördlichen Stadtrand geschlachtet. "Den Erweiterungsbau haben die dann irgendwann mal abgerissen und dann diese neue Bibliothek gebaut", erklärt Martin Kutz und deutet auf den modernen Fachwerkbau.

Und so bleibt von der kulinarischen Seite heute nur das übrig, was man gerne sieht: Die Caffèbar Kranen zum Beispiel, direkt neben dem Bamberger Hochzeitshaus, in dem unter anderem Kunstgeschichte und archäologische Wissenschaften gelehrt werden.


Krane und Kraniche

Sitzt man an einem der Tische vor der Caffèbar, hat man einen wundervollen Blick auf die Regnitz und auf die Ungetüme, die der Straße ihren Namen geben: Auf der gegenüberliegenden Seite, am Wasserufer, türmen sich zwei Stahlgerüste in den Himmel auf und ragen hinaus auf die Regnitz. Zwei Kräne.

Historisch gesehen wohl lange Zeit das Wichtigste und Markanteste in dieser Straße, gaben sie ihr ihren heutigen Namen, der im 19. Jahrhundert noch "Am Kranich" lautete. Das wiederum könnte sich auf die ausladenden Ausmaße der früheren Kräne bezogen haben, die an die ausgebreiteten Flügel eines Kranichs erinnerten. Ursprünglich waren die Kräne aus Holz. Als sie jedoch für die Schiffsladungen nicht mehr stabil genug waren, ersetzte man sie durch die noch heute stehenden Stahlriesen.


Von Arbeit zu Urlaub

Diese überdauerten die Zeit ihrer Nützlichkeit und sind wie der Name der Straße ein historisches Vermächtnis Bambergs. Obwohl sie schon lange nicht mehr im Einsatz waren, um ein Schiff zu löschen - genau genommen seitdem der Frachthafen aus dem Stadtinneren verbannt wurde - sind die beiden Kräne zur Touristenattraktion geworden.

Schiffe docken hier aber immer noch an: Statt Frachtschiffen nehmen hier heutzutage die "Christl" und die "Stadt Bamberg" Touristen an Bord. Spontane Bambergbesucher sind, abgesehen von angemeldeten Gruppen, auch die häufigsten Gäste im Museum Kutz. "Wir haben auch mal einen von Australien dagehabt", sagt Martin Kutz mit einem Schmunzeln, das so selbstverständlich zu ihm zu gehören scheint wie seine Arme oder seine Nase.


Ruhe und Hektik

Seine Ruhe und meine Hektik - wie geht es weiter mit uns und dieser Straße? Vielleicht hat auch darauf das Museum Kutz die Antwort. An der Eingangstür klebt ein Text, ein Loblied an die Technik und die kulturelle Evolution. Doch der Beginn lautet demütig "Alles, was in diesem Museum zu sehen ist, wird von der Natur übertroffen".

Vielleicht ist es wieder Zeit, auf die Regnitz zu schauen, statt zum Bus zu hetzen. Die Vögel in den frühen Morgenstunden zu hören, statt die Autos, die tagsüber fahren. Und den Geruch des Flusses einzuatmen, anstatt die Nase in den Bildschirm des i-Phones zu stecken.

Über die Autorin: Anika Aures hat im Sommersemester 2017 an der Journalistik-Übung "Wenn Straßen anfangen zu erzählen" an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg teilgenommen. Im Rahmen dieser Übung entstand dieses Straßen-Portrait.