Er ärgert sich. Seit 25 Jahren schon, mindestens. Magnus Lux ist Mitglied im Bundesteam von "Wir sind Kirche". Der Diplomtheologe und Gymnasiallehrer im Ruhestand prangert das Verhalten vieler Kardinäle und Bischöfe mit deutlichen Worten an. Trotz aller Kritik hat er die Hoffnung auf eine Erneuerung der katholischen Kirche nicht ganz aufgegeben. Dann müsste aber die Gemeinschaft im Mittelpunkt stehen.

Warum engagieren Sie sich in der Bewegung "Wir sind Kirche"?

Ich war 1995 als Religionslehrer zu einem Gespräch über das KirchenVolksBegehren eingeladen. Es ging um Fragen wie die Priesterweihe für Frauen oder die Freiwilligkeit des Zölibats. Doch der Generalvikar verbot mir das Treffen. Da ist das Fass endgültig übergelaufen.

Warum?

Die institutionelle römisch-katholische Kirche ist voller Vorschriften und Regelungen. Die sind aus meiner Sicht alle in Frage zu stellen.

Geben Sie uns ein Beispiel.

Wer sich scheiden lässt und wieder heiratet, darf nicht mehr zur Kommunion gehen, wer mit verschiedenen Freundinnen zusammengelebt hat, schon. Es gibt viele derartig unlogische Vorschriften in der Kirche, die nicht den Menschen im Blick haben, sondern die aus liebender Werbung, das Richtige zu tun, Paragrafen machen. Und wissen Sie, was das Schlimmste ist?

Sagen Sie es uns.

Dass sie sich alle auf Jesus berufen. Aber der hatte eine ganz andere Botschaft, als sie die Kurie seit Jahrhunderten vorgibt. Die Kirche ist heute meilenweit von dem entfernt, was Jesus wollte.

Wir sind Kirche: Jesus wollte die Menschen miteinander verbinden

Was wollte er denn?

Dass sich die Menschen in einer Gemeinschaft zusammenfinden, dass sie christlich handeln, nach dem Motto: Liebe Gott - und deinen Nächsten - wie dich selbst. Ihm ging es nicht um Macht und Ausgrenzung. Er wollte die Menschen miteinander verbinden.

Hat die katholische Kirche in den letzten Jahren nicht auch eingelenkt?

Diese Hoffnungen hatten wir mit dem Synodalen Weg. Doch die neueste Instruktion aus Rom ist ein Rückschritt. Mehr noch. Sie erscheint mir wie der letzte Aufschrei einer sterbenden Religionsdiktatur.

Tragen Sie da nicht ein wenig zu dick auf?

Was ist die katholische Kirche anderes als eine Diktatur? Es gibt kein Mitspracherecht des Kirchenvolkes. Der Papst und 4000 Bischöfe entscheiden, was 1,3 Milliarden Gläubige zu tun und zu glauben haben. Das ist mehr als realitätsfremd. Gott sei Dank sehen das inzwischen viele deutsche Bischöfe auch so.

Viele Hoffnungen auf Papst Franziskus gesetzt

Mit der Wahl von Papst Franziskus hatte sich viel Hoffnung verbunden.

Ja. Er hat gute, wegweisende Worte gefunden. Aber er braucht die Mitwirkung der Bischöfe und der Kurie für echte Reformen. Mit der neuen Instruktion zeigt sich jedenfalls, dass die reaktionären Kräfte immer noch das Sagen haben in Rom.

Was steht in der Instruktion?

Der Anfang bringt viele ermutigende Worte. Doch dann argumentiert sie nach dem gegenwärtigen Kirchenrecht. Laien dürfen keine Pfarreien leiten, Kirchengebäude dürfen nicht aufgegeben werden, Zusammenlegungen von Pfarreien sollen nur mit einer begründeten Einzelfallentscheidung möglich sein. Gerade mal 57 Priester wurden 2020 geweiht, ein Viertel von dem, was gebraucht wird. Die Kirche schaufelt sich ihr eigenes Grab, wenn sie die neuen Wege der Gemeindeleitung aufgibt.

Wie schaut Ihr Weg aus der Misere aus?

Die Gemeinden sollen ihre Leitung selbst bestimmen dürfen, der Bischof bestätigt sie. Natürlich sind auch Frauen und Verheiratete wählbar. Wer sich bewährt, wird wieder gewählt. Geweihte Priester sind meiner Ansicht nach für die Gemeindeleitung nicht nötig. Kirche ereignet sich dort, wo Gemeinde ist. Und nicht dort, wo zufällig ein Priester ist.

Klingt revolutionär.

Es muss doch darum gehen, eine Kirche zu leiten und nicht darum, sie zu beherrschen. Das Wort Hierarchie, heilige Herrschaft, kommt im Neuen Testament nicht vor. Dort geht es um den Dienst. Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts.

Wir sind Kirche: Botschaft Jesu auf heute übertragen

Braucht die Kirche nicht auch eine übergeordnete Struktur?

Sie braucht eine Lehre. Sie muss die Botschaft Jesu in die heutige Zeit übertragen und sie mit Leben erfüllen. Aber warum sollen diese Lehren von ein paar weltfremden Menschen festgelegt werden, die meinen, Gott zu besitzen? Wir sind alle Gott-Suchende. Ich bin Gott gehorsam, aber nicht dem Papst. Dieses Problem wollen viele Bischöfe nicht erkennen.

Sie klingen nicht gerade hoffnungsvoll.

Die römische Kirche ist offenbar nicht erneuerungsfähig. Das Dogma der Unfehlbarkeit hat sie endgültig in eine Sackgasse geführt und verhindert alle Erneuerung. Das System Kirche kann sich aber nicht zum Glaubenssatz erheben. Unfehlbarkeit steht nur Gott zu. Die römische Kirche ist tot. Sie hat es bloß noch nicht gemerkt.

Warum kämpfen Sie dann weiter, wenn die Kirche tot ist?

Weil es in den Gemeinden immer noch ganz viele Menschen gibt, die eine Gemeinschaft suchen, die nach der Botschaft Jesu leben wollen. Und das ist wirklich katholisch. Kirche sind die Menschen. Unsere Devise lautet "Auftreten, nicht austreten." Wir hoffen, dass die Gemeinden sich selbst ermächtigen und ihr christliches Leben selbst in die Hand nehmen. Das längst überholte Kirchenrecht ist jedenfalls keine Hilfe.