Wo findet man die großen Yachtbauer dieser Welt? Natürlich an den Küsten , an Nord- und Ostsee, an Atlantik und Mittelmeer. Naja, das stimmt nicht ganz. Den weltweit zweitgrößten Produzenten von Segelyachten und Sportbooten findet man nämlich mitten in Franken. Im unterfränkischen Giebelstadt , nicht weit von Würzburg entfernt. Zu verdanken ist das der Vision eines Ochsenfurters.

Winfried Herrmann, eigentlich ein Fensterfabrikant und begeisterter Hobbysegler, wollte schon immer Segelyachten bauen. Nicht in mühseliger, teurer und aufwendiger Handarbeit, sondern am Fließband in Serie. Um ein Luxusgut wie eine Segelyacht für breitere Schichten zugänglich zu machen. Im Jahr 1978 setzte Herrmann diesen Traum in die Tat um, gründete mit der Bavaria Yachtbau seine eigene Werft. Das erste nach seinen Plänen am Fließband produzierte Boot war eine Bavaria 707. Der rasch einsetzende Erfolg gab dem Visionär aus Unterfranken recht.

Steht am Anfang - der Einbau des Motors in den verstärkten Rumpf.
Ronald Rinklef

Herrmann, der sein Büro mitten in der Produktionshalle hatte, der Tüftler, der stets um Optimierung der Arbeitsabläufe bemüht war, gab der Konkurrenz das Nachsehen. Dank einer dem Automobilbau abgeschauten Produktionsweise konnte Bavaria Qualität liefern, und das zu konkurrenzlos günstigen Preisen.

Innerhalb weniger Jahre zählte Bavaria bei Segelbooten im Segment der Yachten bis 50 Fuß zu den Weltmarktführern. Daran hat sich bis heute nichts wesentliches geändert. Auch wenn Herrmann im Jahr 2007 sein Unternehmen an einen US-Finanzinvestor verkaufte, die Wirtschaftskrise der Jahre 2008 und 2009 den Umsatz gehörig schrumpfen ließ, und das Unternehmen zwischenzeitlich erneut den Besitzer wechselte und heute zu jeweils 45 Prozent den US-Hedgefonds Anchorage Advisors und Oaktree Capital Management gehört.

Serena Götzner lädt uns auf eine soeben fertiggestellte Yacht ein.
Ronald Rinklef

Auf dem Werftgelände mit einer Fläche von 200 000 Quadratmetern und einer Hallenfläche von 70 000 Quadratmetern für die Produktion werden heute von 600 Mitarbeitern am Standort Giebelstadt jährlich insgesamt rund 1200 Motor-und Segelboote gefertigt. Wir dürfen uns ein wenig auf dem Werftgelände umsehen. Serena Götzner, Mitarbeiterin der Marketingabteilung, führt uns durch die Produktionshallen

Auffällig: Überall liegt ein leichter, harzähnlicher Geruch von Gel- oder Topcoat in der Luft. Das Material wird für Rumpf- und Deckbau verwendet. In Giebelstadt wird inzwischen das Vakuum-Infusionsverfahren genutzt, bei dem das Harz nicht mehr mit der Hand aufgetragen, sondern per Vakuum ins Laminat gezogen wird. CNC-Fräsen sorgen beim Ausschnitt von Luken und Fenstern dafür, dass alles millimetergenau passt. Neben den vier jeweils 125 Meter langen Produktionslinien ist in den riesigen Hallen auch noch Platz für die Schreinerei, in der das Mobiliar für den Innenausbau entsteht.

Die Hochzeit - das Deck wird mit dem Rumpf verklebt und verschraubt.
Ronald Rinklef

Sehr viele der in der Produktion beschäftigten Mitarbeiter stammen übrigens aus Giebelstadt und der näheren Umgebung. So auch Serena Götzner, eine Würzburgerin. Holzmechaniker, Bootsbauer, Industriekaufleute, Schreiner, das sind die Berufe, die bei Bavaria immer nachgefragt werden, für die man mit Ausnahme der Schreiner auch Ausbildungsplätze anbietet. Heute umfasst das Modellprogramm von Bavaria neben Segelyachten zwischen 30 und 57 Fuß auch Motorboote und Katamarane. Letztere produziert der zugekaufte französische Katamaranhersteller Nautitech in Rochefort. Eigenen Angaben zufolge konnte Bavaria im Geschäftsjahr 2015/2016 das operative Ergebnis im Vergleich zum Vorjahr verfünffachen. Trotz der Krise: Die Franken haben sich offenbar am Markt behauptet.

Fertig - was folgt, ist die Qualitätskontrolle und die Endabnahme.
Ronald Rinklef