Kommt er oder kommt er nicht - der Wetterumschwung? Landwirte, Arbeiter und die Bewohner von Dachgeschossen sehnen ihn herbei. Die Bamberger Bestatter sehen mit dem Tiefdruckgebiet jedenfalls Arbeit auf sich zukommen. Denn eine Berufsweisheit der Profession lautet: Ändert sich das Wetter, wird mehr gestorben.
"Wir wissen, dass es so ist. Das lehrt die Erfahrung", sagt Bestatter Felix Neuner vom Institut Friede in Bamberg. "Früher war das Phänomen noch deutlicher. Mit der modernen Medizin ist es nicht mehr ganz so deutlich. Aber man merkt es schon noch", meint sein Kollege Matthias Lochmann vom Institut Hohensee und Metzner in der Hallstadter Straße. "Ich weiß nicht, woran es liegt, aber es ist so", bestätigt auch Bestatter Klaus Melzer aus der Zollnerstraße. "Bei Wetterwechseln ist mehr zu tun."


Wetter und Sterberate beständig

Andersherum gelte auch die Bestatterregel: Ist das Wetter beständig, so auch die Sterberate. "Die aktuelle dauerhafte Großwetterlage hat es gezeigt: Es war sehr wenig los im Bestattungsgewerbe", erzählt Neuner. Temperaturstürze nach langanhaltenden Schönwetterperioden seien besonders stark bemerkbar. Der sogenannte Jahrhundertsommer 2003 sei in den Auftragsbüchern ganz deutlich spürbar gewesen, so der Bestatter. "Generell gilt das bei Wetteränderungen von schön auf schlecht."
Die Bestatter betonen, dass sie keinerlei wissenschaftlichen Wert für ihre These beanspruchen und auch keinen plötzlichen Ansturm auf ihre Institute erwarten - geschweige denn eine Erklärung für das Phänomen haben. Aber: Erfahrung ist eben Erfahrung.
Gibt es aus medizinischer Sicht eine Erklärung für das Phänomen? "Richtig ist, dass bei kalten Temperaturen ein deutlich höheres Herzinfarktrisiko herrscht, als bei warmen. Das bezieht sich allerdings auf den Winter", erklärt Martin Braun, Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie am Bamberger Klinikum.


Risikopatienten sollten aufpassen

"Zwar ist es durchaus möglich, dass sich schnelle Wetteränderungen bei entsprechend veranlagten Menschen auf den Blutdruck oder die Herzfrequenz auswirken", erläutert der Kardiologe Thomas Wendt vom wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung. "Allerdings handelt es sich dabei in aller Regel um keine extremen Effekte, wie sie zum Beispiel bei sehr kalter Luft vorkommen können."
Ganz ohne seien starke Wetterschwankungen für das Herz nicht. Der Bamberger Kardiologe Braun rät: "Menschen mit Risikofaktoren sollten auf Symptome achten, wie Brustschmerzen, Luftnot oder Schwindel."
Während die trockene Hitze gegen einen Herzinfarkt eher günstig wirke, gingen mit ihr oft Herz-Kreislauf-Probleme einher. "Wenn man zu wenig trinkt, wird das Blut dicker", berichtet Heinz Wagner vom Gesundheitsamt Bamberg. Das könne zu Zirkulationsstörungen des Blutes und zu Kreislaufschwäche führen.
"Mögliche Folgen der hohen Temperaturen sind Müdigkeit und Schwindel sowie Blutdruckabfall bis hin zum Kreislaufkollaps, außerdem Herzrhythmusstörungen oder auch Muskelkrämpfe", erklärt Kardiologe Dietrich Andresen. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Herzstiftung in Frankfurt am Main rät Risikopatienten deshalb: "Diesen Folgen können Betroffene vorbeugen, indem sie mit ihrem behandelnden Arzt Vorsichtsmaßnahmen besprechen, die je nach Herzerkrankung unterschiedlich sein können, zum Beispiel Anpassung der Trinkmenge oder notwendige Dosierungsänderungen bei Medikamenten."
Der angekündigte Wetterumsturz könne Gefahren bergen, wenn Bluthochdrucktabletten während der warmen Wochen abgesetzt wurden, so der Mediziner. In diesem Fall solle man diese Wasserentzugstabletten in Absprache mit dem Arzt wieder einnehmen.
Was die Erfahrung der Bestatter betrifft, da sind die Mediziner in ihrer Bewertung also zurückhaltend. Der Bamberger Kardiologe Braun berichtet dafür von einem interessanten Phänomen, das man sehr deutlich bemerkt habe: "Während Spielen der deutschen Nationalmannschaft bei Fußballweltmeisterschaften steigt die Häufigkeit von Herzinfarkten deutlich an."

Sebastian Schanz