In der kommenden Woche wird die Uni Bamberg Gastgeber einer prominent besetzten Fachtagung in Sachen Künstliche Intelligenz sein. Lehrstuhlinhaberin Ute Schmid forscht zu diesem Thema bereits seit den 1990ern und sieht hier Möglichkeiten, den Menschen in vielen Bereichen zu helfen - ohne deshalb Stellen streichen zu müssen.

Wo überall haben wir im Alltag mit künstlicher Intelligenz zu tun?

Schmid: Künstliche Intelligenz, kurz KI, steckt inzwischen als Komponente in vielen Software-Anwendungen. Beispiele, die uns im Alltag begegnen, sind etwa Google-Bildersuche, personalisierte Kaufempfehlungen oder News-Feeds. Im Finanzsektor wird KI bei Banken und Versicherungen eingesetzt, etwa bei der Risikokalkulation oder bei der Betrugserkennung. Zunehmend findet sich KI auch im Auto, etwa bei Bremsassistenzen und im Gesundheitsbereich können KI-Methoden etwa bei der bildbasierten Diagnostik unterstützen.

Was kann KI - und was nicht?

Zunächst muss man sich darüber im Klaren sein, dass KI-Systeme meistens Fachidioten sind, also nur eine Sache können, diese aber sehr gut. Wir Menschen neigen dazu, aus einer hervorragenden Leistung in einem Bereich zu schließen, dass das Gegenüber dann auch in anderen Bereichen so gut sein muss. Allerdings kann ein KI-System, das zuverlässig Verkehrsschilder erkennt nicht Schachspielen oder die wesentliche Aussage aus einem Zeitungsartikel extrahieren. Aktuell findet ja vor allem ein spezieller Bereich der KI, das maschinelle Lernen, große Beachtung und hier insbesondere sogenannte tiefe neuronale Netze. Damit können beeindruckende Leistungen - von der Objekterkennung auf Bildern bis zur maschinellen Übersetzung - erzielt werden. Solche Systeme sind Menschen oft darin überlegen, in sehr großen Datenmengen komplexe Muster zu erkennen. Daraus aber zu schließen, dass es genügt, viele Daten an ein solches Netz zu geben, um nützliche Modelle zu lernen, ist deutlich zu kurz gegriffen. Man muss sehr viel Aufwand in die Erhebung und Annotation der Daten stecken, damit etwas Sinnvolles gelernt werden kann. Wenn einem Netz etwa das Bild von einem Tumor einer bestimmten Klasse gegeben wird und die Annotation ist nicht korrekt, dann wird auch ein falsches Vorhersagemodell gelernt. Viele, gerade kleinere Unternehmen befürchten gerade, sie könnten den Anschluss verlieren, wenn sie solche Ansätze nicht nutzen. Dabei reichen oft viel einfachere,weniger datenintensive Ansätze aus und in vielen Bereichen liegen Daten gar nicht in der Menge vor, die man benötigt, um tiefe Netze zu trainieren.

Dennoch bleibt die Angst vieler, irgendwann durch Maschinen ersetzt zu werden.

Teilweise ist diese Angst nicht berechtigt, gerade handwerkliche und soziale Berufe werden sich nicht so schnell ersetzen lassen. Teilweise könnte aber die Einführung von KI auch zu einem Abbau von Stellen führen. Deshalb scheint es mir unverzichtbar, dass bei der Entwicklung Strategie zur Einführung von KI in immer mehr Lebensbereiche nicht nur die Wirtschaft beteiligt ist, sondern dass dies in einem gesamtgesellschaftlichen Diskurs ausgehandelt wird, in dem wir uns fragen, wie wir in Zukunft leben, lernen und arbeiten wollen. So können etwa Pflegeroboter helfen, dass Pflegekräfte nicht schwer heben müssen. Die Technik kann bei der Dokumentation und bei Pflegeplanung helfen. Es kann auch durchaus sein, dass gerade in der persönlichen Hygiene ein Roboter einer menschlichen Pflegekraft vorgezogen wird. Das darf aber nicht zur Folge haben, dass menschliche Arbeitskraft abgebaut wird, weil viel Geld in KI gesteckt wurde. Sie kann Arbeit erleichtern, um so mehr Zeit für Menschlichkeit zu gewinnen. Auch wenn man sich von einem Computer die Zeitung vorlesen lassen kann, ist gerade die zwischenmenschliche Interaktion wichtig.KI kann zum Wohle der Menschen sein. Aber nur wenn sie in sozio-technische Zusammenhänge so eingebettet wird, dass unsere europäischen Werte enthalten sind.

Wie wurde die Uni Bamberg zum Zentrum der Künstlichen Intelligenz in Bayern?

In Bamberg wird bereits seit Gründung der Fakultät Wirtschaftsinformatik und Angewandte Informatik im Bereich KI gelehrt und geforscht. So biete ich bereits seit 2004 Vorlesungen zu KI und maschinellem Lernen an. Vor etwa acht Jahren kam der KI-Wissenschaftler Diedrich Wolter dazu, der seine Expertise im Bereich wissensbasierter Ansätze und intelligenter Suchalgorithmen mitgebracht hat. An der Fakultät wurde im Bereich Angewandte Informatik von Anfang an auch auf das Thema KI gesetzt und nicht erst seit dem aktuellen Hype.

Worum wird es in der kommenden Woche bei der KI-Konferenz an der Uni gehen?

Es handelt sich um die jährlich stattfindende, 43. Fachtagung des Fachbereichs Künstliche Intelligenz der Gesellschaft für Informatik. Die Tagung wird traditionell immer an einer Universität ausgerichtet, die aktiv und sichtbar im Bereich der KI-Forschung ist. Typisch für die KI-Tagung ist, dass es keine Beschränkung auf ein Spezialthema, etwa maschinelles Lernen gibt, sondern die Themen und Methoden der KI-Forschung in voller Breite diskutiert werden. Als Keynote Speaker konnten sechs internationale Top-Wissenschaftler gewonnen werden. Beispielsweise ist Hector Geffner einer der bekanntesten KI-Forscher weltweit. Er arbeitet an Programmen, die Robotern automatisches Planen erlauben sollen - das ermöglicht mehr Autonomie von Robotern - sei es bei einem Einsatz auf dem Mars oder bei zukünftigen Haushaltsrobotern. Ein weiterer Sprecher ist Ulli Waltinger, der einer der wissenschaftlich führenden Köpfe der KI-Forschung und Entwicklung bei Siemens ist.

Dazu gibt es spannende Workshops und Tutorials. Einer der Workshops befasst sich mit einem an der Universität Bamberg sehr erfolgreichen Thema - den sogenannten Computational Humanities. Hier geht es darum, KI-Methoden auf Fragestellungen in den Geisteswissenschaften anzuwenden. , So könnte man etwa alte Handschriften europaweit vergleichen. Ein weiterer Workshop beschäftigt sich mit erklärbarem maschinellen Lernen. Dies ist ein aktuell sehr viel beachtetes Thema. Wenn maschinelles Lernen aus der Forschung in die Praxis geht, muss in vielen Bereichen dafür gesorgt werden, dass die gelernten Modelle nachvollziehbar sind.

Wie wird Künstliche Intelligenz unser Leben verändern?

Ich denke, dass KI neben vielen anderen Ansätzen der Informatik dazu führen kann, dass Menschen in komplexen, vielleicht auch gefährlichen Bereichen unterstützt werden.

Sie kann zum Beispiel im Pflegebereich oder in Schule und Ausbildung helfen, nicht nur bei industriellen Anwendungen oder in der Finanzwirtschaft helfen.

Was kann der Mensch tun, um da nicht ins Hintertreffen zu geraten?

Wir müssen gucken, dass wir trotzdem genug Hintergrund behalten, dass wir die jeweiligen Grundkompetenzen erhalten. Schon der Taschenrechner wurde bei seiner Einführung sehr skeptisch gesehen. Man kann aber für komplexere Aufgaben den Taschenrechner einsetzen und trotzdem die Grundrechenarten beherrschen.

Die Fragen stellte Stefan Fößel.

Wo bei uns jetzt schon künstliche Intelligenz zum Einsatz kommt

Chatbot am Telefon

Wer beim Gesundheitsamt in Bamberg anruft, spricht seit kurzem zunächst mit einem Chatbot. Die künstliche Intelligenz soll nach einer "Lernphase" bis zum Monatsende Anruferfragen zum Coronavirus beantworten können. Wenn der virtuelle Ansprechpartner "angelernt" ist, nimmt er dann rund um die Uhr Anrufe entgegen und ermittelt anhand von Schlüsselwörtern das Anliegen.

Ansprechpartner für Bewerber

In Amlingstadt hat das Institut für digitales Management (IdM) unter anderem einen Chatbot für Berufsneulinge entwickelt.

Der "AzubiBot", der je nach Kunde auch anders heißt (die VR-Bank nennt ihn VRank) empfängt potenzielle Bewerber, beantwortet Fragen und leitet auch gleich zur Online-Bewerbung weiter. "Gerade Jüngere erwarten so etwas auch von einem Unternehmen", sagt IdM-Geschäftsführer Daniel Alt. Vielen jugendlichen Nutzern falle es leichter, Fragen zu Einkommen und Urlaubsanspruch zunächst einem Chatbot zu stellen, als gleich Personalern am Telefon. "Das Angebot wird gut angenommen, die Gesamtzahl der Bewerber hat abgenommen, dafür steigt die Zahl der qualifizierten Bewerbungen", habe ein Kunde zurückgemeldet.

Wenn der Lernstoff zum Quiz wird

Viele Lernende haben in Prüfungszeiten enorme Stoffmengen zu bewältigen. Einige ehemalige und aktuelle Studenten der Uni Erlangen-Nürnberg haben deshalb die App "Flexudy" geschaffen, mit der sich unter anderem potenzielle Prüfungsinhalte in ein Quizformat umwandeln lassen.

Mit Hilfe von KI generiert die Technologie "aus jeglichen Lernmaterialien in verschiedenen Sprachen automatisiert Frage-Antwort-Karteikarten, Lückentexte, Zusammenfassungen und zukünftig Multiple-Choice-Fragen." Auch in einigen Bildungseinrichtungen verwenden Dozenten diese Technologie bereits für Lernzielkontrollen, Übungs- und Prüfungsaufgaben.

Der jeweilige Nutzer muss nur eine Datei oder Webseite auswählen und die App öffnen - der Rest geschieht automatisch.

Zur Fachtagung: https://ki2020.uni-bamberg.de/

Zur Fakultät: https://www.uni-bamberg.de/ai/