Warum nicht mal einen Ortsteil ansteuern? Warum nicht nach Röbersdorf? Die Baustelle kann uns nicht abhalten, und der Platz bei der Kirche böte Schatten, falls die Sonne doch noch auftaucht , und das Unterstellhäuschen ist ideal bei so trübem, regennahem Wetter. Perfekt. Nur, die erste Dame muss zur Arbeit, und die zweite ist so skeptisch, dass sie erst den Presseausweis sehen und dann lieber doch nicht mitmachen möchte. In der Art geht es weiter, dazwischen erfahre ich die Lebensgeschichte des fotografierenden Kollegen. Am Ende entscheiden wir uns, doch in den Kernort, also nach Hirschaid zu fahren.

Doch auch hier Probleme - eine Oma, die zu den Kindern muss, Radwanderer, die lieber gleich weiter Radwandern möchten, ein wartender Chauffeur, der gleich wieder chauffieren muss. Aber dann, endlich ein Herr, den der Bürgermeister kurz aufhält und weiter zu den Redaktionsstühlen schickt: Frank Seuling. Er checkt schnell die Lage, gibt per Handy Bescheid, dass er später kommt und so dann tatsächlich 60 Minuten für unser Interview eintaktet.

Ein sehr strukturierter Mensch. Ein zielstrebiger obendrein und einer, der früh einen Sinn fürs Geschäft entwickelt hat. Der Hirschaider wurde zusammen mit seinem ein Jahr älteren Bruder in ein Malertraditionsgeschäft hinein geboren. Daneben betrieb man einen kleinen Laden für Farbe, Tapeten und Teppiche an der Hauptstraße, alle packten mit an. Bereits als Buben haben sein Bruder und er bei Malerarbeiten mitgeholfen.

Noch früher, da war Frank Seuling vielleicht sechs Jahre alt, da hat er sich beim Nachbarn über der Straße, einem Korbflechter, Geld verdient, indem er Weiden schälte. Davon kaufte sich der Junge am Bahnhof Eis, den Rest sparte er. Als er dem Vater dann einen Hundertmarkschein präsentierte, "hat der gedacht, der ist geklaut", erinnert sich der 55-Jährige. Als er neun war, ging die Ehe der Eltern in die Brüche. Die Jungs blieben beim Vater, die Oma kümmerte sich um die zwei, die dann in Bamberg auf Gymnasien gingen.

In der Zeit strebten alle auf höhere Schulen. Vor und nach dem Unterricht wurde Frank in der Tagesschule, dem Canisiusheim in der Hornthalstraße betreut. In der Freizeit spielte man Fußball oder war draußen unterwegs, "drunten bei der Regnitz, droben auf der Friesener Warte, wir haben Baumhäuser gebaut und Feuerla geschürt". Eltern wussten damals nie genau, was die Kinder machten. Hauptsache, sie waren abends wieder da. "Heute undenkbar", sagt der Vater zweier kleiner Mädchen. Bis zur Familiengründung hat sich Seuling übrigens viel Zeit gelassen.

Nach dem Abi ging es zur Bundeswehr, wo der Hirschaider die anspruchsvollere Ausbildung wählte und sich dann als Leutnant der Reserve verabschiedete. In Bamberg studierte er im Anschluss Betriebswirtschaftslehre. Zu der Zeit als die ersten PC'S eingeführt wurden hatte er als Werksstudent bei Siemens Umgang mit Grafik-Software und machte sich parallel zum Studium 21-jährig mit einer Marketingagentur selbständig. Am Ende des Studiums veräußerte er die Agentur, die da schon zwei Mitarbeiter hatte.

Der berufliche Weg führte den Hirschaider dann zu Uvex nach Fürth, wohin er seinen Wohnsitz verlegte und steil Karriere machte. Mit 30 war er Geschäftsführer der Verwaltungsgesellschaft, fünf Jahre später Gesamtgeschäftsführer eines Teilkonzerns mit einem Jahresumsatz von 250 Millionen. Die Globalisierung voll in Gang, Seuling mittendrin. Eine interessante Zeit, viel davon in Flugzeugen. Über Bamberg kam er ins Sinnieren: "Da komm ich her". Da ist es schön. Und da war ihm klar, dass er wieder hier "und nicht in Fürth" leben wollte. Wieder begann ein komplett neues Lebenskapitel. Mit seiner Lebensgefährtin suchte er intensiv nach einem passenden Haus in Bamberg. Parallel dazu hat er den Markt analysiert. "Erneuerbare Energien haben mich schon immer interessiert."

Ein Leuchtturmprojekt

Mit seinem feinen Gespür fürs Geschäft hat er erkannt, dass hierin die Zukunft liegt, dies ein Megatrend wird. Er sollte Recht behalten, mit dem von ihm hinter dem Rathausgelände geschaffenen Energiepark ein preisgekröntes Nachhaltigkeitsprojekt entstehen, ein Leuchtturmprojekt mit unter anderem "dem nachhaltigsten Veranstaltungsgebäude Europas" und einer Stätte, an der erneuerbare Energie erlebbar ist. Dabei habe ihn der damalige Bürgermeister, ein früherer Nachbar aus der Hauptstraße, zu Beginn gefragt, ob er sich das ganze Vorhaben überhaupt leisten könne, merkt der 55-Jährige heute schmunzelnd an.

Wie immer hat er einen Weg gefunden, wobei Frank Seuling auch herausfand, dass sein Großvater mütterlicherseits in den einstigen Werkshallen beschäftigt war. "Ein Erfinder, Musiker, Segelflieger", wie er weiter herausbekommen hat.

Zu dem vollkommen neuen Lebenskapitel Seulings gehört neben der Hochzeit im Dom die Geburt der beiden Töchter Magdalena (7) und Viktoria (5), die ebenfalls dort getauft wurden. Über seine Kinder ist er wohl auch auf die Idee für sein aktuelles Projekt gekommen, bei dem es letztlich um Bildung geht und das auf dem ehemaligen BayWa-Gelände, das er vor Jahren mit dem Bruder erworben hat, entstehen soll. Wenn man Seuling so hört, braucht einem nicht bange werden, dass ihm einmal die zündenden Ideen ausgehen. Auch diese 60 Minuten sind wie im Flug vergangen.