Dass über Wolfgang Schneider ein stattlicher Geldregen niedergehen würde, erfuhr er später als viele seiner Nachbarn und Bekannten. Denn während der Glückspilz noch im Kino saß, wurde im Radio bereits der Bamberger Toto-Gewinner mit Name und Ort verkündet. Als Einziger in Bayern hatte der 22-Jährige alle zehn Spiele im bayerischen Fußballtoto richtig getippt - und ordentlich abgeräumt. Wolfgangs Bruder Günther erfuhr im Finanzamt, wo er arbeitete, von dem Volltreffer. Er raste Wolfgang entgegen und empfing ihn am Kinoausgang mit den Worten: "Mensch, 20 000 Mark host gewunna."

Toto-Gewinn persönlich in München abgeholt

Genauer gesagt waren es 19 530 D-Mark. Inflationsbereinigt würde das heute einem Wert von weit über 50 000 Euro entsprechen. Anfang 1949 hätte das Geld zum Beispiel für zwei Opel-Olympia-Limousinen und einen VW Käfer gereicht. Doch ein Auto leisteten sich in dieser Zeit nur wenige. Denn die Kriegsfolgen waren allgegenwärtig, das Wirtschaftswunder der 1950er noch nicht zu erahnen. Immerhin hatte die Währungsreform 1948 dafür gesorgt, dass sich die Schaufenster und Regale wieder füllten. Was Wolfgang Schneider mit dem vielen Geld vorhatte, konnte er dem FT damals nicht sagen. Er erklärte nur, dass er ein paarmal drüber schlafen wolle. "Außerdem muss ich's erst einmal haben." Und holte sich das Geld dann wenige Tage später persönlich in München ab.

Nach dem Krieg in der Bäckerei gearbeitet

Ein besonderes Glückserlebnis für einen 22-Jährigen, der wie seine ganze Generation zuvor manche Härten zu verarbeiten hatte. Wolfgang Schneider half nach Krieg und Gefangenschaft in der kleinen Bäckerei seiner Mutter in der Nürnberger Straße 117 mit. Der Vater war ein Jahr zuvor gestorben. Im Finanzamt, wo Wolfgang wie sein Bruder Günther früher gearbeitet hatte, war er nach dem Krieg nicht mehr untergekommen.

Alle drei Schneider-Brüder waren aktive Fußballer und leidenschaftliche Toto-Tipper. Aber nur Wolfgang hat gewonnen. Einmal waren es 15 Mark - und dann gleich der bayernweite Hauptgewinn. Aber wie war Wolfgang Schneider der perfekte Tipp gelungen? "System ist Unsinn", erklärte er damals dem staunenden Reporter. "Wenn ich meinen Wettschein ausfülle, tu ich immer das Gegenteil von dem, was ich als Fußballer tun würde." Die Fußball-Bundesliga ist zu dieser Zeit noch in weiter Ferne, die Toto-Tipper setzen auf Spiele der Oberliga Süd, wo sich zum Beispiel Schweinfurt 05 und der TSV 1860 München duellieren, oder auf rassige Bayernliga-Derbys wie 1. FC Bamberg gegen die Spielvereinigung Fürth.

Toto-Spieler räumt 1,1 Millionen Euro ab

Dass Toto-Gewinner übers Radio bekanntgegeben werden, ist bei Lotto Bayern schon lange nicht mehr üblich. Noch 1949 wurde die 1948 eingeführte Zehnerwette auf eine Zwölfer- und zwischenzeitlich auf die Dreizehnerwette erweitert. Dass jemand alle 13 Begegnungen richtig tippt, ist nach Auskunft der Pressestelle heute gar nicht mehr so selten. So gab es im April 2020 einen Spieltag mit 510 perfekten Tipps - und entsprechend niedrigen Ausschüttungen von jeweils 562 Euro. Bei vielen Teilnehmern, wenigen Gewinnern und hohen Quoten kann das aber auch ganz anders aussehen: Den Rekord hält ein Toto-Spieler aus Rheinland-Pfalz, der 2017 stolze 1,1 Millionen Euro abräumte.

Wie es aber mit unserem Glückspilz der ersten Stunde weitergegangen ist, lässt sich 72 Jahre später nur in groben Linien nachvollziehen. Denn an die Geschichte vom großen Toto-Gewinn können sich auch ältere Bamberger nicht mehr erinnern. Bekannter ist da noch der damalige elterliche Betrieb Wolfgang Schneiders. "Ich weiß, dass es diese Bäckerei gegeben hat, aber nicht wie lange", sagt der Bamberger Innungsobermeister Alfred Seel nach einem Blick in alte Aufzeichnungen zu seinem Berufsstand. Der Innung habe diese Bäckerei aber wohl nicht angehört. Eine Familie Schneider aus der Nachbarschaft (nicht verwandt mit Wolfgang) weiß aus Erzählungen der Großmutter , dass diese noch in den 1950ern im "Schneidershaus" Plätzchen backen ließ. Auch Horst Liebscher kann sich noch an die Bäckerei Schneider, zu der ein kleines Ladengeschäft gehörte, erinnern. "Es gab damals vier Bäckereien in der Nürnberger Straße", weiß Resi Klose. Irgendwann hat dann die Bäckerei Schneider den Betrieb eingestellt und zwei der Brüder sind weggezogen. Später wurde das Haus verkauft und erst vor wenigen Jahren bei Umbaumaßnahmen auch der große Bäckerofen entfernt.

 

Wolfgang Schneider hat später geheiratet und mit seiner Frau Brigitte weiterhin in der Nürnberger Straße gelebt, allerdings ein Stück weiter von seinem Elternhaus entfernt. Seit mindestens 15 Jahren hat auch Horst Liebscher ihn nicht mehr gesehen. "Er war ein zurückhaltender Mensch, aber immer fröhlich und mit einem Lächeln im Gesicht", beschreibt er den Mann. So wie an dem Tag, als der damals 22-Jährige den bayernweiten Hauptgewinn im Fußballtoto geholt hat.