Es ist nicht gerade ein Naturparadies, was sich hier, zwischen B 26 und Rheinstraße vor den Augen eines Besuchers auftut: In der Kompostieranlage im Bamberger Hafen sind schwere Radlader dabei, die Kompostierhügel mit frischem Grüngut anzureichern. Es ist staubig und riecht nicht nach Abfall. Und dennoch üben die braunen Hügel eine geradezu magische Anziehungskraft auf eine Art aus, deren Auftauchen immer noch für Aufsehen in Bayern sorgt: Störche.

Ganz besonders in Bamberg ist dies der Fall. Die mittelalterliche Stadt, die unter anderem im Hain respektable Naturschätze beherbergt und sich seit kurzem sogar für einen Nationalpark Steigerwald einsetzt, ist bislang ein weißer Fleck auf der Storchenkarte des Landesbunds für Vogelschutz (LBV). Rund 500 Paare der großen Vögel mit einer Flügelspannweite über zwei Metern wurden in Bayern 2017 gezählt - ein bemerkenswerte Rekord, wenn man weiß, dass Weißstörche noch in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts als vom Aussterben bedrohte Art galten.

Doch anders als in den Tälern von Reicher und Rauher Ebrach im Steigerwald kennt man "Meister Adebar" in Bamberg fast nur von Überflügen und Stippvisiten. Das hat sich 2018 gründlich geändert. "Es gibt hier viel mehr Störche als früher. Sie kommen immer wieder und schauen uns bei der Arbeit zu", berichtet Sebastian Weber, Betriebsleiter der Firma Eichhorn. Bis zu neun Tiere hat Weber zeitgleich in der Anlage beobachtet. Eine Biologin soll vor kurzem 30 Individuen im Bamberger Norden gezählt haben.


Prominenter Käferfresser

Dass sich Vögel im Bamberger Industriegebiet am Hafen wohlfühlen, ist nichts Neues: Schon immer hat das verrottende Grün, vom Grasschnitt bis zu Ästen und Zweigen, Schwärme von Krähen und Möwen angezogen. Der Storch ist nun zum prominentesten Mitnutzer einer technischen Anlage geworden.

Auch ihm bietet sich hier ein reich gedeckter Tisch - zumal in einer langen Dürrezeit. Auf den bis zu zehn Meter hohen Haufen, in denen Mikroorganismen in kurzer Zeit Biomasse in Humus umwandeln, finden sich jede Menge Käfer, Würmer und sogar Mäuse. Man muss wissen: Was seine Nahrung angeht, ist der Storch nicht allzu wählerisch: Zwischen den Komposthaufen reichert er seinen Speiseplan nur allzu gerne an.

Naturschützer Thomas Stahl beobachtet seit vielen Jahren die Entwicklung der Storchenpopulation in Franken und die Veränderungen ihrer Flugrouten Richtung Spanien und Afrika. Hört man Stahl, bleibt der wachsenden Storchenpopulation gar nichts anderes übrig als neue Nahrungsquellen zu erschließen. Stahl spricht vom Aischgrund, wo heuer rund 60 Jungstörche ausgeflogen seien - ein Erfolg der Wiederansiedelungsbemühungen. Da könne es leicht sein, dass sich bei jungen Storchentrupps Bamberg als Fresstipp gewissermaßen herumspricht. Stahl glaubt auch daran, dass die Bamberger bald die ersten Horste im Umfeld ihrer Stadt sehen könnten.


Auf Mülldeponien zu Hause

Doch warum ist es in den vergangenen Jahren zu einer so starken Vermehrung der Störche in Bayern gekommen? Warum erscheinen den Vögeln nun auch stark vom Menschen abhängige Nahrungsquellen wie etwa im Bamberger Hafen attraktiv? LBV-Expertin Oda Wieding konnte in den letzten Jahren große Veränderungen beim Verhalten von Störchen feststellen: Da gibt es sogenannte Gehegestörche, die in Bayern überwintern. Zudem scheinen sich auch die Zugstraßen der wilden Störche abhängig vom Nahrungsangebot zu wandeln. "Wir wissen, dass immer mehr Störche in Spanien überwintern und nicht mehr nach Afrika fliegen, wo sie häufig gejagt werden. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie heil nach Bayern zurückkehren." Bezeichnend ist dabei, dass Weißstörche in großer Zahl auch in Spaniens Mülldeponien überwintern, wo sie sich von fleischlichen Abfällen ernähren.

Von Ökologen wird dieses Verhalten kritisch beäugt. Der menschliche Einfluss droht das Verhalten der großen Vögel stark zu verändern. So kann man das Auftauchender Störche im Bamberger Hafen natürlich auch als Ausdruck dafür ansehen, dass die Zahl naturnaher Wiesen und Brachflächen in Umkreis von Bamberg in den vergangenen Jahrzehnten stetig ab- und der Druck zunommen hat, der auf der Landschaft lastet. "Man muss Grünflächen ja regelrecht suchen, auf denen es noch zirpt und summt und wo viele Blumen wachsen dürfen", klagt Vogelkenner Thomas Stahl. Heute würden viele Wiesen sehr früh gemäht und auch Straßenränder zeitig gemulcht."


Wer will einen Horst anlegen?

Gerade deshalb könnte die Rückkehr der Störche nach Bamberg auch ein Ansporn sein, die Vielfalt von Wiesen wieder etwas höher zu schätzen. Angesichts der großen Zahl von Störchen, die sich im Bamberger Hafen blicken lassen, schätzt Oda Wieding die Chancen nicht so schlecht ein, dass Bamberg oder ebenso die umliegenden Gemeinden wie Bischberg, Dorfleins oder Hallstadt dauerhaft einen Horst begründen könnten. Für Interessenten, die auf ihrer Immobilie eine Nisthilfe anlegen wollen, steht der Landesbund für Vogelschutz mit Rat zur Seite. Ein neuer Bewohner des Bamberger Beckens wäre der Storch aber nicht: "Quellen zeigen, dass es in Hallstadt bereits Störche gab", sagt Wieding.