Das Leben ist manchmal - was heißt manchmal, eigentlich häufig - sehr ungerecht. Immer ein wenig im Schatten ihres Mannes stand Ruth Ochner, Gattin des vor dreieinhalb Jahren hoch betagt gestorbenen Bamberger Künstler-Originals "GON", vulgo Egon Ochner, der ein Leben lang im Niemandsland zwischen Kunstgewerbe, Gebrauchsgrafik, komischer Kunst und Malerei operierte.

Diese Ungerechtigkeit wenigstens spät und ein bisschen zu kompensieren, hatten sich Gabriele Klein und Andrea Landwehr-Ratka vorgenommen. Beide ebenfalls im weiten Feld der Kunst wirkend und Freundinnen und Verehrerinnen Ruth Ochners. Die seit sieben Jahren in einem Altenheim auf dem Jakobsberg wohnt. Und just am Freitag ihren 95. Geburtstag feierte, ihrem Alter gemäß gebrechlich, doch geistig auf der Höhe und vor allem guter, ja bester Dinge angesichts der Versammlung alter Freunde - darunter der frühere Bamberger Kulturreferent Rudolf Grafberger und seine Gattin - im Atelier Alte Schreinerei in der Maternstraße.

Darin waltet Gabriele Klein. Erstaunlich, welche verträumten, idyllischen Winkel man auch als nicht mehr so ganz junger Einheimischer in der alten Stadt entdecken kann. Ein paar Meter schräg hinter der Maternkapelle, zur Weihnachtszeit Touristen-Hotspot, liegt Gabriele Kleins Atelier mit einem versteckten Garten und traumhaftem Blick auf den Dom. Gar nicht weit entfernt vom früheren Domizil der Ochners im Teufelsgraben, das in dieser Zeitung nicht nur einmal als Kulisse wie aus einer Erzählung E.T.A. Hoffmanns beschrieben worden ist. Darin lebte und arbeitete das Künstler-Ehepaar, das 1952 nach Bamberg kam, jahrzehntelang, wie Dietlinde Schunk-Assenmacher in ihrer Laudatio zur Eröffnung der Ausstellung "95 Jahre Ruth Ochner" erzählte - auch sie fest verankert in der Bamberger Kunstszene ("Galerie Kunst im Gang").


90 Stufen zur Kunst

Über 90 Stufen ging es hinauf in ein verwinkeltes Traum-Haus, voll gestopft mit den Arbeiten Egon Ochners und versehen mit einem Atelier Ruth Ochners. Denn beide arbeiteten ein Leben lang künstlerisch, wiewohl im Brotberuf in einem Bamberger Verlag tätig.

Kennen gelernt hatte sich das Paar an der Pforzheimer Kunstgewerbeschule, und den badischen Dialekt hat Ruth Ochner bis heute nicht abgelegt. Ihr Mann hatte im Zweiten Weltkrieg den rechten Arm verloren, was ihn nicht hinderte, mit viel (Selbst-)Ironie Tausende von Blättern mit seltsamen Mensch-Tier-Zwitterwesen zu schaffen, von dreidimensionalen Objekten, eine Augen-Galerie darunter. Wer dächte dabei nicht an E.T.A. Hoffmanns "Sandmann"?

Einige Arbeiten GONs sind im Atelier zu sehen, als Kontrast, so wie Kaltnadelradierungen und Aquarelle Kurt Schmieds an den Wänden hängen, des Vaters Ruth Ochners, der die Tochter in seinen künstlerischen Strudel zog. Sind GONs Werke keck, überraschend, fast provokant, strahlen die Aquarelle der Gattin und künstlerischen Antipodin eine große Ruhe aus, umreißen "einen Bezirk der inneren Freiheit", wie Schunk-Assenmacher sagte - augenscheinlich an den unterschiedlichen Sichtweisen der Toskana, die Ruth und Egon Ochner auf Blättern festhielten, die in der Ausstellung zu sehen sind.

Florale Motive, immer wieder fränkische Landschaften - das ist der Kosmos, in dem sich die Künstlerin bewegt, die sich gerne von Musik inspirieren lässt und die Aquarell-Technik perfekt beherrscht. Bis heute, denn noch immer greift sie gerne zum Malbesteck, wie ein unlängst entstandenes Blumen-Stillleben beweist. Ein kleiner Ausschnitt nur eines großen Werks in einem langen Künstlerleben ist in der Maternstraße zu sehen, jedoch ein Geschenk für den Betrachter, nicht nur eines zum Geburtstag der Künstlerin.

Ort Atelier Alte Schreinerei, Maternstr. 2a
Öffnungszeiten
Fr., 8., 15. 6., Sa., 9., 16. 6., So., 10., 17. 6., jeweils von 15 bis 18 Uhr, und nach telefonischer Vereinbarung (Tel. 91797071)