D ie richtige Balance zwischen medizinischer Unterstützung und menschlicher Fürsorge ist Dr. med. Brigitte Lotter ganz wichtig. Die Fachärztin für Anästhesie und Palliativmedizin ist seit Oktober 2017 als Chefärztin des Zentrums für Palliativmedizin in der Sozialstiftung Bamberg tätig. Wieso die Palliativmedizin jeden Menschen angeht, erklärt Brigitte Lotter im Gespräch mit dem Fränkischen Sonntag.

1983 wurde in Köln die erste deutsche Palliativstation eingerichtet. In England hingegen hatte die Bewegung bereits in den späten 60er Jahren ihren Anfang genommen. Haben Sie die Entwicklung einer neuen Disziplin - und mit ihr auch einer neuen gesellschaftlichen Wahrnehmung - schon damals bewusst beobachtet?
Dr. Brigitte Lotter: Die "sprechende Medizin" spielte in meiner Ausbildung zur Humanmedizinerin eine eher untergeordnete Rolle. Im Zuge der weiteren Technisierung und vor allem Ökonomisierung der Medizin hat sich dies aus meiner Sicht noch wesentlich verschärft. So entwickelte sich im Verlauf der Jahre eine Reparaturmedizin, der die Menschlichkeit abhanden zu kommen droht. Durch die Entwicklung immer neuer Therapiemethoden und - möglichkeiten wird es für uns Behandler zunehmend schwieriger, zwischen möglichem Nutzen und Schaden abzuwägen und das für den Patienten angemessene Vorgehen auszuwählen. Und für die Patienten ist die Informationsfülle im Internet auch nicht nur hilfreich, sondern häufig verwirrend. Dies schafft mehr Unsicherheit, was den Umgang miteinander zunehmend erschwert. Und doch ist nach wie vor das Vertrauen zwischen Arzt und Patient ein wesentlicher Behandlungsfaktor.

Was war Ihre persönliche Motivation, Palliativarbeit zu leisten?
In der Versorgung von Palliativpatienten kann ich am ehesten eine gute, dem Menschen dienende Medizin umsetzen: bedürfnisorientiert, symptomlindernd, zugewandt, die eigenen Kompetenzen zur Verfügung stellend, der Situation angemessen, ressourcenorientiert und ressourcenschonend, und den Tod als Teil des Lebens begreifend.
Menschen in existenziellen Krisen oder am Ende des Lebens zu begleiten, braucht Befähigung und Kompetenz. Es öffnen sich aber auch Räume für intensive, bereichernde Begegnungen, die nach meinem Verständnis wesentlicher Bestandteil des Lebens sind.

Vom Publizisten Gerhard Kocher stammt der Aphorismus "Medizinstudium: Sie lernten Organe und es kamen Menschen." In der Vergangenheit wurde immer wieder diskutiert, ob die Schulung emotionaler Kompetenz im Medizinstudium grob vernachlässigt wird. Glauben Sie, dass hier Nachholbedarf herrscht?
Ich glaube, dass unser menschliches Miteinander generell von vorhandener emotionaler Kompetenz profitieren kann. Und natürlich gilt das auch für den Umgang von Ärzten mit Patienten. Diese zu schulen, ist jedoch ein komplexes und schwieriges Unterfangen, da man emotionale Kompetenz nach meinem Dafürhalten nicht einfach lernen kann wie eine handwerkliche Fertigkeit. Sowohl im Studium als auch in der Facharztausbildung wird dem nur ein geringer Stellenwert beigemessen. So bleibt es dem persönlichen Engagement jedes Einzelnen überlassen, in wie weit er Motivation dafür aufbringt und sich eventuell auch weiterbildet oder weiterentwickelt. Es gibt hier vielfältige Möglichkeiten und Angebote. Manchmal ist auch das Leben selbst ein wunderbarer Lehrer.

Sie sind selbst in der Hospiz-Akademie Bamberg als Referentin aktiv. Welche Art von Seminaren bieten Sie dort an und was ist Ihnen bei der Vermittlung von Wissen und Erfahrung besonders wichtig?
Es sind folgende Arten von Seminaren: Kurse zur Erlangung der Zusatzbezeichnung Palliativmedizin für Mediziner und Palliativ-Care-Kurse für Pflegekräfte sowie Seminare mit dem zentralen Thema Kommunikation. In diesen werden unter anderem Gespräche geführt, die wesentliche Anteile idiolektischer Gesprächsführung beinhalten, das heißt Augenmerk auf das individuelle Sprachmuster legen. Das setzt eine achtsame, wertschätzende, akzeptierende Haltung in der Kommunikation voraus, muss zieloffen sein und sich überwiegend an der Sprache des Gegenübers orientieren. Durch die Antworten auf konkrete, kurze und einfache Fragen öffnet sich die Welt des Gesprächspartners ein Stück und man ist eingeladen, sich von ihm führen zu lassen und mit ihm gemeinsam auf "Entdeckungsreise" zu gehen. Dies kann im Gegenüber Klärungsprozesse anstoßen, Veränderungen initiieren oder einfach nur Freude machen. In den Seminaren möchte ich bei den Teilnehmern die Neugierde wecken, etwas Neues auszuprobieren, Situationen von unterschiedlichen Gesichtspunkten aus zu betrachten, und Überzeugungen zu überdenken. Es kann bereichernd sein, Sicherheiten auch mal zu verlassen, sich auf unbekanntes Terrain zu wagen oder Herausforderungen als Chancen wahrzunehmen, auf die man sich durchaus einlassen kann.

Sind diese Seminare nur medizinischem Fachpersonal zugänglich oder gibt es auch Angebote für Interessierte, die sich aus persönlichen Gründen damit auseinandersetzen möchten?
Die Kommunikationsseminare stehen allen Interessierten offen. Zudem gibt es breit gefächerte, sehr interessante Angebote der Hospizakademie, die ich vorbehaltlos als Unterstützung in unterschiedlichsten Lebenssituationen empfehlen kann.
Sie haben sehr viele Menschen und deren Geschichten kennen gelernt.Welche Augenblicke sind Ihnen dabei besonders im Gedächtnis geblieben?
Ich habe sehr viele sehr berührende Momente in diesen vielen Jahren erleben dürfen. Es sind die Begegnungen mit den Menschen, sei es mit den Patienten, sei es mit ihren Angehörigen, die bewegen, berühren und bereichern. Dabei geschehen selten großartige Dinge. Aber in ihrer Einfachheit sind viele dieser Dinge großartig! Natürlich gibt es auch ganz besondere Situationen, zum Beispiel konnte einem Patienten ein Rundflug über Bamberg ermöglicht werden, der ihm einen unvergesslichen Tag bescherte. Oder eine Diskussion über Hermann Hesses "Siddartha" in einer "Messie-Wohnung" eines vermeintlich am Leben gescheiterten Menschen. Auch durften wir Geburtstagsfeste oder Eheschließungen miterleben. Da wurden auch schon mal Standesbeamte notfallmäßig mobilisiert. Traurige Momente gibt es auch, aber sie sind seltener, als man das gemeinhin glaubt, wenn man von Palliativsituationen spricht. Ich habe das Gefühl, wenn sich das Leben auf das Wesentliche reduziert, ist es am intensivsten und lebendigsten, gleichzeitig am traurigsten und fröhlichsten.

Das Thema "Patientenverfügung" spielt eine immer wesentlichere Rolle. Was genau wird da festgelegt?
In einer Patientenverfügung lege ich fest, in welchen Situationen lebensverlängernde Maßnahmen nicht eingeleitet oder aber beendet werden sollen. Gleichzeitig ist in der Regel festgelegt, dass Maßnahmen zur größtmöglichen Beschwerdelinderung ergriffen werden sollen, zum Beispiel zur Linderung von Schmerzen, Luftnot, Übelkeit/Erbrechen oder anderer belastender Symptome. Allerdings fordert ein neues BGH-Urteil dafür eine konkrete Beschreibung der jeweiligen Situation. Dies ist für einen medizinischen Laien schwer möglich. Wichtig ist die Erteilung einer Vorsorgevollmacht, da der Bevollmächtigte in Kenntnis des erklärten Willens des Patienten dessen Entscheidungen vertreten kann. Gibt es innerhalb einer Familie unterschiedliche Interpretationen des mutmaßlichen Patientenwillens, sind Schwierigkeiten programmiert.

Was geschieht, wenn keine Patientenverfügung existiert, der Patient aber keine Entscheidungen mehr treffen kann?
Zunächst muss eine medizinische Indikation für eine Behandlungsmaßnahme vorliegen. Ist dies der Fall, benötigt der Arzt für die Durchführung der geplanten Maßnahme die Einwilligung des Patienten. Ist dieser dazu nicht in der Lage, muss ein Betreuer bestellt werden. Das kann, muss aber nicht, der Ehepartner oder ein naher Verwandter sein. Es kann auch ein Berufsbetreuer eingesetzt werden, also jemand, der sich im professionellen Rahmen entgeltlich der Angelegenheit annimmt. Dieser erhält dann die notwendige Entscheidungsvollmacht an Stelle des Patienten.
Entscheidend ist die Frage nach dem mutmaßlichen Willen des Patienten - nicht des Betreuers! -, den in der Regel die nächsten Verwandten am besten kennen sollten. Ein Austausch innerhalb der Familien über Wertvorstellungen am Lebensende ist daher eine wichtige Voraussetzung, um Schwierigkeiten bei der Ermittlung des Patientenwillens aufgrund von Missverständnissen oder unterschiedlichen Interpretationen zu vermeiden.

Wann sollte man sich mit dem Thema auseinandersetzen?
Menschen können in jeder Lebensphase in die Situation kommen, Entscheidungen oder Wertvorstellungen nicht mehr nach außen kommunizieren zu können. Jeder muss für sich entscheiden, was er als Vorsorge für derartige Situationen für wichtig erachtet.

Derart schwerwiegende Entscheidungen zu treffen, ist schwierig genug; gibt es Anlaufstellen, die dabei und auch bei formalen Fragen weiterhelfen?
Der Hospizverein Bamberg bietet in Zusammenarbeit mit der Hospizakademie in seiner Beratungsstelle eine kompetente und fachgerechte Beratung an. Das Team besteht aus Juristen, Seelsorgern, Ärzten und anderen Fachleuten. Es hilft bei der Erstellung einer Patientenverfügung oder einer Vorsorgevollmacht, die rechtlich verbindlich ist und daher vom Bevollmächtigten durchgesetzt werden kann. Die Beratungen dauern in etwa zwei Stunden und finden in den Räumlichkeiten der Hospizakademie statt - auf Wunsch gerne zusammen mit den Angehörigen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Palliativmedizin?
Dass sie sich auf ihre Wurzeln besinnt, den Menschen im Mittelpunkt belässt, das Angemessene tut und das Überflüssige lässt.