80-Stunden-Wochen. Keine Ausnahme, sondern harte Realität bei Bäckerfamilie Schmitt in Aschbach. In Ausnahmesituationen könnten Vater Mutter und Sohn das schon eine zeitlang durchhalten. Doch nachdem fünf von zehn in der Backstube tätigen Mitarbeiter nach und nach ausgefallen sind und sich nun auch der Geselle aus familiären Gründen verabschiedet, wirft die Familie das Handtuch. Denn, trotz intensiver Bemühung und Bewerbung haben Schmitts kein Fachpersonal finden können. Seit 1882 und nunmehr mit Sohn Christian in der sechsten Generation bäckt Famllie Schmitt gleich in der Nähe des idyllischen Aschbacher Dorfsees. Damit ist nun bald Schluss. Genau gesagt Mitte August und nach der Kerwa.

Die Entscheidung hat der Familienrat vor noch gar nicht mal so langer Zeit getroffen, und wie die Schilderungen von Vater Ludwig (59) , Mutter Elvira (57) und Sohn Christian (39) zeigen, ist sie den leidenschaftlichen Bäckern nicht leicht gefallen. Hätte Schmitts das jemand zu Beginn des Jahres gesagt, sie hätten es nicht für möglich gehalten. Doch bereits im vergangenen Jahr begann das, was nun für das Aus des Traditions-Handwerksbetriebs sorgen wird: Personalmangel. "Die Ausfälle in der Backstube gingen sozusagen Schlag auf Schlag", bilanziert Christian Schmitt (39).

Zuerst wurde eine Mitarbeiterin schwanger, dann zog eine weg, danach kam eine Sportverletzung, dieser folgte eine weitere Erkrankung und nun wurde schließlich bekannt, dass auch noch der Geselle zu seiner weit weg lebenden Freundin ziehen wird. "Wir haben hin und her überlegt", fasst Bäckermeister Ludwig Schmitt zusammen. Varianten wie Reduzierung des rund 150 Produkte umfassenden Sortiments, Reduzierung auf nur noch den Firmensitz in Aschbach ,hatten gravierende Mängel. Ein Verzicht auf die gewohnte Qualität und der Bezug von fertigen Teiglingen etwa wäre mit der Familien- und Firmen-Philosophie nicht zu vereinbaren. "Wir sind zwar nicht biozertifiziert, arbeiten aber mit hochwertigsten Zutaten", stellt Bäckermeister Schmitt fest.

Die Eltern wären gern bereit gewesen, den Sohn zu unterstützen, wenn er den Betrieb übernommen hätte, "aber nicht 80 Stunden die Woche," stellt Mutter Elvira fest. Seit der Backstube die Kräfte ausgegangen sind, arbeitet auch sie hier mit. Ursprünglich sind Verkauf und Büro ihr Zuständigkeitsgebiet. Fachpersonal für die Backstube haben Schmitts in den letzten Monaten einfach nicht beibringen können. Die Kundschaft hat das mitbekommen, manche zeigen Verständnis für die Konsequenzen, andere machen sich's einfach und meinen nur "dann holt halt Polen".

Wenig praktikabel, auch wegen der Sprachbarrieren, winkt Ludwig Schmitt ab. Erst vor wenigen Jahren hat er über 250.000 Euro in neue Öfen investiert. Die Bäckerei ist über die Jahrzehnte zu einem verflochtenen 500-Quadratmeter Areal gewachsen. Viele der im Moment noch rund 16 Mitarbeiter sind der Firma schon seit Jahrzehnten treu.

Schmitts sind sich sicher, dass das Personal wieder Stellen finden wird und will die Mitarbeiter nach Kräften unterstützen. Die verbliebenen Mitarbeiter haben wohl ausreichend Zeit, sich umzusehen, denn ab Mitte August haben sie frei und beziehen ihr Gehalt bis Oktober.

"Vielleicht möchte ja eine Bäckerkette bei uns eine Verkaufsstelle eröffnen, dann könnte sie gleich Mitarbeiter mit übernehmen", hofft Elvira Schmitt.

Auch die 57-Jährige wird sich wohl eine Stelle suchen müssen. Ihr Mann denkt darüber nach, in der Branche entweder beratend tätig zu werden, beziehungsweise saisonal Produkte wie etwa Elisen-Lebkuchen herzustellen. "Das aber dann nicht mehr unter dem Zeitdruck wie jetzt." Mindestens einen kleinen Ofen will er behalten, um für den Eigengebrauch Brötchen zu backen, die man dann einfriert.

"Denn was man sonst so an Brot und Brötchen zu kaufen bekommt", er verzieht das Gesicht und winkt vielsagend ab.

Sohn Christian wird künftig sicher nicht mehr in Aschbach als Bäckermeister und Konditorgeselle arbeiten. Anderswo aufgrund des Fachkräftemangels hingegen wird er wohl gefragt sein. Darauf setzt er und macht sich demnächst an Bewerbungen. Wissend, dass ihn wohl auch weiterhin die nicht gerade familien- und freizeitfreundlichen Arbeitszeiten begleiten.

Damit meint er nicht nur das Aufstehen um halb zwei am Morgen, sondern auch die Sache mit dem Samstag: "Das ist unser Hauptverkaufstag", macht Vater Ludwig deutlich, "am Wochenende gönnen sich die Leute was". Für Bäcker bedeutet das ein erhöhtes Arbeitspensum ab Freitagabend und bis weit in den Samstag hinein. Jeden Samstag wollen allein rund 3000 Salzbrezen von Hand geschlungen sein, machen Schmitts hier Dimensionen deutlich. Damit seine Kundschaft sich was gönnen konnte, stand Ludwig Schmitt von halb zwei am Morgen bis 13.30 Uhr am Nachmittag in der Backstube. Das wird Mitarbeitern zwar nicht zugemutet, aber dennoch sind die Arbeitszeiten für Bäcker wenig lukrativ.

Wie Bäckerinnungs-Obermeister Alfred Seel berichtet, gibt es derzeit an der Berufsschule noch neun Bäcker-Azubis aus drei Landkreisen. Früher waren es meist zwei Klassen. Von den Neunen haben auch nur zwei bis drei erklärt, dass sie weitermachen wollen.

Nur etwa sieben Kilometer von Aschbach entfernt betreibt Elisabeth Hetzel seit 38 Jahren ihr Lebensmittel- und Backwarengeschäft. Genau so lange kooperiert sie bei Backwaren mit der Bäckerei Schmitt. Deren geplantes Aus mit Mitte August kommt für sie nun doch sehr überraschend. Sie hat Kundschaft, so hebt sie hervor, die eigens wegen dieser Backwaren bis aus Bamberg oder Würzburg angefahren kommt. Aufgrund der räumlichen Nähe konnten Schmitts sie auch zwei- bis dreimal täglich beliefern. Auf diesen Service wird sie beim nächsten Kooperationspartner wohl verzichten müssen. Damit ihre Kundschaft ab Mitte August weiterhin mit Brot, Brötchen und Gebäck versorgt ist, sucht die Ladenbetreiberin nun nach einem neuen Lieferanten. Ein wichtiges Kriterium dabei: "Auch Familien müssen sich die Produkte leisten können." Außerdem sei die Kundschaft Qualität gewohnt, was bei Elisabeth Hetzel so heißt, "das ist ein feines Gebäck".

Die Kundin im Laden nickt zustimmend. Auch aus ihrer Familie kommen einige von auswärts wegen Schmitt-Backwaren, wegen der Brezen am Samstag. Die auswärtigen Brezen-Fans wird es definitiv treffen, noch schlimmer aber die Burgwindheimer, die sich hier mit Schmitt-Produkten versorgt haben "Für uns in Burgwindheim wird es hart", fürchtet sie und testet schon mal Brötchen eines Anbieters, den Elisabeth Hetzel probeweise an Schmitts lieferfreiem Tag im Angebot hat. Bis Mitte August jedenfalls wird sie einen neuen Partner haben müssen.

.
Zur Bäckerei Schmitt:
Traditionsbetrieb seit 1882
16 Mitarbeiter
150 Produkte im Angebot
Firmensitz Aschbach, Filialen in Schlüsselfeld und Burghaslach, Belieferung von Backwaren Hetzel in Burgwindheim
Einzugsgebiet mit gut 10.000 Menschen