Die Politiker sind sich einig. Der Bürger ist schuld. Er hat die Wahl in Bamberg in einer Dimension boykottiert wie es noch nie der Fall war. "Eine Schande ist das, diese Wahlbeteiligung. In einer Stadt mit so vielen Intellektuellen wie in Bamberg darf das einfach nicht sein", sagte CSU-Fraktionschef Helmut Müller am Sonntagabend.

Was ist passiert?

47,19 Prozent aller Bürger sind am Sonntag in Bamberg zur Wahl gegangen. Das heißt im Umkehrschluss: Die Mehrheit der Bürger, nämlich 52,81 Prozent, hat es nicht für nötig befunden, über den neuen OB abzustimmen. In absoluten Zahlen ausgedrückt stellt sich dieser Befund noch drastischer dar: Knapp 30.000 Stimmberechtigte sind ihrer wichtigsten Verpflichtung als Wähler nicht nachgekommen.

Bamberg - die Heimat der Demokratie-Verweigerer? Blickt man reihum in die anderen Städte, wo ebenfalls Oberbürgermeister gewählt wurden, stellt man schnell fest: Bamberg ist beileibe kein Einzelfall.

Auch in Bayreuth war das Interesse an der OB-Wahl mit einer Wahlbeteiligung von 47,57 Prozent extrem niedrig. Dies, obwohl die Auseinandersetzung in der oberfränkischen Regierungsstadt mit deutlich mehr Härte geführt worden war als in Bamberg.

Aber auch im nordostoberfränkischen Hof herrscht Wahlmüdigkeit: Hier ließen sich nur 49,6 Prozent der Bürger an die Urne locken.

Die politischen Gegner von Andreas Starke haben sich ihren Reim bereits darauf gemacht:

"Da braucht Oberbürgermeister Starke nicht zu jubeln, bei einer so niedrigen Wahlbeteiligung", sagte am Montag Norbert Tscherner, dessen Bürgerblock Gerhard Seitz zusammen mit der CSU aufgestellt hat. Auch die Leser von infranken.de stellten noch am Wahlabend die Frage nach der Legitimation: Nüchtern betrachtet haben nur ein Viertel aller wahlberechtigten Bamberger für Andreas Starke gestimmt.
Seh'n so Sieger aus?", schreibt "KlaRa".

Gegen "Bürgerbeschimpfung"


Doch der Rückschluss, geringere Wahlbeteiligung entspreche einer gewachsenen Gleichgültigkeit, ja gar Ablehnung gegenüber unserer demokratischen Gesellschaft ist aus wissenschaftlicher Sicht nicht haltbar. Das sagt der Soziologe und Wahlforscher Zoltán Juhász, Leiter des Instituts Baces an der Bamberger Universität.
Die "Bürgerbeschimpfung", mit der mancher Poltiker das Wahlergebnis quittierten, findet er gänzlich unangebracht, weil ihr ein weit verbreitetes Missverständnis zugrunde liegt. "Es gibt zwar eine Grenze, unter der die Wahlbeteiligung nicht fallen sollte. Aber man kann nicht sagen, dass sinkende Wahlbeteiligung Unzufriedenheit mit der Demokratie ausdrückt. Eher ist umgekehrt: Sinkende Wahlbeteiligung spiegelt die grundlegende Zufriedenheit mit den Verhältnissen wider, während hohe Wahlbeteiligung in der Regel ein Zeichen von Krisensituationen ist."

Und die Zufriedenheit der Bürger mit der Lebenswirklichkeit in Bamberg ist hoch.

Dies hat eine Untersuchung des Meinungsforschers im Februar im Zusammenhang mit der OB-Wahl bestätigt. Ergebnis: 80 Prozent der Bamberger sind zufrieden oder sogar sehr zufrieden, ein echter Spitzenwert.

War den Bambergern die OB-Wahl also deshalb gleichgültig, weil es ihnen (zu) gut geht? Nach Ansicht des Wahlforschers haben zwei zusätzliche Umstände den Effekt der niedrigen Wahlbeteiligung in Bamberg noch verstärkt. Zum einen hatten laut Juhász viele Bamberger von Beginn an den Eindruck, dass der Ausgang der Wahl eine klare Sache sei, was die Motivation zur Wahl zu gehen gesenkt haben dürfte. Zum anderen haben für eine größere Mobilisation der Massen die spannenden kommunalpolitischen Debatten gefehlt. "Es gab keine durchschlagenden Themen, die kontrovers diskutiert worden wären. Man hatte den Eindruck, dass sich die Kandidaten nicht sehr stark unterscheiden", sagt Juhász.

Doch es gibt noch andere Theorien, weshalb die Wahlbeteiligung in Bamberg gegenüber 2006 noch einmal um fünf Prozent abgesackt ist.

Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) spekulierte am Tag nach der Wahl über eine mögliche Zurückhaltung der CSU-Wähler. Anders als durch einen Aderlass bei der CSU sei es schwer erklärbar, dass CSU-Kandidat Gerhard Seitz nur 200 Stimmen mehr als sein Vorgänger Peter Neller 2006 sammeln konnte, obwohl der damals ebenfalls zur Wahl stehende BBB-Chef Norbert Tscherner nun seine Anhänger auf Seitz eingeschworen habe. Zusammengerechnet habe das Lager von CSU und BBB 2006 immerhin 11.000 Stimmen erhalten, Seitz nun aber nur rund 7100. Zufrieden zeigt sich Starke dagegen mit dem eigenen Abschneiden: Mit 14.289 Stimmen konnte er gegenüber dem ersten Wahldurchgang 2006 um rund 1300 Stimmen zulegen.

Verteidigt wurde Gerhard Seitz am Montag von Norbert Tscherner. Auch wenn sich der BBB-Mann insgesamt mehr Widerhall aus der Bevölkerung erhofft hatte, habe sich Seitz gut behauptet. Dies sieht auch der Wahlforscher Juhász so. Der CSU-Kandidat habe sich als Außenseiter gegen den Amtsinhaber respektabel geschlagen. Dies heiße freilich nicht, dass die CSU mit ihrem Wahlergebnis zufrieden sein könne.

Ähnliches gilt laut Juhász auch für die Bamberger Grünen. Kandidat Wolfgang Grader habe über die eigene Anhängerschaft hinaus kaum Wähler erreicht. Ein erfolgreicher OB-Kandidat müsse es aber schaffen, über die eigene Partei hinaus Stimmen zu sammeln. Starke sei dies gelungen: "Das Ergebnis von 54 Prozent ist weit mehr als das Potenzial der SPD."