Vor 175 Jahren reiste die heute weltbekannte britische Schriftstellerin Mary Shelley (1797-1851) gemeinsam mit ihrem Sohn Percy zum ersten Mal im Sommer 1840 für ein paar Wochen, dann 1842/1843 ein weiteres Mal über mehrere Monate durch Westeuropa. Im Verlauf ihrer zweiten Reise verbrachten sie einen vierwöchigen Kuraufenthalt in Bad Kissingen. Ihre ausführlichen, in Briefform gehaltenen Reiseberichte - allein vier Briefe schildern ihre ganz persönlichen Eindrücke und kleinen Erlebnisse in Bad Kissingen - erschienen 1844 in England als Buch. Doch eine deutsche Übersetzung gab es bisher nicht. Erst jetzt, anlässlich des 200. Jahrestages der Erstausgabe ihres erst nach Jahrzehnten zum Weltbestseller gewordenen Gruselromans "Frankenstein oder Der moderne Prometheus", der im Januar 1818 noch anonym erschienen war, veröffentlichten gleich zwei Verlage deutsche Übersetzungen: Der Morio-Verlag brachte im Januar ein einbändiges, nur 200-seitiges Buch "Streifzüge durch Deutschland" mit den allein Deutschland betreffenden Briefen, der Corso-Verlag eine zweibändige Komplettausgabe des vollständigen Reiseablaufs.

Die 45-jährige, schon seit 20 Jahren verwitwete Schriftstellerin, die dank der Einnahmen aus den Verkäufen ihrer sieben Romane und anderer Publikationen ein finanziell gesichertes, wenn auch bescheidenes Leben führen konnte, litt nach dem Unfalltod ihres Mannes Percy (1822) und dem Verlust dreier Kinder - "Verluste, die mein ganzes Leben veränderten" - an Schwermut, Depression und Nervenleiden. Ihr einzig überlebender, inzwischen 22-jähriger Sohn Percy Florence, der in Cambridge gerade im Februar 1842 sein Examen gemacht hatte, forderte seine kränkelnde Mutter nun ein zweites Mal auf, ihn und seinen Studienfreund Andrew Alexander Knox auf einer mehrmonatigen Europareise zu begleiten. Mary Shelley kam dieser Aufforderung nach und nahm ihr Dienstmädchen zur Begleitung mit.
Am 12. Juni 1842 verließen sie London und reisten über Antwerpen und Lüttich, Köln und Koblenz nach Mainz und Frankfurt. Es war die Zeit des großen Umbruchs, die Zeit der Industrialisierung, die sich auch auf den Komfort des Reisens positiv auswirkte. Statt langsamer Kutschen nutzte man jetzt auf Fernstrecken die bequemeren Dilligence-Schnellpostkutschen - gewissermaßen die ICE damaliger Zeit - , statt wie noch auf der Mosel im gecharterten Ruderboot fuhr die kleine Reisegruppe auf dem Rhein jetzt mit dem Dampfschiff, das sogar zur Betrübnis Shelleys von einem noch schnelleren überholt wurde. Ab Mainz wurden sie auf einer der ersten Eisenbahnstrecken mit der Geschwindigkeit von erstaunlichen 35 Stundenkilometern "gen Frankfurt geschleudert". Bei derart rasanter Fahrt riefen erschrockene Fahrgäste so manches Mal aus den offenen Waggons dem auf seiner Lokomotive im Freien stehenden Lokführer zu, er möge doch um Himmels willen langsamer fahren.

Während Shelley die bis Frankfurt bereisten Landschaften weitestgehend schon von ihrer zwei Jahre früheren Europatour kannte, war sie nun auf Neues gespannt: "Ich breche in völlig neue Eindrücke auf." Eine Mietkutsche brachte die Gruppe in zwei Tagen und einer bei dieser 130 Kilometer langen Wegstrecke notwendigen Zwischenübernachtung in Lohr am Main nach Kissingen. In Lohr gab es eine besonders herbe Enttäuschung für die Engländerin: Im Gasthaus gab es kein Brot - "ein ganz und gar außergewöhnlicher Umstand in Deutschland, will mir scheinen, denn ich habe die besonderen Genüsse exzellenten Brotes stets genossen und gepriesen, selbst wenn alles andere nichts taugte."
Während sie am nächsten Tag über die Hügel von Hammelburg ins Tal fuhren, "blickten wir mit neugierigen Augen auf Kissingen. Es sah nach einem kleinen Dorf aus, das an den Ufern der Saale mit einigen wenigen großen Häusern durchsetzt war." Die Kutsche wird über die neue erst, erst 1837 von Friedrich von Gärtner fertiggestellte Ludwigsbrücke in die Stadt eingefahren sein. Die erste Nacht logierte die Gruppe im komfortablen Kurhaushotel, suchte sich aber bei dem für die Zimmervermittlung zuständigen Commissaire des Voyageurs eine Unterkunft für vier Wochen. Ordnungsgemäß wurden die Reisenden in die Kurliste vom 20. Juni 1842 unter der Nummer 674 eingetragen: "Herr P. Flor. Shelley, Rentier [Percy erhielt von seinem Großvater Sir Tomothy Shelley eine jährliche Rente von 400 Pfund], mit Madame Maria Shelley aus London". Darunter ist als Nummer 678 "Herr Andrew Alex. Knox und eine Kammerjungfer" vermerkt. In der späteren Druckversion ist aus Shelley der Name Schelley geworden.
Im Kurhotel wurde in Kürze Königin Pauline von Württemberg erwartet, weshalb nur noch für eine Nacht Zimmer verfügbar waren. Doch ohnedies hätten sich Shelley und ihr Sohn das komfortable Grandhotel auf Dauer finanziell nicht leisten können. So wurden sie ins Gästehaus von Ludwig Frieß vermittelt. Der Secretär des Badcommissariats hatte erst 1840 sein Haus mit 30 Gästezimmern, vier Badekabinen - "unvorteilhaft eingerichtet und überaus schmutzig" - sowie fünf Pferde-Stallungen als eines der ersten jenseits der Saale bauen lassen, nachdem 1824 König Ludwig I. den Erlass ausgegeben hatte, Kissingen solle doch seine einengende Stadtmauer niederreißen, um sich komfortabel ausdehnen zu können. Später wurde aus dem Frieß-Haus das Hotel Bristol, das man heute als Hotel Wyndham Garden kennt. Doch obwohl damals ein Neubau, schien der Schriftstellerin "die Bleibe ein bißchen karg an Möblierung." Auch die Sauberkeit ließ anscheinend zu wünschen: "Wir wollten, dass die Böden gewischt würden, denn sie sahen ungesund aus."
Ihr erster Spaziergang führte Shelley in den Kurgarten, der während der Bauphase des 1838 eröffneten Arkadenbaus mit dem Conversationssaal von Baumeister Friedrich von Gärtner umgestaltet worden war. Die auffallende Konstruktion der gerade erst im Vormonat zur Saison 1842 eingeweihten gusseisernen Brunnenhalle Gärtners, die damals als herausragendster Brunnenbau aller europäischen Kurbäder galt, versuchte Shelley in ihrem Bericht zu beschreiben: " liegen die Quellen in einer Art gepflastertem Hof, der etwa sechs Meter unter der Erdoberfläche liegt; ein niedriges Eisengeländer umzieht den Hof, und sie sind mit einem hellen, durchbrochen gearbeiteten Drahtdach bedeckt. ....". Weiter heißt es: "Von sechs bis acht Uhr morgens spielt ein Orchester unter den Bäumen, ebenso von sechs bis acht abends. Dies sind die Stunden, in denen die Besucher hier wandeln und Wasser trinken. .... Alle Deutschen stehen um vier Uhr morgens auf und ziehen bis kurz vor acht durch den Park [Kurgarten], um die Heilwasser zu trinken."

"Ich stecke inmitten meiner cur und wir alle inmitten der Behandlung eines Regimentes von kranken Leuten", missfällt es Shelley am 4. Juli im Badeort. Um dem "deprimierenden Anblick der Kranken" zu entgehen, wandert sie nach dem Trinken des Heilwassers in die Wiesen am Saaleufer. "Diese Wasser enthalten nicht nur Salze wie die in Karlsbad, auch nicht nur Eisen, sondern eine dünnere Kombination aus beidem. Ich glaube, dass sie der Wiedererlangung der Gesundheit sehr förderlich sind. Freilich muss man sie in Abstimmung mit einem Arzt einnehmen."
Anders als vielleicht in späteren Jahrzehnten der geselligeren Sommerfrische führten zu Shelleys Zeit die Badeärzte ein unliebsam strenges Regiment und verboten alles Schmackhafte. Mit einem "Crescendo des Entsetzens in der Stimme" schimpfte ihr Arzt eines Morgens am Frühstückstisch über ihren Genuss von "Butter! Erdbeeren! Tee! Milch!" und räumte "diese kargen Luxusgenüsse" sofort vom Tisch. "Ich blieb mit ein bißchen Brot und Wasser zurück!". Allgemein bemängelte sie: "Denn das Essen, das sie uns auftischen, ist dermaßen unappetitlich, das wir wirklich gerade das zu uns nehmen, was zum Leben unerlässlich ist."
Mary Shelley und ihre Reisegefährten waren beim Frühstück nicht die einzigen Engländer. Ende Juni konnte man in "Die bayerische Landbötin" lesen: "Bis zum 23. Juni waren in Kissingen 1373 Badegäste angelangt, darunter 210 aus England, ..." Da man sich, wie Shelley erfahren musste, auf Französisch kaum und auf Englisch gar nicht verständigen konnte, hatte die bayerische Regierung wegen der wachsenden Zahl britischer Gäste den zwei Londoner Ärzten Nathaniel Allan Travis und Augustus Bozzi Granville erlaubt, alljährlich während der Kursaison von Mai bis September in Kissingen zu praktizieren. Zu einem Gutteil hatte Granville selbst zum Engländer-Boom beigetragen mit seinem 1838 erschienenen Werk "The Spas of Germany". Sein Buch "erweiterte unsere Kenntnisse in Bezug auf die deutschen Badeorte und erhöhte besonders die Reputation derjenigen in Bayern. Kissingen hat auf diese Weise rasch allgemeine Bekanntheit erlangt, und bald werden die Engländer, die in Scharen hierher strömen, die Verhältnisse, die wir noch vorgefunden haben, verändern." Shelley fürchtete einen schnellen Anstieg der Preise, zumal sie schon anderenorts in Deutschland erlebt hatte, dass Gastwirte, Kutscher und andere touristische Dienstleister den schnell wachsenden Tourismus moderner Prägung ausnutzten und Preise oft nach Gutdünken und äußerer Erscheinung der Reisenden festlegten.
Nach einem abschließenden Ausflug ins benachbarte Bad Bocklet - "Das Wasser schmeckt nach Tinte, aber ich fand es angenehm" - reisten "Madame Schelley mit Herrn Sohn aus London", so der Vermerk in der gedruckten Kurliste, irrtümlich unter dem 25. Juli, nach vierwöchigem Aufenthalt am 18. Juli mit einem Stoßseufzer nach Brückenau weiter: "Endlich haben wir Kissingen verlassen." Ein paar Tage später schrieb sie: "Obwohl wir, solange wir dort waren, das Beste aus allem gemacht haben, finden wir im Rückblick, dass es keine erfreuliche Zeit gewesen ist." Vor allem das unzureichende Speisenangebot war ihr im Gedächtnis geblieben, wofür Brückenau zum Glück entschädigte: "Wir kamen zur Essenszeit an, setzten uns im Kursaal an die reich gefüllten Tische zum Mittagessen nieder, das um einiges besser war als das, was uns in Kissingen erlaubt wurde." Von Brückenau reiste die vierköpfige Reisegruppe über Leipzig nach Berlin, von dort über Dresden und Prag weiter bis zum endgültigen Reiseziel Italien.

Informationen zu den Büchern:
Einbändige Kurzfassung: Mary Shelley: "Streifzüge durch Deutschland", Morio-Verlag, gebunden, 200 Seiten, Preis 19,95 Euro, ISBN 978-3945424650;
Zweibändige Ausgabe: Mary Shelley: "Streifzüge durch Deutschland und Italien. In den Jahren 1840, 1842 und 1843", Corso-Verlag, gebunden, jeweils 255 Seiten, Preis jeweils 24 Euro, ISBN 978-3737407427 (Band 1) und ISBN 978-3737407458 (Band 2).