Als wir im Gespräch klären wovor Menschen manchmal Angst haben, fallen die Stichworte Krieg, Krankheiten, Tod, - bis auf einmal eine Schülerin sagt: "Ich habe Angst den Übertritt ins Gymnasium nicht zu schaffen." Von einem Moment auf den anderen hat sich die Atmosphäre im Klassenzimmer verändert. Viele Schüler nicken zustimmend, die Gesichtsausdrücke zeigen mir, dass sich viele von diesem Thema betroffen fühlen.
Als Religionslehrerin kann ich auf die Stimmung der Schüler eingehen, ich kann mir die Zeit nehmen und mit ihnen über die "Ungerechtigkeit" reden, wie sie es nennen, dass es jetzt "um alles geht". Deutlich reden einige davon, dass sie Angst davor haben ihre Freunde zu verlieren, andere von der Angst den Erwartungen ihrer Eltern nicht gerecht zu werden.
Am Nachmittag bin ich im Krankenhaus, in dem ich in der Klinikseelsorge arbeite. Auf der Kinderstation treffe ich häufig Mütter an, die sich um ihr krankes Kind sorgen. Im Gespräch mit einer Mutter, deren Junge seit einigen Tage zur Untersuchung in der Klinik liegt, fällt plötzlich folgender Satz: "Ausgerechnet jetzt wird er krank, hoffentlich wirkt sich das nicht auf seine Noten aus, wir wissen doch wie wichtig die vierte Klasse ist..."
Der Junge schaut mich nur betroffen an. Er hat schon seit einiger Zeit immer wieder krampfartige Bauchschmerzen, aber bisher wurde keine organische Ursache gefunden. Unwillkürlich muss ich an die vierte Klasse vom Vormittag denken. Ich versuche mit der Mutter im Gespräch herauszufinden, wie sie für sich und ihrem Kind den Druck vor einem Übertrittszeugnis nehmen kann, welche Alternativen sie sich für ihr Kind vorstellen kann.
Zwei Tage später auf der Unfallchirurgie. Ich betrete ein Patientenzimmer, in der eine Frau alleine liegt. Sie hat ihren Arm gebrochen. Sie berichtet, dass sie in einer Kurklinik untergebracht war, bis sie gestolpert ist und sich beim Sturz den Arm gebrochen hat. Nach und nach erzählt sie mir ihre Geschichte: Lehrerin an der Grundschule, die in der dritten und vierten Klasse unterrichtet. "Ich bin mir nicht sicher, ob ich weiter in diesem Beruf bleibe" sagt sie. "Ich bin hier auf einer Kur, um es herauszufinden". Sie wird wegen Burn-out behandelt. Sie berichtet von dem Druck, als Lehrer Anfeindungen von Eltern ausgesetzt zu sein, sie erzählt davon wie schwer es ihr selber oft fällt, den immer stärkeren Anforderungen zeitlich gerecht zu werden. "Ich wollte immer Lehrerin werden, weil ich Kinder liebe," sagt sie "aber heute hasse ich den Druck, den ich durch das Schulsystem spüre - den Druck bei mir, bei den Kindern und bei den Eltern."
In der Woche darauf habe ich am Mittwochvormittag Ethikunterricht an der Krankenpflegeschule. Hier unterrichte ich als Seelsorgerin die Pflegekräfte im 3. Ausbildungsjahr unter anderem in der Gesprächsführung mit Schwerkranken und Sterbenden. Vor mir sitzen ehemalige Abiturienten, Schulabgänger mit Mittlerer Reife oder junge Menschen, die schon ihren zweiten Beruf erlernen. Wie gehe ich mit einem Menschen um, der nur noch eine begrenzte Zeit zu leben hat, der den Tod vor Augen sieht? In der Arbeit mit den jungen Pflegekräfte ist spürbar, dass es keine Rolle spielt, ob jemand nun Abitur hat oder besonders gute Noten in der Ausbildung. Hier ist gefragt wer Einfühlungsvermögen hat, wer umgehen kann mit Frustration, Leid und Versagen. Wer nicht nur stark im Kommunizieren ist, sondern auch Stille aushält und fähig ist, sich auf die Gefühle seines Mitmenschen einzulassen. Patienten melden mir oft zurück wie gut oder wie unverstanden sie sich behandelt fühlen - übrigens gilt dies auch für die Behandlung durch Ärzte.
Mit einer halben Stelle in der Schule und mit der anderen halben Stelle in der Klinik, das kommt nicht oft vor auch bei uns kirchlichen Mitarbeitern. Durch meine Tätigkeit in beiden Arbeitsfeldern habe ich erkannt, dass unser Schulsystem nicht nur krankt, sondern viele Menschen auch krank macht. Als überzeugte Christin bin ich der Meinung, dass dieses System nicht mehr christlich ist. Wenn es sich so weiter entwickelt, empfinde ich es sogar als menschenunwürdig. Während der interreligiöse Dialog immer mehr zunimmt, das Verständnis für andere Religionen, spirituellen Ausrichtungen und auch den Bereich der Esoterik wächst, sehe ich, dass unsere christlichen Werte mehr und mehr verloren gehen.
Dass der Mensch mehr wert ist als seine Leistung versuche ich immer wieder im Religionsunterricht zu vermitteln. Aber solange unsere Schulpolitik das Gegenteil lehrt, stoße ich damit an meine Grenzen und begrenzt dieses System viele Menschen (Schüler, Eltern, Lehrer und Schulleiter gleichermaßen) in ihrer Lebensqualität. Gabriela Amon