Tränen, Wut und Trauer zeigten die Gesichter der in der Kurstadt lebenden Ukrainerinnen, die sich auf Einladung von Olena Albert am Samstagabend mit Landesflaggen und selbst gemalten Plakaten zur Solidaritätskundgebung auf dem Marktplatz eingefunden hatten. Fassungslos und still hörten sich bis zu hundert Kissinger, manche mit Kerzen in den Händen, deren improvisierte Reden und Aufrufe an.

Dankbar für Anteilnahme

"Am Donnerstag standen wir hier noch ziemlich allein", zeigte sich Olena Albert, die 1999 aus Saporischschja im Südosten der Ukraine nach Deutschland emigrierte, dankbar für die große Anteilnahme der Kissinger. In diesen Tagen bangt sie um das Leben ihres Vaters und Bruders mit Familie in der Ukraine. "Wir haben zwei Tage lang pausenlos geweint und leben jetzt in einem Schockzustand", beschrieb sie ihre Gefühle und die ihrer sie umstehenden Landsleute. Sie selbst sei anfangs keine Anhängerin des ukrainischen Präsidenten Selenskyj gewesen, "aber jetzt sind wir Ukrainer uns alle einig".

"Wir Ukrainer sind ein freiheitsliebendes Volk. Wir sind stolz auf unsere Soldaten, die unser Land verteidigen." Albert erinnerte an das Jahr 2014, die Demonstrationen auf dem Majdan-Platz in Kiew: "Wir haben damals nicht für Lohnerhöhung gekämpft, sondern für die Demokratie." Bald folgten die russische Annexion der Krim-Halbinsel sowie die Besetzung der beiden östlichen Provinzen Donezk und Luhansk durch russische Separatisten. "Wir haben nicht erst seit Donnerstag Krieg", rief Albert den Kissingern ins Bewusstsein. "Wir haben seit acht Jahren Krieg." Doch die jetzige Situation sei eine "Gefahr für Europa und die ganze Welt".

Nach Abspielen der deutschen und ukrainischen Nationalhymnen sowie der Europa-Hymne meldeten sich einige ihrer Landsleute spontan mit aufwühlenden Worten: "Ihr müsst nicht kämpfen, aber hört nicht auf, uns zu unterstützen." Auch eine aus Putins Heimatstadt Sankt Petersburg stammende Russin, die den Machthaber noch aus jungen Jahren kennt, warnte: "Putin ist falsch: Er sagte das Eine und macht das Andere." Sie habe Angst vor seinen weiteren Expansionsplänen.

"Wir kämpfen für ganz Europa"

In einem zuvor mit einem Freund in der Ukraine vereinbarten Handy-Telefonat Alberts berichtete dieser über den Stand der Kriegssituation. "Wir brauchen Unterstützung aus der ganzen Welt", bat er die deutsche Bevölkerung, auf ihre Regierung Druck auszuüben: "Wir können selbst kämpfen, aber wir brauchen Waffen. Wir kämpfen nicht nur für die Ukraine, sondern für ganz Europa."

Erste Tote im ukrainischen Kampf für Europa hatte es bereits 2014 bei den Demonstrationen auf dem Majdan-Platz in Kiew gegeben. Zum Gedenken daran warf sich eine Ukrainerin beim Abspielen der Majdan-Hymne zum Gebet auf den Bad Kissinger Marktplatz - bedeckt mit der ukrainischen Staatsflagge.