Für eine Überraschung sorgt die Kissinger Musikwerkstatt bei ihrem Weihnachtskonzert am Nikolaustag (Sonntag, 6. Dezember) in der Bad Bockleter Wandelhalle (Beginn 16:30 Uhr, Eintritt frei). Nicht nur die eigenen Musikschüler spielen weihnachtliche Weisen, sondern erstmals konzertieren sie bei einigen Liedern gemeinsam mit Bewohnern des Bastheimer Simonshofes.

"Immer wenn 'Ensemble' auf dem Zettel steht, sind die Musikanten vom Simonshof dabei", erklärt Werkstattleiter Werner Rieck die Abfolge der musikalischen Darbietungen mit Klavier, Akkordeon und Gitarre. Die neun Hofbewohner und ihre drei Betreuer begleiten dann die fünf Werkstattmusiker mit Schlag- und Rhythmusinstrumenten bei bekannten Weihnachtsliedern wie "Rudolph, The Red Nosed Reindeer", "O du fröhliche" oder "Shalom Chaverim".


Mit den Tomtom begonnen

Konzentriert und immer noch leicht angespannt sitzt Ludwig (73) während der letzten Probe vor dem Bühnenauftritt hinter der großen Trommel und versucht, beim Lied "Es ist ein Ros' entsprungen" den Takt zu halten. "Er hat sich beim ersten Treffen hinter die Tomtom gesetzt und seitdem spielt er sie", scherzt Rieck. Mit Musik hatte Ludwig bisher nichts zu tun. Aber als im Frühjahr Teilnehmer für ein hausinternes Musikprojekt gesucht wurden, hat er sich sofort gemeldet. "Das ist doch mal etwas anderes", meint der gelernte Maurer, der vor acht Jahren im Simonshof eine neue Heimat und Gemeinschaft fand.


Erstes Treffen vor neun Monaten

Seit Mai trifft er sich nun schon mit den anderen zum wöchentlichen Musizieren. Mit von der Partie ist eine Sozialpädagogin, die im Rahmen ihrer Bachelor-Arbeit über die "Integration wohnungsloser Menschen" die Idee zu diesem ungewöhnlichen Projekt hatte und den Kontakt zu Musiklehrer Rieck herstellte, sowie Stefan Gerhard, stellvertretender Leiter der Caritas-Einrichtung. "Bei unseren Bewohnern sind alle menschlichen Beziehungen abgerissen", erklärt dieser den Sinn des Projekts. "Nach einer Phase der Vereinsamung muss man erst wieder zu kommunizieren und miteinander zu arbeiten lernen." Dazu eignet sich gemeinsames Musizieren. Gerhard: "Man muss als Solist mal hervortreten, dann aber wieder ins Ensemble zurück."

"Man spricht hier miteinander", freut sich auch Dirk (58) über die regelmäßige Probenarbeit. Der gelernte Speditionskaufmann mag Musik. Bevor er vor fast sechs Jahren in den Simonshof kam, hatte er schon manches Mal auf dem Keyboard gespielt oder Karaoke gesungen. Aber Noten lesen kann er immer noch nicht. Bei Projektbeginn hatte Dirk erst einmal einige Instrumente ausprobiert, ist dann aber bei den Bongos geblieben. "Da bekomme ich die besten Rhythmen raus."


Erfahrungen mit dem Tenorhorn

Weit mehr Erfahrung im Konzertieren hat Christoph (33). Der gelernte Metallbauer hat früher mal das Tenorhorn geblasen, war sogar Mitglied eines 60-Mann-Orchesters und erinnert sich gern an frühere Auftritte. Im Projekt muss er sich mit der kleinen Trommel begnügen. "Aber ich gebe ihm die schwierigsten Rhythmen", meint Werner Rieck. Dass er seinen Kameraden musikalisch voraus ist, stört Christoph nicht, der erst vor einem Jahr nach Bastheim kam. "Wir sind hier eine eingefleischte Truppe und machen das Beste draus", freut er sich über das gemeinsame Proben.


Staunen über die Fähigkeiten

"Es ist phänomenal, welche Fähigkeiten sich bei jedem Einzelnen zeigen", staunt Sozialpädagoge Gerhard nach sechsmonatiger Arbeit. Er macht als Hobbymusiker an der Bassgitarre mit. Voller Spannung warten Ludwig, Dirk und Christoph nun gemeinsam mit den anderen auf ihren Auftritt. Nicht jedem der Bewohner fällt dieser Schritt in die Öffentlichkeit leicht. "Man gewöhnt sich aber dran", bekennt Ludwig sehr gelassen. "Wir sind frohen Mutes", ergänzt Dirk zuversichtlich. "Es wird am Sonntag klappen."