Diese Worte waren schon längst fällig: Am Wochenende bat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier öffentlich um Vergebung für die Verbrechen und Diskriminierung gegenüber Homosexuellen während und noch Jahrzehnte nach der NS-Zeit. Was halten Homosexuelle aus dem Landkreis Bad Kissingen von seinen Worten? Eine historische Geste mit großer Strahlkraft oder doch nur eine nette Sonntagsrede?

"Endlich sagt es mal einer!", findet Schauspieler Jens Müller-Rastede. Der gebürtige Oldenburger lebt mit seinem Partner Rainer Mößner in Münnerstadt. 2014 haben die beiden nach drei Jahrzehnten Beziehung geheiratet. "Ich bin jetzt 72 Jahre alt und habe diese Zeit noch miterlebt, diese angstbesessene Atmosphäre in größeren Städten." Damit meint Rastede die Zeit des Paragrafen 175, der "sexuelle Handlungen" zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren als strafbar auswies. Anlass für Steinmeiers Ansprache war der zehnte Jahrestag eines Denkmals, das 2008 im Berliner Tierpark in Erinnerung an die von Nationalsozialisten Verfolgten eingeweiht wurde. Auch dass diese Entschuldigung schon viel früher hätte kommen müssen, gab Steinmeier zu.

Als Berufsschüler in Bremen habe Rastede bei seinen Besuchen einer Schwulenkneipe die allgegenwärtige Angst vor der Polizei hautnah mitbekommen. Erst in den 1970er Jahren habe sich die Lage entspannt: "Da haben wir keine Angst mehr gehabt, sondern einfach gelebt." Wirklich Unangenehmes habe er als schwuler Mann nie erlebt. Diskriminierung und Anfeindungen in sprachlicher Form vereinzelt schon. Aber: "Dann hat man eben etwas dagegen gesetzt oder einfach nicht mehr miteinander geredet", sagt Rastede.

Rastedes Arbeit am Theater habe dazu beigetragen: Dort gingen schwule und lesbische Kollegen viel offener mit ihrer Sexualität um, erzählt er. Was er davon halte, dass der Paragraf 175 erst im Jahr 1994 aus dem Bundesgesetzbuch gestrichen wurde? "Das verstehe ich eben einfach nicht. Diese prüden 50er und 60er, da wird mir heute noch schlecht", echauffiert sich Rastede. Das homophobe Gedankengut der Nazizeit sei noch immer in vielen Köpfen gegenwärtig. "Ich verstehe nicht, warum politische Dinge so lange brauchen. Ich habe das Gefühl, dass die Leute viel freier sind als die Politik hinterherkommt."

Als sehr wichtig, aber auch mehr als überfällig bewertet Künstler Lothar Gärtner Steinmeiers Aussage. Es sei vor allem schade für diejenigen Opfer, die seine Rede nicht mehr miterleben können. "Wäre die Entschuldigung früher gekommen, hätte das vielleicht schon eher bei Schwulenhassern und Rhönbauern, die Angst davor haben, dass ihr eigener Sohn schwul sein könnte, zu einem Umdenken geführt", meint der 70-Jährige. Für Steinmeiers Verbeugung vor dem Berliner Denkmal zolle er ihm aber großen Respekt. "Das war ja fast wie eine Kranzniederlegung."

1998 kam Lothar Gärtner mit seinem Freund nach Bad Kissingen. "Da war ich schnell 'der schwule Maler', wie ich gehört habe", erinnert er sich. Was ihn besonders störe: Dauerbrenner à la "Wer ist bei euch der Mann und wer die Frau?" Und die Scheintoleranz mancher Leute, die nur solange währt, bis sich die eigenen Kinder outen. "Es ist Wahnsinn, wie dumm die Leute sind", kommentiert Gärtner. Er habe in Bad Kissinger mehrere Bekannte, die große Angst vor einem Outing hätten. An einen Effekt von Steinmeiers Worten glaubt er nicht. "Ich bin sehr skeptisch. Die ewig Gestrigen sterben nämlich nicht aus."

Ex-Dschungelcamper Matthias Fella ist da optimistischer: Er glaube daran, dass Steinmeiers Aktion helfen könne, viele Vorurteile aus der Welt zu schaffen. In seiner Heimatstadt habe der gebürtige Frankfurter nie das Gefühl gehabt, aufgrund seiner Sexualität diskriminiert worden zu sein. In seiner Wahlheimat Hammelburg sei das ein bisschen anders: "Da ist die Großstadt schon etwas weltoffener."

Für den Bad Kissinger Künstler Alexander Ruppert gehört Steinmeiers Entschuldigung zur Gleichberechtigung. "Dazu war Bundeskanzlerin Angela Merkel anscheinend bisher nicht fähig." Was er besonders gut findet: Steinmeiers Einsicht, dass die Entschuldigung schon zu lange auf sich warten ließ. "Das ist eine weitere Ungerechtigkeit, die nun aus der Welt geschafft wurde." Auf Facebook teilt Ruppert regelmäßig Videos, um auf Homophobie aufmerksam zu machen. "Es steht noch viel für uns aus. Besonders im Bereich Transgender, beispielsweise bei der Aufteilung von öffentlichen Toiletten oder den Zimmern in Krankenhäusern. Das hat noch nicht die Normalität, die es haben müsste."