Sie sind bereits längere Zeit als Trainer des HSC tätig. Über ihr Privatleben weiß man allerdings wenig.
Matthias Obinger:
Ich spreche nicht gerne öffentlich über mein Privatleben. Deswegen ist es ja privat. Viel Zeit bleibt ohnehin nicht übrig, wenn ich die Zeit an der Universität und die Zeit als Trainer addiere. Hinzu kommt noch die Zeit, die ich auf der Straße verbringe. Kurzum: Es ist schwierig, überhaupt ein geordnetes Privatleben zu führen. Das bleibt nahezu auf der Strecke. Mein beruflicher Werdegang ist schnell zusammengefasst. Ich habe in Würzburg Sportwissenschaften studiert. Anschließend war ich an zwei Schulen als Lehrkraft eingestellt, ehe ich in Verbindung mit der Kinderklinik der Universität Würzburg und dem Institut für Sportwissenschaften promoviert habe. Vor zwei Jahren habe ich die A-Lizenz des Deutschen Handball-Bundes mit Erfolg abgeschlossen.

Wie kamen Sie zum Handball?
Ich bin in einer handballverrückten Familie aufgewachsen. Ich bin als Kind nach Rimpar gezogen, und da war praktisch nur Handball angesagt, zumal mein Stiefvater Erich Kraus dort lange Jahre das Handballtor der DJK Rimpar hütete. So war es die logische Konsequenz, dass wir alle - meine zwei Brüder und meine Schwester - Handball spielten.

Der Job als Sportdozent umfasst ein weites Tätigkeitsfeld. Welches Spezialgebiet lehren Sie an der Uni Würzburg?
Ich bin in erster Linie für die Ausbildung im Handball für alle Schularten zuständig. Darüber hinaus lehre ich Trainingslehre, Gesundheitserziehung, motorische Entwicklung und Diagnostik.

Welche Ihrer wissenschaftlichen Arbeiten können Sie besonders in ihre Trainertätigkeit einfließen lassen?
Da gibt es einiges, was mir für die Arbeit beim HSC weiterhilft. Gerade im trainingswissenschaftlichen Bereich, insbesondere bei der Leistungsdiagnostik, gibt es große Schnittmengen. Aber auch im psychologischen und erziehungswissenschaftlichen Bereich lässt sich vieles einbringen.

Viele Profivereine, auch außerhalb des Handballs, haben Motivationstrainer engagiert. Eine Notwendigkeit oder müssten Sportler nicht von Natur aus immer motiviert sein?
Das lässt sich pauschal nicht sagen. Zu oft wird meines Erachtens vergessen, dass man mit Menschen und nicht mit Robotern arbeitet. Wenn man dann noch bedenkt, dass man bis zu 14 verschiedene Charaktere, unter Umständen aus unterschiedlichen Nationen, in einer Mannschaft hat, versteht es sich von selbst, dass es bei dieser Frage keinen Königsweg gibt. Es gibt viele Möglichkeiten, motivierend in eine Mannschaft einzugreifen. Wichtigstes Handwerkszeug ist aus meiner Sicht aber die Bereitschaft zur Selbstreflexion.

Der HSC ist bekannt für die Konditionsstärke seiner Spieler. Was unterscheidet Ihr Training von dem der Konkurrenten?
Ich kenne die Trainingspläne der Konkurrenz nicht. Meines Erachtens - und so verfahren wir seit einigen Jahren - macht es die Kombination aus individuellem und mannschaftlichem Konditionstraining. Den gesteigerten Anforderungen des Handballspiels mussten wir natürlich auch Rechnung tragen. Daher legen wir unsere Schwerpunkte im Mannschaftstraining verstärkt im Intervallbereich, welcher der Spielstruktur des Handballspiels am nächsten kommt. Darüber hinaus arbeiten die Spieler individuell mit unserem Athletiktrainer Carsten Pusch bis zu dreimal wöchentlich in diesem Bereich.

Ihr Augenmerk liegt auf einer starken Defensive. Wie trainiert man "Defensive"? Und was würden Sie dem Pirnaer Fan antworten, der zuletzt fragte: "Warum steht Bad Neustadt so kompakt, wir aber nicht"?
Abwehrspielen ist Einstellungssache und Kooperation zugleich. So etwas geht nicht von heute auf morgen. Wir haben auch eine Weile gebraucht, um erst einmal das passende System - wie bei uns das 5:1-System - zu finden. Ein gutes Deckungsverhalten muss demnach wachsen.

Sie sondieren ständig den Spielermarkt. Sehen Sie aktuell die Notwendigkeit, sich für die nächste Saison zu verstärken?
Auf alle Fälle. Ich stehe bereits mit diversen Kandidaten in Verbindung. Darüber hinaus ist unser Kader im Vergleich zur Konkurrenz relativ dünn. Allein deswegen schauen wir uns permanent um. Aber auch hier muss es passen. Schnellschüsse wären fatal. Dabei spielt der Charakter eine entscheidende Rolle bei der Wahl.

Ein Grund für die überragende Platzierung des HSC ist sicher auch, dass man in der Vorrunde weitgehend vom Verletzungspech verschont wurde. Nur Glück oder auch Auswirkung einer gewissen Trainingsmethodik?
Beides. Sicherlich gehört Glück dazu. Aber wir arbeiten auch verstärkt im präventiven Bereich. Manchmal ist weniger tatsächlich mehr.

Viele Vereine, auch der HSC, setzen zunehmend auf den eigenen Nachwuchs. Welche Junioren haben Ihrer Meinung nach das Zeug, Mitglied der Ersten Mannschaft zu werden?
Oftmals ist das keine Frage des physischen, sondern vielmehr des mentalen Könnens. Ich habe schon genügend Talente gesehen, die Talente geblieben sind, weil sie es vom Kopf her nicht geschafft haben, sich für höhere Aufgaben zu qualifizieren.

Viele Klubs beklagen eine massiven Zuschauerschwund. Worin sehen Sie die Gründe?
Es gibt zu viele Angebote drum herum. Nehmen Sie den Fußball als Beispiel. Da findet jeden Tag eine Liveübertragung statt. Wer geht da noch ins Stadion, wenn er das Spiel auch auf der Couch sehen kann? Den Leuten muss beim Besuch etwas geboten werden, was über das 08/15-Spiel hinausgeht. Es geht um Rahmenprogramme, um Events.

Ist ein Aufstieg des HSC in die 2. Bundesliga unrealistisch?
Unrealistisch will ich nicht sagen, vielmehr schwer realisierbar, da Rimpar schon eine sehr große Dominanz in dieser Liga ausstrahlt.

Welche Auswirkungen hätte ein Abstieg des TV Großwallstadt aus der 1. Bundesliga auf den unterfränkischen Handball?
Es wäre schade, wenn wir kein unterfränkisches Team dort hätten. Allerdings bietet ein Abstieg auch die Chance, sich neu aufzustellen.

Stellen Sie sich vor, Sie müssten ein Liga-"All-Star-Team" zusammenstellen. Wen würden Sie, mit Ausnahme von HSClern, berufen.
Im Tor stünde Max Brustmann (DJK Rimpar), auf rechts Tim Hornke und Matthias Musche (beide SC Magdeburg II), daneben der Auerbacher Matthias Werner, am Kreis Martin Doldan aus Aschersleben und schließlich Stefan Schmitt (Rimpar) und Steffen Cieszynski (Bernburg). Das Team würde mein Rimparer Kollege Jens Bürkle trainieren.