Von einer Power-Frau zur anderen wandert das Spielgerät. Weil auch Isabell Hergenröther gar nicht genug bekommen kann von allen möglichen Formen der Bewegung wie Trailrun, Mountainbiking oder jedwede Formen von sportlichen Workouts. Die 26-jährige Physiotherapeutin aus Bad Kissingen weiß jedenfalls, was ihr gut tut.

Wer hat Sie angespielt?

Isabell Hergenröther: Ich bekam den Ball von Lisa Hofmann zugespielt, einer früheren Trainingspartnerin von mir. Vor eineinhalb Jahren trafen wir uns zufällig beim Lauf "Rund um Rannungen" wieder und stellten fest, wie viele Gemeinsamkeiten wir doch haben und fanden uns quasi ein zweites Mal. Es festigte sich eine super Freundschaft mit gleichen Interessen. Ich bin mir sicher, uns erwarten noch viele Abenteuer (lacht).

Wie sieht Ihr Laufweg aus?

Ich begann mit der Leichtathletik als Achtjährige auf Breitensport-Niveau. Als ich meine Stärke im Ausdauerbereich zeigte, bin ich die 800 Meter gelaufen und habe auch Crossläufe absolviert. Meine Karriere habe ich meinem damaligen Trainer Reinhold Nürnberger zu verdanken, der mich auch als 400 Meter Hürdenläuferin trainierte. Ich habe diese Herausforderung zwischen Gas geben und den Rhythmus finden geliebt. Über diese Distanz war ich dreimal bayerische Meisterin, über die 400 Meter flach zweimal. Und einmal sogar deutsche Vizemeisterin. Durch Lisa und die allgemeine Professionalität im Training war ich angestachelt und mein Ehrgeiz geweckt, um auch in das deutsche Nationalteam zu kommen.

Es heißt, Sie würden voller Energie stecken. Stimmt das? Und wie äußert sich das?

Ja das stimmt. Ich brauche meine tägliche Dosis Bewegung und den Adrenalinschub, das gibt mir Energie. Ich liebe es, neue Dinge auszuprobieren und kleine und große Abenteuer zu starten, um Grenzen auszuloten und zu verschieben. So habe ich diesen Winter auch mit Eisbaden begonnen. Zum Auftanken komme ich in die Natur, die ich in Zeiten von Corona entweder mit Trailruns querfeldein, mit dem Mountainbike oder in der Stille bewandert habe.

Ein Schuss Wagemut ist offensichtlich auch dabei, weil sie zum Beispiel gerne zum Klettern gehen.

Ein "Das geht nicht" gibt es bei mir nicht. Alles ist möglich - so lautet meine Devise. Das Klettern habe ich erst vor zwei Jahren entdeckt. Ich liebe die Berge, die Natur. Aus eigener Kraft Schritt für Schritt die Höhen zu erklimmen, erfüllt mich zutiefst. Beim Klettern kann ich das wunderbar miteinander verbinden: die Höhe, das Adrenalin und den totalen Fokus auf das Hier und Jetzt. Ich genieße zudem Gespräche mit naturverbundenen Menschen. Ich gehe mit Neugier und Ehrfurcht durch die Welt und sauge alles auf.

Dabei sollen Sie früher eher eine schüchterne Person gewesen sein...

Ja, ich war schüchtern und introvertiert. Es fiel mir schwer auf andere zuzugehen, doch durch den Sport und die Erfolge hat sich mein Selbstbewusstsein enorm entwickelt. Und ich habe gelernt, bei Wettkämpfen sicher aufzutreten. Dass ich mit den ersten Titeln als Favoritin in Wettkämpfe ging, hat mich im positiven Sinne unglaublich geprägt.

Gibt es etwas, was Ihnen nicht geheuer ist oder wovor Sie gar Angst haben?

Nein, ich habe vor nichts Angst. Ich bin voller Urvertrauen dem Leben gegenüber. Dass alles so kommt, wie es kommen soll, dass wir an Aufgaben wachsen und uns weiter entwickeln. Das Leben stellt einem nur die Aufgaben, die wir zu diesem Zeitpunkt bewältigen können. Daran glaube ich zutiefst.

Sie sind wie Lisa Hofmann Physiotherapeutin, geben aber auch Kurse. Was genau bieten Sie da an?

Richtig. Ich biete zum Beispiel Pilates- Kurse an. Ich wollte meine sportliche Begeisterung mit anderen Menschen teilen, wollte diese inspirieren und motivieren. Pilates ist für mich perfekt, weil ich meine kreative Ader ausleben kann. Ich erfinde neue Übungsabfolgen, halte die Balance zwischen Anspannung und Entspannung und liebe den Blick in die Gesichter der Teilnehmer nach der Stunde: ausgepowert, aber auch erholt.

Lesen Sie auch Lisa Hofmann im Steilpass-Interview

Sie sollen ein Talent dafür haben, andere Menschen zu motivieren. Läge da nicht auch eine Trainer-Karriere nahe?

Aktuell möchte ich mich selbst noch mehr erfinden, meine eigenen kleinen und großen Ziele erreichen. Aber wer weiß, später einmal könnte ich es mir durchaus vorstellen.

Andererseits sind Sie noch jung genug für eine Rückkehr auf die Bahn. Gibt es diesbezüglich vielleicht Pläne?

Das Laufen und die Erfahrung aus dem Leistungssport lasse ich in mein eigenes Training einfließen. Ab und zu werden die Spikes geschnürt und ein paar Hürden überlaufen, da besuche ich gerne die Trainingsgruppe vom Reinhold und bin erstaunt, wie automatisiert der Bewegungsablauf noch ist. Herausforderungen suche ich gerne bei kleinen Laufveranstaltungen. Einen Halb- oder ganzen Marathon habe ich ganz oben auf meiner To-Do-Liste stehen, am liebsten vor einer Bergkulisse.

Ihr Heimatverein ist der TSV Bad Kissingen, Sie sind aber auch schon für den LAC Erfurt und Quelle Fürth gestartet. Was haben Sie aus dieser Zeit für sich an Erfahrung mitgenommen?

Dass auch bei den vermeintlich größeren Vereinen nur mit Wasser gekocht wird. Fürth und Erfurt haben tolle Möglichkeiten mit einer Leichtathletik-Halle im Winter oder hochmoderne Leistungsdiagnose-Zentren. Aber entscheidend ist die Anpassungsfähigkeit an die vorhandenen Möglichkeiten. So haben wir in Bad Kissingen im Winter Sprints über den Schweizerhaus-Steg gemacht, weil der Untergrund einer Hallenbahn am nähesten kam. Meine erfolgreichste Phase hatte ich beim TSV, und das habe ich meinem Trainer Reinhold Nürnberger und seinen sehr individuellen Trainingsplänen zu verdanken.

Sie gelten als zielstrebige, willensstarke und fleißige Person. Was würden Sie sich leistungsmäßig denn noch zutrauen?

Wenn ich mir einen Trainingsplan machen würde, würde ich den auch durchziehen, komme was wolle. Fleiß und Durchhaltevermögen sind die Zutaten, die mich soweit gebracht haben. Bei sechs Trainingseinheiten in der Woche muss man Prioritäten setzen. Weil ich die Kleinste war und nicht unbedingt die mit den schnellsten Füßen, habe ich mir vieles hart erarbeiten müssen. Meine aktive Leichtathletik-Laufbahn ist für mich abgeschlossen, was aber nicht ausschließt, dass ich ab und zu mal die Spikes schnüre und über ein paar Hürden laufe.

Bereits als 16-Jährige waren Sie deutsche Vizemeisterin, haben für Deutschland sogar einen Länderkampf gegen Polen bestritten. Haben Sie Ihre ganzen Medaillen und Urkunden aufgehoben?

Ja natürlich. Sie liegen bei mir zuhause in einer Glasvitrine, die schönsten sind aufgestellt. Und meine Eltern und Großeltern haben alle Zeitungsartikel gesammelt. Ich empfinde viel Dankbarkeit für das, was ich erreichen durfte.

Ein emotionales Highlight war sicher Ihre Teilnahme an den europäischen Jugendspielen in der Türkei.

Oh ja, das war toll und Aufregung pur. Das wurde wie Olympische Spiele aufgezogen mit Sportarten wie Handball oder Volleyball. Wir waren eine sehr große Truppe und ich habe die immense Unterstützung vom ganzen Team gespürt, was mich noch mehr mit Stolz erfüllt hat, im Nationaltrikot starten zu dürfen. Neben dem Wettkampf war die schönste Erfahrung, sich gegenseitig anzufeuern, dieses Gefühl von Miteinander zu erleben.

Stimmt es, dass Sie in einem Zimmer mit einer Diskuswerferin waren, die noch mehr Appetit hatte als Sie?

Ja, das stimmt (lacht). Da war ich mal nicht diejenige mit dem unersättlichen Magen.

An wen spielen Sie weiter?

An Nell Pia Ostwald, die ich im Power- Pilates-Kurs als sehr ehrgeizige und starke Frau kennenlernen durfte und die eine sportlich begeisterte Frohnatur ist. Ich merkte schnell, dass sie aus einem leistungsorientierten Sport kommt. Sie hatte bei den Übungen den nötigen Biss und ein super Körpergefühl.