Der Rücktritt von Mesut Özil aus dem Nationalteam beschäftigt ganz Deutschland - auch türkischstämmige Spieler und Trainer aus der Region. Eine Mini-Umfrage zeigt: Der Schritt des 29-Jährigen stößt auf Verständnis. Es setzt aber auch Kritik, vor allem am DFB. Und an Özil selbst.

Ahmet Coprak spielt beim Bezirksligisten TSV Münnerstadt im Mittelfeld. Für den Rücktritt Özils äußert er "vollstes Verständnis". Er findet, man solle Sport und Politik nicht vermischen, wie es im Fall des zurückgetretenen Nationalspielers geschehen sei. Özil verbringe jedes Jahr seinen Urlaub in der Türkei. Und treffe sich dort regelmäßig mit Präsident Recep Tayyip Erdogan - inklusive offiziellem Foto. Dass das Bild dieses Jahr ausgerechnet kurz vor der Weltmeisterschaft entstand, hält Coprak für "vom Zeitpunkt her falsch".

Was den TSV-Spieler ärgert ist, dass es besonders in den sozialen Netzwerken nicht darum geht, Özil fußballerisch zu kritisieren. Es werde nur auf seine Herkunft abgezielt. Außerdem: "Deutschland hat die WM nicht nur wegen Özil verloren." Andere Spieler wie Thomas Müller und Toni Kroos seien überhaupt nicht kritisiert worden. Auch sie hätten schlecht gespielt. Nun werde alles auf Mesut Özil geschoben. "Man darf ihn als Menschen nicht vergessen und was er für Deutschland geleistet hat", sagt Coprak.

Olcay Epcelli, in der vergangenen Saison noch Trainer beim TSV Rothhausen/Thundorf, findet, Özil hätte "sich nicht so in die Politik reinziehen lassen" dürfen. Emre Can habe ja auch den Pressetermin mit Erdogan abgesagt. Hätte Özil ähnlich gehandelt oder hätte er gleich gesagt, wie er zu den Fotos steht, wäre die Sache in den Medien wohl nicht so hochgekocht. Vielleicht wäre er dann gar nicht mit zur WM gefahren.

Auch eine frühe Stellungnahme des DFB hätte die Diskussion wohl entschärft, meint Epcelli, der seinem Team noch als Stand-by-Spieler zur Verfügung steht. Jetzt aber Mesut Özil für das schlechte Abschneiden der gesamten Mannschaft bei der WM verantwortlich zu machen, findet er auch nicht okay. "Wenn das deutsche Team eine gute Leistung abgeliefert hätte, wäre alles kein Thema geworden."

Auch Gökhan Fide, letzte Saison noch für die SG Poppenhausen/Kronungen und jetzt in Schweinfurt am Ball, hält "Özils Rücktritt aus der Nationalmannschaft für absolut verständlich". Für ihn sei das sicher eine schwere Entscheidung gewesen. Der Gelsenkirchener sei in Deutschland geboren und aufgewachsen, habe lange für dieses Land gespielt.

Fide kritisiert wie auch Coprak und Epcelli, dass der DFB nicht frühzeitig etwas unternahm, um Özil zu schützen. "Er wurde nach den Fotos mit Erdogan bei jedem Testspiel ausgepfiffen. Da gab es keine Aussage vom Fußballbund oder auch Kanzlerin Angela Merkel. Die wissen doch sonst auch alles besser."

Für Tamer Gürek, Referee in der Bad Kissinger Schiedsrichter-Gruppe, wird die Diskussion um Özil und die Integration türkischstämmiger Spieler mit dessen Rücktritt aus der Nationalmannschaft langsam abebben. Auch er kritisiert, dass Spieler als auch DFB nicht frühzeitig Stellung bezogen haben.

Und die offiziellen Vertreter des DFB beziehungsweise Bayerischen Fußballverbandes? Sie äußern sich zum Rücktritt, wenn auch teilweise zurückhaltend. Jürgen Pfau, BFV-Bezirksvorsitzender, findet es schwer, Özils Schritt zu kommentieren. "Das sind Entscheidungen im Profibereich. Ich weiß viel zu wenig über die Interna, um mir ein Urteil zu erlauben."

Rainer Koch, BFV-Vorsitzender und DFB-Vize, bedauert Özils Rücktritt in seinem Facebook-Auftritt sehr. Der 29-Jährige besitze "großen Anteil an den überragenden sportlichen Erfolgen der deutschen Nationalmannschaft im letzten Jahrzehnt". Umso mehr bedauert es Koch, "dass das Bild mit dem türkischen Präsidenten über viele Wochen hinweg den Fans und der deutschen Bevölkerung nicht erklärt worden ist". Das habe zahlreiche Missverständnisse ausgelöst. Auf allen Seiten seien Fehler gemacht worden.

Koch respektiert, dass Nationalspieler mit Migrationshintergrund die deutsche Nationalhymne nicht mitsingen und zwei Staatsbürgerschaften besizten. "Allerdings sage ich auch, dass ich ein klares Bekenntnis zu den Grundwerten unseres Landes von jedem Spieler erwarte, der für Deutschland spielt."

Mit Nachdruck weist der DFB-Vize Angriffe gegen die Integrationsarbeit des Fußballverbandes und seiner 25 000 Vereine zurück. "Für Positionen, die Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund wegen ihrer Herkunft ausgrenzen, stehe ich nicht zur Verfügung."