Selbstverteidigung zu üben, ohne Kontakt mit einem Trainingspartner zu haben. Das gehört in Karate dazu. Viele Trainingselemente sind so angelegt, sie auch allein ausführen zu können. Insofern bedeutete der Corona-Lockdown im Frühjahr nicht zwingend, dass das Karatetraining stillstand - etwa bei den Schülern der Uechi-Ryu Karateschule in Bad Kissingen. Ihr Durchhaltewillen zeigt jetzt Ergebnisse.

"Ich bin stolz, dass eigentlich die ganze Zeit trainiert wurde, erst allein zuhause, dann im Luitpoldpark zunächst mit zwei Personen und 1,5 Meter Sicherheitsabstand und später mit zunehmenden Lockerungen wieder in immer größeren Gruppen", sagt Lehrmeister und Dojo-Inhaber Andreas Haberzettl (7. Dan).

Üben im heimischen Wohnzimmer

Trotz Lockdowns übten viele seiner Schüler für sich weiter. Sie filmten ihre Katas und technischen Übungen im heimischen Wohnzimmer; ihr Sensei gab übers Smartphone Verbesserungsvorschläge und Trainingstipps. Ab Mai trainierten die Karatekas dann in Zweier-Teams kontaktlos und mit ausreichend Abstand im Freien miteinander. Mit den zunehmenden Corona-Lockerungen kehrte Stück für Stück der Trainingsalltag wieder zurück.

Eigentlich hätte im Frühjahr eine Schwarzgurtprüfung stattfinden sollen. Die war wegen der Beschränkungen allerdings nicht möglich. Weil inzwischen auch bei Kampfsportarten unter gewissen Voraussetzungen wieder Körperkontakt erlaubt ist, holte Haberzettl vor kurzem im Luitpoldpark die Prüfung nach. Besonders hob er dabei die Leistung der neuen Junioren-Schwarzgurte hervor. Diese hätten Durchhaltevermögen bewiesen und ihre Motivation trotz der schweren Bedingungen nicht verloren. "Sie haben das Training im Park mitgetragen", lobte er.

Junioren-Schwarzgurt

Die Prüfung zum ersten Junioren-Schwarzgurt legten erfolgreich Lia Marie Dori (Bad Bocklet) sowie Chiara und Mariell Augsten (Ebenhausen) ab. Bei den Erwachsenen wurden Siegfried Schwemmer (Nürnberg, 1. Dan), John Nölte-Sayed (Bad Kissingen, 2. Dan) und Michael Abbate (Würzburg, 3. Dan) geprüft.

Für den evangelischen Priester Siegfried Schwemmer war die Prüfung nicht nur wegen Corona eine besondere. Der 64-Jährige trainiert eigentlich einen anderen Karatestil (Shotokan-Ryu), in dem er den 5. Dan trägt. Um sein Karate weiterzuentwickeln, entschloss er sich, Uechi-Ryu bei Haberzettl zu lernen. Dafür kommt er seit einem Jahr regelmäßig von Nürnberg nach Bad Kissingen, um zu trainieren.

"Uechi-Ryu ist ein in sich geschlossener, schlüssiger Karate-Stil. Er hat klare Prinzipien und konzentriert sich auf das Wesentliche. Das hat für mich einen hohen Reiz", erklärt Schwemmer. Wer Uechi-Ryu übt, habe Anteil an einer ursprünglichen Kampfkunst.

Neues und die Wurzeln von Karate

An einem Karate, das sich nicht über den sportlichen Wettkampf und den persönlichen Erfolg eines Athleten definiert. Er lerne Neues dazu und besinne sich zugleich auf die Wurzeln von Karate zurück.

Haberzettl sei ihm offen, entgegenkommend und respektvoll begegnet. Er schätzt zudem die angenehme und unterstützende Atmosphäre im Bad Kissinger Dojo. "Ich freue mich, hier Karate zu üben und bin gespannt auf das Neue", sagt Schwemmer.

Geschichte Karate stammt aus Okinawa, einer kleinen Insel zwischen Japan und Südchina. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es dort noch keine modernen Karateschulen. Die Kunst, sich selbst ohne Waffen zu verteidigen, wurde im privaten Kreis gelehrt und über Generationen weitergegeben. Schüler waren oft Familienmitglieder. Trainiert wurde, wo Platz war: zuhause, im Garten, am Strand, mit Partner oder für sich.