Ein Jahr an Vorbereitungszeit hatte Andreas Haberzettl in diesen Lehrgang samt Schwarzgurt-Prüfung investiert, der gleich an fünf Tagen in der Oerlenbacher Heglerhalle stattfand mit internationaler Besetzung. "Wir hatten hier auch Teilnehmer aus Kanada, Frankreich, Spanien, England und Tschechien, sagt der Karate-Lehrer, der im Jahr 2014 die Prüfung des 7. Dan ablegte. Und zwar bei Sensei Kiyohide Shinjo, der der Einladung des Bad Kissingers gefolgt war und damit das Herzstück der Veranstaltung bildete. Klar, dass der neunfache Weltmeister (!) Kostproben seines unglaublichen Könnens gab - als heute 67-Jähriger.

Wo genau leben Sie und wie oft sind Sie im Ausland? Kiyohide Shinjo: Ich lebe direkt in der Präfektur Okinawa, dem Ursprungsort des Uechi-Ryu-Karate. Aber meine Organisation hat Ableger in 15 Ländern, und das in allen Kontinenten. Daher bin ich jedes Jahr fünf- bis sechs Mal im Ausland.

Ein paar Worte zu Deutschland? Dieses Jahr bin ich das zweite Mal in Deutschland. Und ich nutze gerne die Gelegenheit, diese traditionelle Art von Karate-Technik an meine Schüler hier weiterzugeben. Was wir vermitteln, ist authentisch und ähnelt sehr unserem Stil in Japan, das macht mich sehr glücklich.

Und die deutsche Küche? Mir schmeckt ein bayerisches Frühstück mit Weizenbier und Weißwürsten richtig gut.

Uechi-Ryu-Karate, so heißt es, ist mehr Kulturgut als Sport. Können Sie das präzisieren? Diese Form von Karate hat eine 700 Jahre alte Geschichte und ist ein Teil der lokalen Kultur. Und für die Leute in Okinawa definitiv mehr als Sport. Wir halten diese Tradition in Ehren, aber wir sind auch offen für neue Wege, wollen uns zum Beispiel bei den nächsten Olympischen Spielen präsentieren, um Jugendliche zu begeistern.

Was erwarten Sie sich von den Olympischen Spielen 2020 in Tokio? Es werden nur 80 Karatekas teilnehmen können, und das in verschiedenen Gewichtsklassen. Aber Karate wird in 200 Ländern gelehrt. Ich hoffe, dass sich irgendwann die Champions eines jeden Landes bei den Olympischen Spielen treffen und mit einem einheitlichen Regelwerk ihre Besten ermitteln.

Kampfsport ist auch populär durch Filmhelden wie Jackie Chan, Bruce Lee oder die Karate-Kid-Filme. Wie stehen Sie solchen Filmen gegenüber? Diese Streifen finde ich großartig, gerade nach Bruce-Lee-Filmen haben sich die Leute für Martial Arts interessiert, waren motiviert und haben unsere Schulen gefüllt. Danach waren zum Beispiel die Nunchakus (zwei gleich lange Holzstücke, die mit einer Kette oder mit einer Schnur verbunden sind; Anm. d. Red.) immer gleich ausverkauft. Kinofilme sind immer eine Fiktion, die man nicht zu ernst nehmen darf. Aber ihre Helden sind immer auch Martial-Arts-Kämpfer, die jeden Tag hart trainieren und ihre Übungen immer wiederholen müssen. Und das unterstützt die Motivation unserer Schüler. Dass es in unseren Schulen aber nicht ums Prügeln geht, wird den Leuten sehr schnell klar.

Haben Sie selbst einen Kampfsport-Lieblingsfilm? Ich mag historische japanische Filme über die Samurai-Zeit.

Sie sind von Beruf Karate-Lehrer. Was lernen die Schüler bei Ihnen? Karate ist nicht nur Technik oder Kampf. Es ist das Entwickeln der eigenen Persönlichkeit. Das Lernen, wie ich zu einem stärkeren und besseren Menschen werde. Die besten Schüler sind die, die einen Charakter entwickeln, den sie ohne Karate nicht erlangt hätten. Hier spielt der gegenseitige Respekt eine große Rolle. Wir kämpfen, aber wir passen auch alle auf uns auf.

Kiyohide Shinjo (Jahrgang 1951) ist Träger des 9. Dan und ein neunfacher All-Okinawa Kata- und Kumite-Champion und ein Meister des Uechi Ryu Karate. "Okinawas Superman", so sein Spitzname, ist seit vielen Jahren der höchste Vertreter des Uechi-Ryu KEN-YU-KAI-Karate-Verbandes. Ein enger Kontakt aller Schulen zu den Meistern auf Okinawa stellt sicher, dass der Stil originalgetreu von den Lehrern an die Schüler weitergegeben wird.

Uechi-Ryu bezeichnet eine Stilrichtung in der okinawanischen Kampfkunst Karate-Do. Der Unterschied zu anderen Karatestilen liegt im relativ engen, aufrechten Stand, Techniken mit der offenen Hand, den Knöcheln, den Zehenspitzen und der Abhärtung des gesamten Körpers. Uechi-Ryu ist jedoch nicht nur körperliches Training. Die geistigen Aspekte, die sich hinter dem Wort "Do" (der Weg) verbergen, spielen beim Training eine ebenso große Rolle.