Ein halbes Jahrhundert war Gerd Hartung Schiedsrichter, 33 Jahre Schiri-Beobachter. Jetzt macht der 77-Jährige vom FC 06 Bad Kissingen offiziell Schluss. Ganz entsagen wird er seiner Leidenschaft nicht.

"Es ist nur das Alter; mir geht es gesundheitlich gut", nennt der Bad Kissinger den einzigen Grund für seinen Rückzug. 1966 hatte Hartung seine Schiedsrichterprüfung bei der Gruppe Bad Kissingen abgelegt. Kurze Zeit später begann laut einer Pressemitteilung seine Laufbahn als Funktionär - zunächst als Lehrwart und stellvertretender Obmann seiner Gruppe, später als Kreis-Jugendleiter sowie Kreis-Spielleiter des früheren Großkreises Schweinfurt.

Parallel leitete Gerd Hartung zwölf Jahre lang als aktiver Schiedsrichter Partien der Landesliga. Nach einigen Spielzeiten als Schiedsrichterbeobachter auf Verbandsebene wechselte er wieder in seinen Bezirk und war dort 33 Jahre lang im Beobachterstab aktiv.

Beim Leistungslehrgang des unterfränkischen Bezirks-Schiedsrichterausschusses am 7. und 8. Juli in Bad Kissingen schloss sich der Kreis. Obmann (BSO) Norbert Kröckel würdigte Hartungs herausragende Verdienste. Bis zuletzt habe sich der 77-Jährige mit großem Engagement eingebracht und seinen reichen Erfahrungsschatz an jüngere Schiedsrichter weitergegeben.

Gemeinsam mit Hartung wurde Ernst Adrio, ein weiterer verdienter Schiri-Beobachter, geehrt und verabschiedet. Er wohnt zwar in Hammelburg, war aber meist im Bereich Main-Spessart tätig.

"Ich möchte die ganze Zeit nicht missen. Sie war erfolgreich und einfach schön", sagt Gerd Hartung auf Nachfrage. Viele Jahre habe er Landesliga gepfiffen. Und da habe es manches Schiri-Bonbon gegeben. Zum Beispiel, wenn Bundesliga-Vereine zu Trainingslagern in die Region kamen. Konkret erinnert sich der 77-Jährige noch an Bayer Leverkusen und die Stuttgarter Kickers, die er pfeifen durfte.

Die Schiri-Beobachtung, sagt Hartung, sei "keine einfache Geschichte" gewesen. Man verteile ja Noten. Dafür müsse man Charakter und auch ein gewisses Rückgrat haben. "Die jungen Leute sind ja empfindlich. Das war eigentlich schon immer so." Dass es jetzt mehr Übergriffe von Spielern oder Vereinsverantwortlichen auf Schiris gibt - wie manchmal berichtet - kann Hartung nicht bestätigen.

Er habe sich über die Jahre aber auch einen gewissen Namen als Referee erarbeitet. "Wenn ich im Landkreis aufgetreten bin, war meistens Ruhe. Die Spieler hatten gewaltigen Respekt vor mir." Seine direkte, aber sachliche Art habe ihn im Gespräch mit Prüflingen ausgezeichnet.

Über den Schiri-Nachwuchs macht sich Gerd Hartung derzeit keine Sorgen. "Es gibt heutzutage sehr viele junge und gut qualifizierte Schiedsrichter." Da habe es während seiner Karriere schon wesentlich kritischere Zeiten gegeben.

Obwohl er sich jetzt zurückzieht: Hartung schließt nicht aus, mit jungen Schiris zu einem Spiel hinauszufahren. Denn in einer langen Karriere hat er festgestellt, dass dieser Beistand seinen jungen Kollegen unheimlich nutzt, ihnen viel Selbstvertrauen verleiht.

Und Spiele wird das Schiri-Urgestein weiter besuchen, einfach nur als Zuschauer. Auch wenn es nicht mehr so regelmäßig wird wie in seinem Leben als Schiedsrichter.