Nach etwas mehr als der Hälfte des diesjährigen Kissinger Sommers kann man als Besucher höchst erfreut feststellen, dass man verwöhnt worden ist. Man bedenke nur, welche Orchester bereits im Max-Littmann-Saal waren: hr- Sinfonieorchester, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, WDR-Sinfonieorchester, Bamberger Symphoniker - Bayerische Staatsphilharmonie. Und weitere werden folgen: Tschechichsche Philharmonie, Wiener Symphoniker (2x), Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, und zum Schluss noch einmal die Bamberger. Herz, was willst du mehr! Da durfte natürlich ein Orchester nicht fehlen: das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin, das im Regentenbau schon viele Bravos bekommen hat. Einen Tag vor dem Sommerurlaub hatte es sich noch einmal aufgemacht nach Bad Kissingen, um sich mit Kent Nagano dieser Konkurrenz zu stellen. Und wieder einmal war der Saal voll.

Mit Franz Schuberts 5. Sinfonie und dem 2. Klavierkonzert von Johannes Brahms stand Bewährtes auf dem Programm. Und trotzdem hatte der Abend nicht den gewohnten Glanz, wie man das von den bisherigen Gastspielen kannte und wohl auch dieses Mal wieder erwartet hatte. Das Konzert hatte eine gewisse Aura der Unfertigkeit. Klar, wenn man ein Jahr ins selbe Horn geblasen hat, dann kann es schon mal passieren, dass man einen Tag vor der Abreise ans Meer mal aus der Spur kommt. Aber daran lag es nicht.

Man muss in dem Fall wohl bei Kent Nagano beginnen. Der hat im Moment wirklich einigen Stress. Der hat die letzten Tage beim Festival in Aix-en-Provence intensiv geprobt, weil er am kommenden Freitag die Neuproduktion dort Pascal Dusapins Oper "Il viaggio, Dante" in einer Neuproduktion von Claus Guth mit dem Orchester und Ensemble aus Lyon dirigiert. Das steht bei ihm im Augenblick ganz vorne, weil er da unter Beobachtung der internationalen Medien steht. Da ist ein eingeschobenes Konzert in Bad Kissingen natürlich nur ein Nebenkriegsschauplatz. Man kann davon ausgehen, dass er sich trotzdem Gedanken über das Kissinger Konzert gemacht hat - zumindest die Reisezeiten stehen da ja uneingeschränkt zur Verfügung.

Nach 16 Jahren "Abstinenz" fehlt die Vertrautheit

Aber da beginnt das andere Problem. Kent Nagano, heute Ehrendirigent, war von 2000 bis 2006 Chefdirigent des DSO. Da lernte man sich intensiv kennen, man weiß vom anderen, was er will und was er kann. Da kann man auch mal ins Repertoire greifen und Werke so spielen, wie man das einige Zeit vorher gemacht hat. Aber diese Vertrautheit ist nach 16 Jahren, als sich die Wege trennten, nicht mehr da, nicht mehr möglich. Viele Musiker von damals sind heute nicht mehr im Orchester, und viele Neue sind gekommen, die Nagano nicht mehr als Chef erlebt haben - nur noch bei gelegentlichen "Ehrendirigaten". Da müssen Konzepte neu vermittelt werden, wenn man sie hat. Da müssen - vor allem, wenn man nicht viel Zeit hat - Dirigent und Orchester zusammenrücken und auf spontane Reaktionen setzen.

Wenn keine Zeit ist, müssen die Dirigenten entscheiden, welches Werk am wichtigsten ist. Das war in dem Fall für Kent Nagano einfach: Franz Schuberts 5. Sinfonie ist es nicht. Dieses Werk eines 19-Jährigen ist technisch nicht so anspruchsvoll, dass Profis es nicht vom Blatt spielen könnten. Da kann auch mal eine Anspielprobe vor Ort genügen, in der die Generallinie festgelegt wird. Aber Kent Nagano verlegte sich in seinem Dirigat vor allem auf die Tempi und die Dynamik, die durchaus plastisch geriet. Aber die Expressivität und eine Agogik der Überraschungen, die man dieser Musik trotz allem geben kann, kamen zu kurz. So dirigierte er immer mal wieder über Zäsuren drüber, die die Musik eigentlich zum Atmen und zum Strukturieren bräuchte. Und da alles so verhältnismäßig gleichförmig, aber auch glasklar musiziert war, merkte man deutlich, wie viel Schubert mit Wiederholungen gearbeitet hat, um die sinfonischen Dimensionen zu erreichen.

Problembär Nikolay Lugansky

Beim 2. Klavierkonzert von Johannes Brahms lagen die Dinge anders. Da hatten Dirigent und Orchester offenbar mehr Zeit gehabt, sich auf eine gemeinsame Spur zu begeben. Da entwickelte das Orchester die starke spätromantische Kraft, die dieses Konzert so beliebt, aber bei den Musikern auch so kraftfordernd macht. Kent Nagano hatte die Rollen ganz im Sinne von Brahms verteilt: das Klavier durchaus als Solist, aber auch als integriertes Mitglied im Orchester, als zusätzliche Klangfarbe - also nicht auf kämpferische Auseinandersetzung. Das hätte eine große Sache werden können, hätte sich da nicht ein Problembär eingeschlichen: Nikolay Lugansky. Der Moskauer Pianist, bekannt vor allem als Interpret des spätromantischen russischen und französischen Repertoires, und Kent Nagano kennen sich eigentlich gut.

Aber man hatte nicht den Eindruck, dass Lugansky die Absicht hatte, auf differenziertere Konzepte einzugehen. Er spielte mehr oder weniger vor sich hin, mit erstaunlicher Kraft, die das Eintauchen ins Orchester mitunter erschwerte, mit einem etwas monochromen, nie wirklich leisen Anschlag. Er suchte nie den Blickkontakt mit dem Orchester, sondern war von Anfang bis Ende über seine Tasten gebeugt und hatte sehr oft seine private "1" im Takt.

Schade. Aber man kann natürlich als Pianist auch angesäuert sein, dass Brahms - ganz im Sinne der Klavieremanzipation - die schönsten Themen vom Orchester vorstellen lässt. Vor allem im langsamen Satz, in dem das Solocello das wunderschöne Thema nicht nur ausgiebig feiert, sondern es am Ende auch in das Finale hinüberträgt. Valentin Radutiu, Solocellist der Berliner, spielte diese Melodie mit einer Innerlichkeit, Ruhe und lyrischen Sanglichkeit, dass er zum heimlichen Sieger des Brahms-Konzerts wurde. Er hätte auch einen Bocksbeutel verdient.