Man möchte es kaum glauben, aber Alondra de la Parra ist in der 33-jährigen Geschichte des Kissinger Sommers erst die vierte Frau, die im Regentenbau den Taktstock schwang. Ende der 80er Jahre war Agnieszka Duczmal mit ihrem Orpheus Chamber Orchestra die erste und bis auf weiteres einzige dirigierende Frau. Das änderte sich erst, als im vergangenen Jahr Mirga Gražinytè-Tyla mit dem City of Birmingham Orchestra auftauchte. Und in diesem Jahr waren es, wenn auch nicht so geplant, bereits zwei: Jane Glover und, zum Abschlusskonzert mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, die Mexikanerin Alondra de la Parra.
Man tut sich als Mann schwer, zu schreiben, dass es ein Genuss war, sie dirigieren zu sehen, weil das schnell ein sexistisches Gschmäckle bekommt. Aber es stimmt. Nach dem sehr zurückgenommenen, sehr ökonomischen Marek und dem eher wirkungslos überzogenen Cristian Macelaru war sie mal wieder eine, die sich traute, Emotionen und Begeisterung fürs Metier zu zeigen (es gibt durchaus auch solche Dirigenten) und die an ihre Musiker weiterzugeben. Sie ist eine Dirigentin, die sehr impulsiv, aber immer kontrolliert und punktgenau schlägt, die sich um die Einsätze kümmert, und das nicht nur in der linken Hälfte des Orchesters, die befeuert und dämpft, die sich als Person einbringt.
Das Programm war ideal für ein Abschlusskonzert, denn es machte Lust auf mehr. Natürlich standen zwei Werke von George Gershwin im Mittelpunkt: die Variationen über "I Got Rhythm" und die "Rhapsody in blue". Was Alondra della Parra da dem Orchester entlockte, war ein Maximum an Klangfarben, an rhythmischen Sensationen, an Drive. Im Gegensatz zu Cristian Macelaru am Vorabend war bei ihr die Lautstärke allerdings nicht Selbstzweck, sondern kontrollierter Ausdruck. Immer wieder kühlte sie den "Orchestermotor" herunter, um Musik und Publikum Gelegenheit zum Atmen zu geben - und dem Klavier Phasen der Selbstdarstellung.
Königin der "Rhapsody" war allerdings nicht das Klavier, sondern die Klarinette: Oliver Link spielte den berühmten Legato-Auftakt genüsslich wie ein dreckiges, ansteckendes Lachen und genoss auch ansonsten seine darstellerischen Freiheiten.
Der 26-jährige Südengländer Benjamin Grosvenor erwies sich, ganz im Sinne Gershwins, als idealer Teamplayer. In beiden Werken wühlte er sich virtuos unbeeindruckt mit breiter Pranke durch den harmonisch und rhythmisch höchst komplizierten Notentext, aber er hörte auch genau in das Orchester hinein, spielte wunderbare Übergaben und klangsinnliche Kadenzen und kämpfte, wenn er sich vom Orchester bedroht fühlte. Zweimal ein toller Gershwin.
Als Zugabe spielte Grosvenor aus dem 3. Buch der Lyrischen Stücke von Edvard Grieg den 5. Satz mit dem etwas überraschenden Titel "Erotikk", zu deutsch "Erotik". Auf den Titel wäre man nicht unbedingt gekommen. Naja, norwegisch halt.
Auch die anderen Werke hatten es in sich: die überraschend ins Programm genommene "Festliche Ouvertüre" zum 37. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution von Dmitri Schostakowitsch: sehr staatstragend pathetisch, aber trotzdem mit einer kleinen ironischen Distanz musiziert - eine wunderbare Einstimmung.
Bei Claude Debussys "Iberia" zeigte Alondra de la Parra, wie differenziert sie auch mit feinen Klangfarben Atmosphärisches zaubern kann, wie gut sie ein Orchester auch in die leisen Bereiche mitnehmen kann.
Zu einem Fest der spanisch-arabischen Klangfarben wurde Manuel de Fallas "El sombrero de tres picos", wobei Alondra de la Parra es geschickt vermied, der Musik ein folkloristisches Aroma überzustülpen, sondern die Stilisierung verdeutlichte. In der "Danza final", einer Jota, gerieten Musik und Orchester gleichermaßen in einen rhythmischen und klanglichen Rausch. Mitreißender hätte das Konzert nicht enden können.
Eine Zugabe hatten die Berliner nicht im Gepäck. So konnte man nahtlos übergehen zum zweiten wichtigen Teil des Abends: dem Dank an alle Beteiligten beim Abschlussempfang im Weißen Saal.