Die Frage klingt einfach. Ist sie aber nicht. "Wie fühlt ihr euch denn? Als Russlanddeutsche oder Deutsche?" Betretenes Schweigen. "Als bei des", sagt Max Sigle, Schüler an der Realschule Bad Brückenau, schließlich. Und nach einer Pause. "Oder gar nichts."



Acht junge Männer rutschen auf der Couch im Jugendzentrum Wildflecken herum. Sie schauen nach unten, spielen mit ihren Handys. Schon blöd, über Dinge zu sprechen, über die es eigentlich nicht viel zu sagen gibt. Schließlich sind fast alle in Deutschland geboren worden, hier aufgewachsen, integriert. Und doch. "Jeder kennt das: Hier sagen die Leute 'Verpiss dich nach Russland!' und in Russland sagen sie: 'Verpiss dich nach Deutschland", sagt Max. So sei das halt. Und weiter?

Die Russen kommen
Im Jahr 1988 zogen die ersten Russlanddeutschen nach Wildflecken. "Zehn Jahre später hatten wir 1000 Aussiedler hier", erinnert sich Bürgermeister Al fred Schrenk (SPD). Das sei fast ein Drittel der Bevölkerung gewesen. "Das war zu viel." Es hatte heftige Konflikte gegeben. Damals war Schrenk noch Lehrer. "Eine schwierige Zeit", sagt er und erzählt, wie die Schüler in unterschiedlichen Ecken des Schulhofes standen.

Die Gemeinde richtete ein In tegrationszentrum ein - erst in Oberwildflecken, wo bis 2002 viele Russlanddeutsche in einem Übergangsheim untergebracht waren, später in Wildflecken. Rund zwei Drittel der Kosten trägt das Bundesamt für Migration Nürnberg. Die Gemeinde Wildflecken lässt sich die Integrationsmaßnahme 9000 Euro pro Jahr kosten, der Landkreis beteiligt sich in ähnlicher Höhe. Mit dem Geld wird heute das Ju gendzentrum finanziert, wo sich Jugendsozialarbeiter Dimitri Antonov (afz) seit sieben Jahren um "seine Jungs" kümmert.

"Wir sind eine große Familie", sagt Antonov und vielleicht ist das der Grund, warum der Diplom-Sportlehrer immer noch hier arbeitet, obwohl er längst auch als Trainer des Bayerischen Leichtathletik-Verbandes unterwegs ist. Seine Jungs jedenfalls rutschen immer noch auf ihrer Couch herum, wissen nicht so recht, was sie sa gen sollen, als das Wort "Holz-Russe" fällt. Aber bitte was ist ein "Holz-Russe"?

"Na, die andere Partei eben." Lachen. Vitali Nagler, 23 Jahre alt und in Kasachstan geboren, nennt sie "Möchte-Gern-Deutsche", und ein anderer zückt sein Smartphone und zeigt ein Bild: Kurze Haare, Lackschuhe, Adidas-Hose. Alles klar. "Die fühlen sich als Deutsche, können aber keinen Brocken deutsch", erklärt Vitali. "Das sind die, die sich nicht integrieren wollen", wirft ein andere dazwischen. Aber so - da sind sich alle einig - sei man eben nicht.

Reizwort Integration
Integration. "Ich mag dieses Wort nicht", sagt Antonov. Und wenn dieser Mann aufgebracht sein kann, dann ist er es jetzt. Ein wenig. "Diese Zeit ist vorbei. Wir sind schon integriert." Seit August 2004 lebt Antonov in Deutschland. Er selbst ist kein Russlanddeutscher, sondern Georgier. In seinem Heimatland hält er bis heute den Hallenrekord im Weitsprung. Acht Meter Plus X, mehr ist nicht heraus zu bekommen aus Antonov. Seine beiden Söhne springen auch. Aber für Deutschland. Dafür hat die Familie gekämpft. Der älteste Sohn Ivane verpasste 2011 die Europäische Jugendolympiade, weil sich das Verfahren um die Deutsche Staatsangehörigkeit hinzog. Mittlerweile gehören beide zum Nachwuchs-Kader des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. Der jüngere Sohn, Dimitri Junior, will heuer bei der Leichtathletik-WM eine Medaille holen.

"Unterm Strich", sagt der Bürgermeister, "war das sehr positiv für Wildflecken." Während 1988 rund 2800 Einwohner in der Gemeinde lebten, waren es 1998 schon 3800. Heute hat sich die Zahl bei knapp 3000 Einwohner eingependelt - mit leichtem Rückgang. "Die Aussiedler, die heute noch da sind, kennen wir mit Na men", sagt Schrenk. "Wir be trachten sie gar nicht mehr als Aussiedler. Sie ha ben hier ge baut. Ihre Kinder gehen hier in die Schule. Sie sprechen deutsch." Und sind trotzdem anders.

Aber wie sind sie denn, die Russlanddeutschen? "Wenn wir schon mal dabei sind, sollten wir vielleicht ganz am Anfang anfangen, bei der Erziehung", schlägt Vitali vor und Heinrich Andreas wagt sich als Erster aus der De ckung: "Ich bin zum Beispiel noch so erzogen worden, dass ich meine Eltern mit Sie an rede", sagt der 19-Jährige. Das sei viel leicht etwas aus der Zeit, aber Respekt gegenüber Älteren, das finden sie gut.
"Heute laufen Kinder mit der Kippe in der Hand durch Wildflecken", berichtet Christoph Schmidt. "Wir haben uns damals wenigstens versteckt." Sein Va ter möchte übrigens nicht ge siezt werden, denn der ist Deutscher, also Deutsch-Deutscher gewissermaßen. Nur seine Mutter stammt aus der ehemaligen Sowjetunion. Alex Getz fasst schließlich zusammen: "Vor den Eltern nicht rauchen. Vor den Eltern nicht trinken. Vor den El tern nicht schimpfen." Punkt. Das sind Antworten. Doch so ganz zufrieden wirken sie nicht, die Jugendlichen. "Wir sind ganz normale Menschen, wie al le anderen auch", sagt Alex. Und es liegt Protest in seiner Stimme.
Nach der Raucher-Pause kommt die Erkenntnis. "Den wichtigsten Punkt haben wir vergessen", sagt Max, als sich die Jugendlichen wieder auf die Couch fallen lassen. Erst nach fast zwei Stunden Gespräch ist ihnen klar geworden, was es noch heißt, russlanddeutsch zu sein. Was es eigentlich heißt. "Wenn ir gendetwas passiert ..." Ein Um zug. Ein Trauerfall. Was auch immer. " ... dann hal ten wir al le zusammen. Es hört sich viel leicht blöd an, aber: Alle für einen, einer für alle."