"Unter Verschluss" heißt das Stück des katalanischen Autors Pere Riera und handelt von Politik und Moral, zwei Themen, die zurzeit in Pieras Heimat Katalonien die Volksseele zum Kochen bringen, was in Gestalt von Carles Puigdemont auch in Deutschland Wellen schlägt. Hätte man das nicht alles in Gesprächen mit der spanischen Zentralregierung regeln können? Wäre da nicht ein Kompromiss möglich gewesen? Dass Pere Riera gerade solchen Gesprächen im Bereich der Politik zutiefst misstraut, zeigt er in seinem Erfolgsthriller, mit dem das Theater Kontraste im Winterhuder Fährhaus Hamburg zurzeit mit großem Erfolg durch Deutschland tourt und auch beim Bad Kissinger Theaterring gefeiert wurde.
Zwei Vertreter der politischen Klasse, Premierminister Victor Bosch, Präsident eines spanisch sprechenden Landes, und sein mit allen Wassern politischen Ränkespiels gewaschener Pressesprecher Cáceres erwarten die Enthüllungsjournalistin Sylvia, die Bosch vor laufender Kamera als Pädophilen bloßstellen will und das mithilfe eindeutiger Fotos auch beweisen zu können glaubt, mit einer genau inszenierten Gegenmaßnahme. Der aalglatte Cáceres, der ihr beim Warten auf den Präsidenten Gesellschaft leistet, nutzt ihre Nervosität vor ihrem großen Auftritt, um sie zu verunsichern, indem er ihr Auftreten als sexuelle Anmache zu verstehen vorgibt und sie damit völlig in Rage bringt. Als Sylvias Mann ihr aus heiterem Himmel telefonisch mitteilt, dass die 15-jährige Tochter des Paares gerade in polizeilichen Gewahrsam genommen wurde, weil sie unter ihren Mitschülern mit Drogen gedealt hat, verliert Sylvia völlig die Fassung. Bosch teilt ihr mit, dass er von der Festnahme ihrer Tochter weiß, und nimmt ihr völlig das Heft aus der Hand, indem plötzlich er stellt die Fragen stellt und sie in die Verteidigungsposition drängt. Nur mühsam bringt sie ihre sorgsam gesammelten Anklagepunkte gegen Bosch vor, doch nimmt er ihr völlig den Wind aus den Segeln, als er den Geschlechtsverkehr mit einer 14-Jährigen zugibt, sich aber trotzdem als völlig Unschuldigen bezeichnet. Da Cáceres unumwunden erklärt, dass er Mittel und Wege sieht, die Staatsanwaltschaft zur Freilassung von Sylvias Tochter zu bewegen, wenn sie in ihrem Interview Bosch ungeschoren davonkommen lässt, wird ihr klar, dass sie in ein abgekartetes Spiel geraten ist.
Peiras als Thriller angekündigtes Stück läuft konsequent auf den Schlussteil zu, in dem das Publikum aus der Position der Fernsehzuschauer Zeuge des Interviews wird, das Sylvia als Unterlegene im Machtkampf mit Bosch und Cáceres letztendlich mit Bosch führt: Einem harmlosen Hinweis auf irgendwelche Anschuldigungen, auf die der Mächtige mit hohlen Politiker-Parolen von den überzeugenden Errungenschaften seiner bisherigen Amtszeit kontern kann. Alle drei haben für die Beibehaltung des Status quo im Staat und in Sylvias Familie ihre Ehrlichkeit verraten.
Dass der recht kurze Schluss durch das Pausencatering von der konsequent und spannend auf das Interview zulaufenden Handlung abgetrennt wurde, störte etwas den Spielverlauf. Doch hat es Regisseur Harald Weiler geschafft, die Textlastigkeit des Stücks durch plausible Gänge, die Vermittlung der ständig knisternden Nervosität während des Machtkampfes der drei und geschickt herausgearbeitete Spannungsbögen innerhalb der Szenen vergessen zu machen, und es dem Publikum möglich gemacht, Rieras zum Teil witzige Sarkasmen zu goutieren.
Die drei Schauspieler waren im Kontinuum der Handlung gewandt und trotz des etwas spartanischen Bühnenbildes von Lars Peter plausibel zu Gange. Sie führten durch eine schlüssige Interpretation der Charaktere das Publikum nachvollziehbar in einen jener Räume, in denen vermutlich Ähnliches nicht selten geschieht. Felix Lohrengel gab dabei überzeugend den arroganten politischen Drahtzieher, dem es ein großes und grausames Vergnügen bereitet, die Powerfrau Sylvia mit seiner kalt ausgespielten Pseudo-Überlegenheit zum Einlenken zu zwingen. Als Präsident mit sympathisch cooler Ausstrahlung konnte Sebastian Herrmann sehr deutlich dessen Changieren zwischen dem eigentlich mal anständigen Amtsbewerber mit Makel in der Vita und dem nun vollkommen von der Verzeihbarkeit und Nichtigkeit seines Vergehens überzeugten Machtmenschen Bosch zeigen. Katharina Abt spielte mit überzeugendem emotionalem Einsatz und stimmiger Gestik und Mimik die Demontage der erfolgssicheren Karrierefrau, die von zwei intriganten Politprofis in die Enge und zur Zurücknahme ihrer gerechten Sache gedrängt wird.
Das war alles sehr spannend und überzeugend dargestellt, weshalb auch am Ende das Publikum die Darsteller immer wieder mit anhaltendem Applaus auf die Bühne holte.